Management-Team von Interxion

© Kurier / Gilbert Novy

Wirtschaft
03/06/2021

IT-Firma: Mehr Frauen als Männer in der Chefetage

Beim Rechenzentrums-Betreiber Interxion sind drei von vier Vorständen weiblich. Der KURIER sprach mit Operations-Managerin Claudia Schupp über eine bröckelnde Männerdomäne.

von Anita Staudacher

Gesucht: Diplomingenieur für Elektrotechnik? Als Claudia Schupp die Ausschreibung zum Top-Job bei der Firma Interxion las, dachte sie sofort: "Die Anforderung ist eigentlich sehr unpassend für mich". Schließlich ist sie weder ein Mann noch ein Techniker. Beworben hat sich die 49-jährige gelernte Industriekauffrau und akademische Exportkauffrau trotzdem. Etwas Mut gehöre bei Bewerbungen immer dazu, so ihr Motto. Und siehe da, seit nunmehr drei Monaten ist die gebürtige Wienerin neue Operations-Managerin beim Rechenzentrums-Betreiber Interxion in Wien-Floridsdorf.

Das allein wäre noch keine Story wert, aber mit ihrer Bestellung ergab sich auch eine für die heimische IT-Branche außergewöhnliche Konstellation...

Schupp ist die dritte Frau in der vierköpfigen Führungsriege des Unternehmens und sorgt somit für eine 75-Prozent-Quote im Vorstand. Neben ihr sitzen noch Petra Oswald-Ulreich (49) als HR-Managerin sowie Karin Stopa (45) als Sales Managerin an den Schalthebeln der Macht. Einziger Mann im Vierer-Vorstand ist Managing Director Martin Madlo. Eine große Ausnahme in der Männerdomäne Informationstechnologie (IT).

Management-Team von Interxion

Purer Zufall?

Nicht ganz. "Bei Interxion wird Diversität groß geschrieben", erläutert Schupp, die zuvor IT-bzw. Rechenzentrums-Erfahrung bei Siemens, Atos IT Solutions und zuletzt bei Raiffeisen Informatik sammelte. Im Unternehmen würden Frauen sowohl bei diversen Positionsbesetzungen als auch als Frau generell einfach wertgeschätzt. "Das ist nicht nur ein Schlagwort, wir leben das auch". Im IT-Unternehmen mit 57 Beschäftigten beträgt der Frauenanteil derzeit 20 Prozent und soll noch gesteigert werden. Schupp möchte Frauen auch aktiv auf ihrem Karriereweg unterstützen. "Die Teamassistentin von heute muss nicht die von morgen sein, da gibt es Weiterentwicklungsmöglichkeiten". Auch Teilzeit dürfe kein Karrierehindernis für Frauen sein. Teilzeit-Managerinnen gibt es jedenfalls immer mehr.

Quotenpflicht

In Deutschland wurde mit Jahresbeginn eine gesetzliche Frauenquote für Vorstände großer Börsenkonzerne eingeführt, was für viel Gesprächsstoff sorgte. In Österreich wird derzeit nicht einmal darüber diskutiert. Schupp hadert zwar mit der Quotenpflicht, wie die meint, kann sie sich aber grundsätzlich vorstellen, um die Gesellschaft auf den richtigen Weg zu bringen. "Es gibt immer noch viel zu viele Frauen, die bei Posen schlicht nicht berücksichtigt werden. Eine Frauenquote würde da schon etwas bringen . Ist sie erst einmal implementiert, muss man fünf Jahre später nicht mehr über sie nachdenken". Es sollte dann selbstverständlich sein, dass eine entsprechend qualifizierte Frau in auch in eine entsprechende Positionen kommt.

Diversität in der Chefetage

US-Techkonzerne zeigen vor, wie Diversity geht und werben gezielt weibliche Chefs an. Bei Führungskräften in der Digitalbranche in den USA machen Frauen 25 Prozent der Top-Positionen aus. Im Silicon Valley stellen Frauen elf Prozent der Managerinnen in Tech-Unternehmen. Am besten schneidet Apple mit 29 Prozent ab, gefolgt von Google mit 26 und Facebook mit 22 Prozent.

In Europa setzt etwa der deutsche Software-Spezialist SAP bei Top-Positionen auf die Ausgewogenheit der Geschlechter. Erst Anfang Februar wurde die 38-Jährige Christina Wilfinger zur neuen Österreich-Geschäftsführerin bestellt, als erste Frau überhaupt. Das SAP-Management in Österreich besteht nun zur Hälfte aus Frauen. Auch die Österreich-Niederlassungen von Microsoft und IBM werden aktuell von Frauen geleitet.

Prominente Beispiele können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass in der heimischen Digitalwirtschaft weibliche Chefs noch immer stark unterrepräsentiert sind. Ihr Anteil in den Vorständen lag zuletzt (2018) unter fünf Prozent. In Wien wird nur jedes zehnte IT-Unternehmen von einer Frau geführt. Bei den Börsefirmen sieht es freilich nicht besser aus. Zuletzt waren von 87 Vorstandsmitgliedern der im ATX gelisteten Unternehmen gerade einmal sieben weiblich. In immerhin 15 ATX-Vorständen sitzt bis dato gar keine Frau.

Osteuropa als Vorbild

Was auffällt: Trotz zahlreicher Frauenförder-Initiativen wie Women&Code, Frauen in die Technik (FiT) oder NewITGirls wächst der Frauenanteil in der IT-Branche nur sehr langsam. Woran liegt das? Schupp verweist hier auf die Länder Osteuropas wie etwa Rumänien, wo Frauen in den technischen Berufen längst selbstverständlich seien und ihr Anteil in der IT-Branche daher entsprechend hoch.

Hier setze der Staat schon sehr früh in der schulischen Ausbildung an. Bereits in der Volksschule würden technische Fächer forciert und entsprechende Fähigkeiten bei den Kindern gefördert, während man in Österreich oft erst als Jugendlicher damit konfrontiert werde. "Viele Jugendliche wissen einfach zu wenig über die vielen Berufsmöglichkeiten in der IT-Branche Bescheid und wählen dann lieber Jobs, die sie kennen".

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Weibliche Führung

Was unterscheidet weibliche Führungskräfte von männlichen? "Wir haben einfach eine andere Herangehensweise an Führung", ist die Managerin überzeugt. Gerade diese unterschiedliche Herangehensweisen würden Organisationen aber erst wirtschaftlich voranbringen. Frauen müssten sich auch von der Vorstellung lösen, so sein zu müssen wie ein Mann. "Nein, müssen sie nicht. Lieber authentisch bleiben", so ihr Tipp. Und Frau könne sich sowohl von Chefinnen als auch von Chefs etwas abschauen. Schließlich würden viele Einflüsse auf eine Person einwirken – Familie, Herkunft, Ausbildung, Erlebnisse – sie könne daher nicht auf das Geschlecht allein reduziert werden.

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