Wirtschaft 26.02.2015

Was ist dran am Steuer-Wunderland Schweiz?

© Bild: REUTERS/ARND WIEGMANN

Das Nachbarland taucht in der Steuerreformdebatte ständig auf – als Vorbild taugt es nur bedingt.

Sehnsuchtsort Schweiz: Jeder findet genau das, was er sucht. Für liberale/konservative Politiker sind die niedrigen Steuern und der Wettstreit der Kantone sexy. Und für Sozialdemokraten ist die Vermögens- und Erbschaftssteuer der Beweis: Wenn das sogar in der Schweiz, dem Hort der Reichen, funktioniert, warum nicht auch in Österreich? Was ist dran am Steuer-Wunderland – der KURIER hat nachgeforscht.

Ist die Steuerbelastung in der Schweiz wirklich so gering, wie oft behauptet wird?

Die Zahlen der Reiche-Staaten-Organisation OECD klingen unglaublich: In Österreich fließen 49,1 Prozent des Durchschnittseinkommens an den Staat (inklusive Arbeitgeberbeiträgen), in der Schweiz 22 Prozent. Sieht gut aus, ist aber eine Mogelpackung. Die Schweizer müssen nämlich Pflichtbeiträge für die Krankenkasse leisten. Und diese rechnet die OECD nicht ein. Mit diesen steigt die eidgenössische Abgabenlast auf 37,2 Prozent, womit der Abstand deutlich schrumpft.

Wie viel Einkommensteuer zahlen die Schweizer?

Das variiert von Kanton zu Kanton und von Gemeinde zu Gemeinde. Die OECD gibt die durchschnittliche Steuer- und Abgabenlast für einen Schweizer Alleinverdiener (verheiratet, zwei Kinder) mit 9,5 Prozent des Bruttoeinkommens an (38,4 Prozent für Österreich). Aber auch da werden Äpfel und Birnen verglichen, weil die Pflichtbeiträge zur Krankenversicherung fehlen. Die Steuerexperten der Kanzlei TPA Horwath haben deshalb für den KURIER drei konkrete Beispiele nachgerechnet (siehe Grafik).

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Lebt es sich somit in der Schweiz viel besser?

Vorsicht ist geboten, bevor Sie mit Sack und Pack den Bodensee überqueren: Es kommen noch gewaltige Zusatzkosten auf Sie zu. Sie sollten aus Ihrem Nettoeinkommen jedenfalls eine private Altersvorsorge finanzieren – staatlich garantiert ist nämlich nur eine Mini-Pension.

Und: Das Leben ist in der Schweiz um ein Vielfaches teurer. Mit einem "österreichischen Einkommen" werden Sie kaum das Auslangen finden. Mit 56.000 Euro Jahresbrutto (etwa 60.000 Schweizer Franken) fiele eine vierköpfige Familie in Zürich sogar unter das gesetzliche Existenzminimum!

Wie viel mehr müsste ich verdienen, um meinen Lebensstandard zu halten?

Das ist schwer zu beziffern und hängt davon ab, wo und wie Sie leben möchten. Wer Pendeln in Kauf nimmt, kann sich in einer steuerlich und preislich günstigen Gemeinde ansiedeln. Direkt in Zürich wird es teuer: Eine zentrale Drei-Zimmer-Wohnung mit 90 Quadratmetern kostet mindestens 3000 Franken (2800 Euro) Monatsmiete. "Gut leben können Sie in Zürich mit einer Familie von ungefähr 100.000 Schweizer Franken brutto, dann müssen Sie nicht jeden Rappen zwei Mal umdrehen", sagt Steuerexperte Hansjürg Szadrowsky. Das Lohnniveau in der Schweiz ist freilich bedeutend höher als in Österreich. Ein typisches Schweizer Haushaltseinkommen (Median) liegt bei ungefähr 72.000 Franken brutto (umgerechnet 67.000 Euro).

Wie funktioniert die Vermögenssteuer?

Besteuert wird das Reinvermögen – von den Vermögenswerten (Bares, Wertpapiere, Häuser, Schiffe, Autos, Kunstgegenstände, Schmuck, Pferde) werden Schulden abgezogen. Die Höhe und der Schwellenwert variieren je nach Kanton. Der Maximalsatz (knapp 1 Prozent) fällt in Genf an – dort zahlen die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung 94 Prozent der Vermögenssteuer.

Warum leben viele Promis trotz Vermögenssteuer in der Schweiz?

Dank "Swiss Leaks" ist bekannt: Tina Turner und Phil Collins haben Konten bei der HSBC-Bank und einen Wohnsitz in der Schweiz. Für reiche Ausländer gibt es die günsti-ge Pauschalbesteuerung: Es fällt nur ein Einheitswert an, der sich an den Mietkosten bemisst. Ein lupenreines Privileg für einige Tausend ausländische Millionäre, das aber von den Schweizern gebilligt wird: Sie haben erst im November 2014 gegen die Abschaffung gestimmt.

Wie kann die Schweiz trotz Bankgeheimnis eine Vermögenssteuer einheben?

Indem sie auf die ehrliche Selbstauskunft der Steuerpflichtigen vertraut. Häuser lassen sich kaum verstecken, beim Barvermögen können die Behörden allenfalls einen Check der Plausibilität anstellen. "Ich gehe davon aus, dass es eine Dunkelziffer an Schweizern gibt, die Abgaben hinterziehen", sagt Marco Salvi, Steuerexperte der liberalen Denkfabrik Avenir-Suisse in Zürich.

Gibt es eine Erbschafts- und Schenkungssteuer?

Ja, aber nur in einigen Kantonen und auch da nur für Personen, die keine direkten Nachkommen sind. Am 23. Juni findet allerdings ein Referendum über eine bundesweite Erbschaftssteuer statt. "Diese Abstimmung könnte knapp werden", glaubt Salvi.

Ist das Schweizer Steuersystem viel besser?

Es ist zumindest transparenter. Wo Geld ausgegeben wird, muss es zuvor eingenommen werden. Den Schweizern ist somit bewusst: Die neue Sportanlage in meiner Gemeinde finanziere ich selbst – mit höheren Steuern. Deshalb werden solche Vorhaben häufig abgelehnt. In Österreich gibt es dieses Kostenbewusstsein nicht.

Was ist an Österreichs Steuersystem besser?

Die Kapitalertragssteuer, wie sie Österreich derzeit hat, sei ökonomisch sinnvoller als eine Vermögenssteuer, sagt der Schweizer Experte Marco Salvi: "Das produktive Kapital wird dadurch weniger belastet." Um die Vermögenssteuer bezahlen zu können, müsse nämlich oft Geld ausgeschüttet werden, was die Kapitalbasis schwächt: "Das ist keine Propaganda. Ich kenne viele Unternehmen, die das machen mussten."

Erstellt am 26.02.2015