Betriebsübergaben: "Es gibt sehr spannende Unternehmen am Markt"
Industriebetriebe leiden unter hohen Produktionskosten
Nicht nur am Arbeitsmarkt werden sich in den kommenden Jahren Tausende Babyboomer in die Pension verabschieden. Auch Gründer, die ihre Firmen vor 30 Jahren oder mehr gegründet haben, ziehen sich zunehmend aus dem Erwerbsleben zurück. Bis zu 50.000 Unternehmen könnten in den kommenden Jahren vor der Übergabe stehen oder bereiten Nachfolgeregelungen vor. Beteiligungsgesellschaften können dabei eine wichtige Rolle einnehmen.
"Das Thema hat in den vergangenen Jahren verstärkt Fahrt aufgenommen. Es gibt sehr spannende Unternehmen am Markt. Das ist sicherlich ein Grund, warum jetzt Private Equity auch in Österreich immer stärker auf den klassischen Mittelstand setzt", sagt Christoph Hikes, Finanzchef der Invest AG.
Das Private-Equity-Unternehmen ist seit seiner Gründung auf Beteiligungen in mittelständische Betriebe spezialisiert. Zuletzt stieg man etwa beim oberösterreichischen Werkzeugbauer Scheinecker oder beim deutschen Verpackungshersteller Rolf Bayer ein und half mit den Investments bei Nachfolgelösungen mit.
Christoph Hikes, Finanzchef der Invest AG
Breites Spektrum
Das Spektrum der Engagements reicht von Minderheits- bis zu Mehrheitsbeteiligungen, kann aber auch Mischformen zwischen Eigen- und Fremdkapital umfassen. "Wir stecken mit den Unternehmen die Zielsetzungen genau ab. Auf dieser Basis strukturieren wir das Investment", sagt Hikes. "Jede Transaktion ist sehr individuell und sehr unterschiedlich, weil auch jedes Unternehmen sehr individuell und sehr unterschiedlich ist."
Die Investments der Invest AG bewegen sich typischerweise im Bereich zwischen 5 Mio. und 15 Mio. Euro. Aus dem operativen Tagesgeschäft hält man sich heraus. Netzwerke und Kontakte bringt man aber sehr wohl ein. Man sieht sich als Sparringpartner, sagt Hikes. Üblicherweise bleibt die Invest AG zwischen sechs und zehn Jahren im Unternehmen. Es sei aber auch schon vorgekommen, dass man Beteiligungen 20 Jahre lang gehalten habe.
Transformationsdruck
Zum Anstieg der Private-Equity-Investments in Österreich habe neben Nachfolgethemen auch hineingespielt, dass es bei klassischen Bankfinanzierungen, die im Mittelstand die Regel waren, enger geworden sei, sagt der auf Mergers & Acquisitions spezialisierte Anwalt Rainer Kaspar von PHH Rechtsanwält:innen. Private-Equity-Geld sei eine willkommene Lösung aus dieser Finanzierungsklemme.
Eine Rolle spiele auch der Transformationsdruck, der gerade auf den Mittelstand zukomme. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz bringen einen großen Kapitalbedarf mit sich, der gedeckt werden müsse. Dazu komme, dass Investoren nicht nur Geld, sondern auch professionelle Unterstützung beim Wachstum einbringen. Er spricht von "Smart Money".
M&A-Spezialist Rainer Kaspar von PHH Rechtsanwält:innen
"Deutlich unterentwickelt"
Private Equity sei in Österreich im Vergleich zu vielen anderen Ländern noch immer deutlich unterentwickelt, sagt Invest-AG-CFO Hikes. Österreichische Fonds, die in dem Bereich aktiv seien, könne man an einer Hand abzählen, ergänzt Anwalt Kaspar. Um ein attraktives Umfeld für Investoren zu schaffen, sei zu wenig getan worden. Dazu komme, dass die Regulatorik zunehme.
Privates Beteiligungskapital biete mittelständischen Unternehmen auch die Möglichkeit, sich zu internationalisieren und zu konsolidieren, sagt Kaspar. Durch gezielte Zukäufe kleinerer, branchenähnlicher Unternehmen könne die Geschäftstätigkeit erweitert werden und Marktmacht aufgebaut und Skaleneffekte genutzt werden. Mit der sogenannten Buy-and-Build-Strategie könnten Synergien gehoben werden, die man vielleicht brauche, um künftig überlebensfähig zu sein.
Vom Feindbild zum Beschleuniger
Die Branche habe lange als Feindbild herhalten müssen, so Kaspar. Das Bild von Private-Equity-Investoren als Heuschrecken, die über Unternehmen herfallen, sie kaufen, filetieren und Mitarbeiter rausschmeißen, hat sich festgesetzt. Das habe sich aber gewandelt: "In den vergangenen Jahren sind Finanzinvestoren zunehmend als Beschleuniger für Wachstum und Nachfolge wahrgenommen worden."
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