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Analyse
03/18/2020

Virus und Börsenabsturz: Für Trump eine toxische Mischung

Handelskrieg, Impeachment: Bisher schien alles am US-Präsidenten abzuperlen. Kostet ihn der Börsen-Absturz die Wiederwahl?

von Hermann Sileitsch-Parzer

Auch das noch: Die Wall Street muss zusperren. Und das buchstäblich. Ein Händler der New York Stock Exchange wurde positiv auf das Coronavirus getestet, meldete CNBC am Mittwochabend.

Noch vor wenigen Tagen hatte Angelika Ahrens für den KURIER live von der Wall Street berichtet. Jetzt ist eines der letzten Börsenparkette weltweit, wo die Dramatik und Aufgeregtheit des Aktienhandels unmittelbar mit Händen zu greifen (und mit Fotos einzufangen) sind, geschlossen.

Der Handel muss ab sofort auch in New York elektronisch abgewickelt werden.

Der Trump-Bonus: Weg

Es ist ein weiteres Sinnbild für den gewaltigen Börsenabsturz der vergangenen Tage. Dieser hat auch den viel zitierten „Trump-Bonus“ endgültig ausradiert.

Mit dem Minus vom Mittwoch steht der bekannteste Aktienindex weltweit, der Dow Jones Industrial Average, wieder dort, wo er bei Trumps Amtsantritt am 20. Jänner 2017 gestartet war.

Eine US-Obsession

Das hat auch größte politische Relevanz. Warum? Die Börsen gelten in großen Teilen der US-Bevölkerung als der Maßstab des wirtschaftlichen Wohlergehens schlechthin – viel mehr als in Europa.

Das hat ganz pragmatische Gründe: Zum einen stecken wesentlich mehr Amerikaner ihr Erspartes in Aktien, ihre Vermögen schwanken also mit den Kursen. Viele blicken aber auch gebannt auf ihre kapitalmarktgedeckten Pensionsvorsorgepläne, also darauf, wie ihr Auskommen im Alter aussehen wird.

Und selbst, wer an den Börsen eigentlich gar nichts zu verlieren hat, betrachtet die Kurse als Indiz dafür, dass es gut läuft in den USA. Oder eben schlecht, wie gerade jetzt.

"Danke, Mr. Präsident"

US-Präsident Trump hatte sich diese Obsession der Amerikaner geschickt zunutze gemacht. Die gute US-Konjunktur und insbesondere die ständig neuen Börsenrekorde hatte er sich selbst und seiner Wirtschaftspolitik auf die Fahnen geheftet. „Danke, Mr. Präsident“, konnte man in mehr als einem Trump-Selbstlob-Tweet nachlesen.

Der Präsident senkte die Unternehmenssteuern, entfachte auf Pump ein konjunkturelles Strohfeuer, herrschte die Notenbanker an, sie sollten endgültig die Zinsen senken. All das trieb die Aktienkurse hoch. Die Börsenhändler an der Wall Street liebten ihn dafür, schließlich durften sie einen Rekord nach dem anderen feiern.

Das ist gefühlt viele Wochen her. Die Liebesbeziehung ist deutlich abgekühlt. Nichts konnte die Talfahrt der Kurse seither stoppen: Weder die US-Notenbank, die in einem dramatischen Schritt die Zinsen auf Null gesenkt hat. Verpufft. Noch die Ankündigung eines nie dagewesenen Konjunkturpaketes oder von glatten Geldgeschenken für jeden einzelnen US-Bürger. Achselzucken.

Risiken negiert

Hingegen rächt sich Trumps arroganter und fahrlässiger Umgang mit dem Coronavirus. Erst hatte er dieses zunächst für ein rein chinesisches Problem gehalten. Dann die Gesundheitsrisiken kleingeredet. Und später, als die Fälle sich häuften, die US-Infektionen den Europäern in die Schuhe geschoben. Viel zu spät wurden in den USA wirksame Eindämmungsmaßnahmen gesetzt.

Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass 70 Prozent der US-Bürger sehr besorgt wegen der Verbreitung des Virus sind. Die Stimmung droht zu kippen: Im Februar waren noch 61 Prozent der Meinung, die Trump-Regierung tue genügend dagegen. Anfang März waren es nur noch 46 Prozent. Die Bundesstaaten erhalten viel bessere Noten. Und das Agieren des Präsidenten selbst finden nur 44 Prozent gut, aber 49 Prozent schlecht.

Bis November kann viel passieren

„Danke, Mr. Präsident“? Die US-Bürger könnten sich am Wahltag im November daran erinnern. Und somit erreicht womöglich die Kombination aus dem Virus und dem Börsenabsturz etwas, das zuvor undenkbar schien. Je nachdem, wie schwer sich die Gesundheits- und Wirtschaftskrise in den USA noch erweisen: Es könnte Trump die sicher geglaubte Wiederwahl kosten.

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