© Ahrens

Reportage
03/06/2020

"Das raubt dir geradezu den Atem": Das Coronavirus an der New Yorker Börse

Wie die Händler am wichtigsten Finanzmarkt der Welt die turbulenten Handelstage rund um die Coronavirus-Krise erleben.

aus New York von Angelika Ahrens

"Es war eine wilde Woche, eigentlich zwei wilde Wochen hintereinander. Solche Kursschwankungen. Das raubt dir geradezu den Atem. An einem Tag 1.000 Punkte rauf, dann wieder 1.000 Punkte runter…"

Der 80-jährige Ted Weisberg ist Aktienhändler an der Wall Street und Präsident von Seaport Securities – eine Legende. "Ich bin seit mehr als 50 Jahren in dem Geschäft. An die Schwankungen gewöhnst du dich nie."

Die 600 Meter lange Wall Street im Süden Manhattans gilt als Machtzentrale der Finanzindustrie. Die New York Stock Exchange ist die größte Börse der Welt, hier werden aktuell Papiere im Wert von rund 28.000 Milliarden US-Dollar gehandelt.

Eine unvorstellbare Summe. Hier fließen Emotionen, Testosteron pur. Die Wall Street gilt noch immer als Leitbörse weltweit. Auch für Börsen in Europa, wie Frankfurt und Wien.

"Noch nie so brutal"

Ted ist ein Veteran der Börse, manche nennen ihn auch "Bürgermeister der Wall Street". Seine Augen funkeln geschäftig, in seiner Brille spiegeln sich die blauen Lichter der Bildschirme, auf denen die Aktienkurse flackern. Seit mehr als 50 Jahren trägt er die blaue schlichte Jacke der Börsenhändler.

Weisberg kauft und verkauft Aktien im Auftrag anderer Leute. Seine Kunden sind Banken, Investmentfonds oder ganz einfach reiche Menschen.

Ob er in all diesen Jahren schon einmal so etwas erlebt hat? "Nicht so brutal wie jetzt. Ich war hier am Schwarzen Montag 1987, dem ersten Börsenkrach nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals ist der Aktienmarkt um 22 Prozent gefallen, können sie sich das vorstellen? Heute gelten schon Kursbewegungen von drei oder vier Prozent als dramatisch."

Was derzeit passiere, sei erschreckend. "Aber es ist eine ganz andere Kategorie von erschreckend," so Weisberg.

Ted Weisberg, Angelika Ahrens

Mike Pyle, Blackrock

Börsenparket der NYSE

Händler Peter Tuchman

Peter Tuchman, Angelika Ahrens

Ein Mann mit Schutzmaske passiert die New York Stock Exchange (Wall Street, Manhattan, New York)

Peter Tuchman

Ted Weisberg/Seaport Securities, Angelika Ahrens

Angst und Gier

Was rät er seinen Kunden derzeit? "Wir hatten einige, die waren wirklich beunruhigt und wollten alles verkaufen. Wir haben es mit ihnen diskutiert, im Endeffekt ist es ihr Geld. Und sie müssen sich wohlfühlen. Langfristig glaube ich, dass sie falsch liegen. Und dann haben wir Leute, die jetzt eine Gelegenheit sehen, Aktien zu kaufen. Es hängt wirklich viel von unseren menschlichen Gefühlen ab. Sie sind schwer zu kontrollieren. Vor allem, wenn es ums Geld geht. In den Filmen über die Wall Street geht es immer um Angst und Gier, ziemlich mächtige Gefühle. Wir sind hier jetzt von Gier ziemlich schnell zu Angst gekommen."

Ob die überraschende und drastische Zinssenkung der US-Notenbank Fed um 50 Basispunkte in der vergangenen Woche wirklich nötig war, darüber scheiden sich die Geister. Der Schlüsselsatz zur Versorgung der Banken mit Geld liegt aktuell in einer Spanne von 1,00 bis 1,25 Prozent. Eine Art vorsorgliche Grippeschutzimpfung für Wirtschaft und Börse.

Es ist das erste Mal, dass die US-Notenbank die Zinsen wegen eines Gesundheitsrisikos die Zinsen senkt. Die Entscheidung ließ die Börsenkurse zunächst weltweit steigen. Der Effekt verpuffte jedoch schnell.

Wenige Meter weiter geht Peter Tuchman auf dem Parkett auf und ab. Angespannt beobachtet er das Geschehen auf den Monitoren. Mit seinem „Einstein-Look“ ist er weltweit auf Zeitungsfotos und im TV zu sehen. Der 62-Jährige gilt als meistfotografierter Börsenhändler der Wall Street.

Oder besser gesagt: er ist DAS Gesicht der Wall Street. Denn es spiegelt die ganze Bandbreite an Gefühlen wieder. Von Siegesfreude über Anspannung bis zur vollkommenen Verzweiflung. An Tagen wie diesen läuft er zur Hochform auf. Er liebt es im Auge des Orkans zu sein. Für ihn ist die Wall Street das großartigste Büro der Welt.

1652 lässt Gouverneur Peter Stuyvesant in der holländischen Kolonie Neu-Amsterdam einen Mauerwall aufschütten, der Angriffe abwehren soll. So entsteht der Name der Wall Street.

Ab 1711 werden dort Sklaven gehandelt.

1792 folgt die Geburtsstunde des Börsenhandels: Händler einigen sich auf gemeinsame Regeln für den Wertpapierverkauf - der Legende nach unter einer großen Platane in der Wall Street.  Das Abkommen wird nach dem Baum "Buttonwood-Agreement" genannt.

Formal gegründet wird das New York Stock and Exchange Board im Jahr 1817. Den heutigen Namen New York Stock Exchange, kurz NYSE, erhält die Börse 1863.

"Really bad shit"

Im Moment ist seine Miene nachdenklich. Manche seiner Kollegen meinen, dass mit der Zinssenkung ein Börsensturz verhindert werden sollte. Andere fragen sich, wenn die Fed die Zinsen so schnell senkt, ist da etwas, das wir nicht wissen? "Really bad shit, excuse my language", so Tuchman. "Ich weiß noch nicht, ob das wirklich eine gute Idee war. Bisher sind die Märkte auch ohne große Unterstützung immer wieder ins Gleichgewicht gekommen."

Doch wann wieder Normalität herrschen und wie sich das Coronavirus konkret auf die Wirtschaft auswirken wird, da will sich derzeit keiner so recht aus dem Fenster lehnen.

Auch nicht Mike Pyle, Global Chief Investment Strategist bei Blackrock, dem größten unabhängigen Vermögensverwalter der Welt mit Sitz an der Park Avenue Plaza in Midtown. Es sei unklar, wie lange und tief die Auswirkungen des Virus zu spüren sein werden. Er spricht von einem vorübergehenden Schock, der sich heuer aber jedenfalls in einer Verlangsamung der Weltwirtschaft auswirken werde.

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