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Wirtschaft
12/04/2021

Warum das Kursfeuerwerk an den Börsen heuer schon fast abgebrannt ist

Aktien verzeichneten heuer große Zugewinne. Eine Jahresendrallye schien zunächst möglich, doch mit der neuen Corona-Variante änderten sich die Vorzeichen.

von Robert Kleedorfer, Anita Kiefer

Sehen wir heuer noch eine klassische Jahresendrallye? Mehr als fraglich, sagen Expertinnen und Experten. „Vielleicht war das im Oktober und November ja schon die große Jahresendrallye“, sagt Markus Dürnberger, Leiter Asset Management beim Bankhaus Spängler, eine der renommiertesten Privatbanken mit Sitz in Salzburg. Verwunderlich wäre ein Ausbleiben der Jahresendrallye nicht.

„Es war ein exzellentes Aktienjahr“, sagt Dürnberger. „Die Aktienperformance vom heurigen Jahr wird man 2022 kaum erwarten können“, gibt er auch gleich einen Ausblick auf das neue Jahr. Immerhin habe man in den vergangenen Monaten „exorbitante Wachstumsschübe“ aus dem Lockdown heraus gesehen, ganz zu Schweigen von den neuen Impfstoffen. Und: Nach vorne hin ist mit derartig hohen Wachstumsschüben natürlich nicht zu rechnen. „Es fehlen die Basiseffekte.“ Inflation, Lieferketten und ein relativ enger Arbeitsmarkt („vor allem in den USA“, so Dürnberger) könnten Hemmschuhe sein.

Keine Rezession

Dennoch könne man von positiven Aktienmärkten ausgehen, „wenn wir nicht wieder eine Rezession sehen, von der wir aktuell nicht ausgehen“. Man sollte sich aber auch nicht wundern, „wenn die Märkte auch einmal um zehn Prozent korrigieren. Das wäre auch nicht ungesund.“

Zu einzelnen Branchen will man sich beim Bankhaus Spängler nicht äußern. „Wir machen keine Sektorwetten“, sagt Dürnberger. Beim Thema Erneuerbare Energien hätte man etwa gesehen, dass der Sektor heuer nicht so gelaufen sei wie prognostiziert. Das werde auch ein volatiles Thema bleiben. In einem normalen Umfeld breit diversifiziert zu sein sei „das Gebot der Stunde“, meint Dürnberger.

Nach Regionen sollte man China auf der Rechnung haben, sagt der Experte. Momentan erfahre die Wirtschaft eine Transformation durch die Eingriffe der Regierung, die es in der nahen Vergangenheit gegeben hat.

Das sieht auch Gerold Permoser, Chief Investment Officer bei der Erste Sparinvest, so. Die Wirtschaft des Landes werde umgebaut hin zu einer Stärkung der Binnenwirtschaft und größerer Eigenständigkeit des Landes. Durch diese Neuorientierung werde China zwar kurzfristig langsamer wachsen, längerfristig sei das aber positiv für die Wachstumsaussichten Chinas. Durch diesen Umbau drohen Permoser zufolge aber auch Risiken für die weltweiten Kapitalmärkte.

Schnell aus Krise

Und es gibt weitere. So sei die Welt verglichen mit früheren Rezessionen relativ schnell aus der Krise gekommen. Entscheidend dafür sei die Geld- und Fiskalpolitik der Notenbanken und Regierungen gewesen, die mit ihrer Unterstützung die starke Erholung gestützt hätten. 2022 werde diese Entwicklung durch den privaten Sektor getragen. Permoser sieht durch die schnelle Erholung aber die Gefahr der Überhitzung. Zu spüren sei dies schon seit geraumer Zeit bei Engpässen bei Rohmaterialien, was auch die Inflation antreibe – ein weiteres Problem. Transport- und Logistikkosten würden dieses noch zusätzlich anheizen. „Werden Halbleiter zum neuen Öl?“, stellt er sich die Frage.

Durch die hohe Inflation geraten laut Permoser die Zentralbanken unter Druck. Machen sie Fehler beim Zurückfahren ihrer Hilfsprogramme oder in ihrer Zinspolitik, könnte sich das ebenfalls negativ auf die Börsen auswirken.

