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Wirtschaft
11/30/2020

Was Agrariern in den Kantinen gar nicht schmeckt

Neue Initiative soll „Öffentliche Hand“ zum Kauf heimischer Lebensmittel bewegen

von Simone Hoepke

Wenn nicht gerade gefühlt halb Österreich im Homeoffice sitzt, gehen täglich bis zu 1,8 Millionen Menschen im Land in eine Kantine essen. In Kindergärten, Schulen und auf Unis, wie in Betriebskantinen oder Alten- und Pflegeheimen.

Was dort auf dem Teller landet, schmeckt heimischen Agrariern aber oft gar nicht. „Hühnerfleisch aus der Ukraine, Nudeln aus US-amerikanischem Getreide, Äpfel aus Chile“, nennt Agrarministerin Elisabeth Köstinger nur ein paar Beispiele. Sie will mit der Initiative „Österreich isst regional“ gegensteuern. „Wir wollen, dass die Menschen mehr regional kaufen, also werden wir das in der öffentlichen Beschaffung selbstverständlich auch tun.“ Als „Leuchtturmprojekt“ gilt die Parlamentskantine, die täglich rund 1.000 Menschen verköstigt und künftig im Einkauf nachweislich nicht nur auf den besten Preis, sondern auf Regionalität achtet.

Bis zu 80 Prozent teurer

Es ist höchst an der Zeit, dass die öffentliche Hand vom Billigst- zum Bestbieterprinzip umstellt, findet Michael Wurzer, Sprecher der heimischen Geflügelwirtschaft. „Das was im Jahr 2005 im Tierschutzgesetz festgeschrieben wurde, sollte auch als Mindestmaß bei der Ausschreibung von Lebensmitteln seitens der Öffentlichen Hand gelten“, so sein Standpunkt. Dank des starken Tierschutzgesetzes haben Masthühner und Puten per Gesetz in Österreich deutlich mehr Platz als ihre Artgenossen in anderen Ländern. Das wiederum schlägt sich in den Fleischpreisen nieder.

Die Kilopreise liegen um etwa 30 Prozent über jenen der ukrainischen Konkurrenz. Bei Edelteilen sogar um 50 bis 80 Prozent. Das ist auch der Grund, warum in vielen Kantinen letztlich Importfleisch auf den Tellern landet. Der Preiskampf hat letztlich auch dazu geführt, dass immer mehr Mäster im Land aufgeben und der Selbstversorgungsgrad in Österreich sinkt.

Dennoch: Die niederösterreichische Landesgesundheitsagentur hat im Vorjahr um 19,3 Millionen Euro Lebensmittel für 27 niederösterreichische Klinikstandorte eingekauft. 81 Prozent davon von Lieferanten aus dem Bundesland, was die Rechnungsanschriften belegen. Was den Anbietern aus der Region in die Hände spielt, sind genaue Produktspezifikationen und Qualitätskriterien (Muss- und Sollkriterien) wie zum Beispiel kurze Liefer- und Nachlieferzeiten, Bewertungen mittels Verkostungen, möglicher Vorortbetreuung sowie regionaler bzw. lokaler Losegestaltung, sagt Christian Schauer, Leiter des Lieferketten-Managements.

Aber kann man den Einkäufern überhaupt vorschreiben, dass sie nur Regionales einkaufen? „Das ist relativ schwierig“, sagt Ministerin Köstinger und meint damit eigentlich „unmöglich“. Schon allein, weil Österreich selbst jährlich Lebensmittel im Wert von zwölf Milliarden Euro ins Ausland verkauft. Als Exportnation kann man schwer argumentieren, dass andere nicht exportieren dürfen – und dies würde obendrein den Gemeinschaftsrecht widersprechen. Die „Österreich isst regional“-Initiative hat damit reinen Empfehlungscharakter.

Laut einer Studie im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums, würde der Einkauf von einem Prozent mehr heimischen Lebensmitteln übrigens 3.100 Arbeitsplätze und eine zusätzliche Wertschöpfung von 140 Millionen Euro schaffen.

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