Gewinne steigen

„Wir erwarten, dass die Gewinne 2022 weiter steigen werden, aber nicht mehr mit der Dynamik, die wir heuer gesehen haben.“ Der Experte rechnet mit 5 bis 10 Prozent Kurszuwächse. Europa sollte die Nase vorne haben, bei chinesischen Aktien auf geringen Staatsbezug achten, so sein Rat. Im Energiesektor gehe die Erholung weiter, bei Rohstoffen müsste zunehmend diversifiziert werden, etwa in Richtung seltene Erden. Alternativen zu Aktien seien weiterhin rar gesät. Staatsanleihen seien wegen des Zinsänderungsrisikos weiter unattraktiv.

Interessante Einblicke gibt auch die Deutsche Bank in ihrem Kapitalmarktausblick auf das Jahr 2022. Es dürfte jedenfalls das Jahr der Zinswende werden, so die Einschätzung. Vor allem die US-Notenbank werde wohl angesichts von hoher Inflation und der weiteren Wirtschaftserholung zum Handeln gezwungen.

Gutes Umfeld

Während das an den Rentenmärkten zu Turbulenzen führen könnte, ist es für Aktien ein gutes Umfeld, heißt es: „Trotz einer Zinserhöhung der Fed und einer möglichen Straffung der Geldpolitik in anderen Teilen der Welt dürfte die anhaltende finanzielle Repression die Märkte weiter unterstützen und dazu führen, dass der Investitionsschwerpunkt derzeit auf realen Anlageklassen wie Aktien und Immobilien liegt“, so Ulrich Stephan, Chefanlagestratege Privatkundenbank Deutschland der Deutschen Bank.

Zwar werde es eine nachlassende Dynamik geben. Aber: „Das anhaltende Gewinnwachstum der Unternehmen dürfte die Aktienmärkte weiter treiben.“ Mit einer Ausweitung des Kurs-Gewinn-Verhältnisses KGV rechnet er nicht, aber die Rendite des Jahres 2022 werde „in etwa dem erwarteten Gewinnwachstum von acht bis neun Prozent“ entsprechen.

Nachholbedarf

Profitieren würden etwa Firmen der Unterhaltungselektronik oder des Tourismus, und zwar wegen des Nachholbedarfs. Die Auftragsbücher der Industriekonzerne seien ohnehin gut gefüllt, und „auch beim Konsum von Dienstleistungen besteht bei einem Abflauen der Pandemie noch Luft nach oben“, sagt Stephan. „Die Autoproduktion in Europa und in den USA“ sollte sich wegen eines „wieder höheren Angebots an Halbleitern aus Asien“ bald erholen, auch wenn das Problem der Chip-Knappheit noch nicht vollständig gelöst ist.

„Die Voraussetzungen für eine globale Jahresendrallye sind grundsätzlich intakt, durch Omikron wurde die Pandemie aber wieder verstärkt ein Thema für die Märkte“, sagt Alexander Adrian, Fondsmanager bei der Schoellerbank. „Unterstützend beitragen würden positive Nachrichten über die neue Corona-Mutante und eine Entspannung beim Ölpreis, denn damit würden sich die Inflationserwartungen reduzieren und mögliche Zinserhöhungen konterkarieren. „Zudem würden die Notenbanken bei notwendigen schärferen Covid-Restriktionen sehr wahrscheinlich marktunterstützend reagieren.“

Extrem günstig

Die Betrachtung der Gewinne der Unternehmen im Verhältnis zu den aktuellen Kursen lasse Aktien mit Ausnahme der USA nicht generell ausufernd bewertet erscheinen, vor allem in Asien seien die Aktien extrem günstig. Die Schoellerbank ist hier vor allem für breit diversifizierte Investments in China und Japan weiter zuversichtlich.

Aber natürlich könne Covid zu Rückschlägen führen. An globale Lockdowns glaubt er jedoch nicht. „Global investieren, um Risiken zu minimieren“, lautet sein Rat. Auch mit den Lieferschwierigkeiten habe sich die Welt schon arrangiert. „Die Unternehmen haben zusätzliche Lieferanten und eigene Lager.“ Eine selektive Titelauswahl sei jetzt wichtig. „Gut ist, investiert zu bleiben, auch weil Alternativen fehlen. Dabei geht es nicht nur um die nächsten ein bis zwei Monate“, so Adrian.

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