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Wirtschaft
07/29/2019

Ungeregelter Brexit: Wen es wie hart treffen würde

Weder EU noch Briten seien vorbereitet, warnen Industrieverbände. Nur mit gutem Willen beider Seiten ließe sich Chaos vermeiden.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Sofern das Parlament in London nichts anderes beschließt, steuert das Vereinigte  Königreich auf einen ungeregelten EU-Austritt am 31. Oktober  zu. Premier Boris Johnson will das Stichdatum unbedingt einhalten, notfalls ohne Deal.

Nun warnt allerdings der britische Wirtschaftsverband CBI: In 24 von 27 Bereichen, von der Zollabfertigung bis zu Agrargütern und Datenströmen, seien weder EU, Vereinigtes Königreich noch Unternehmen auf einen harten Brexit vorbereitet. Dort würden ärgere Verwerfungen drohen. Der französische Autohersteller PSA hat gedroht, ohne Planungssicherheit könne er den Nachfolger des Opel Astra nicht mehr im britischen Werk Ellesmere Port bauen.

Ungleich verteilt

Die EU-27 verlören mit dem harten Brexit ihren günstigen Marktzugang für einen Handelspartner, die Briten hingegen für 27. Und obendrein für all jene Länder, mit denen die EU Freihandelsabkommen geschlossen hat. Das erklärt, warum der Schaden eines harten Brexit für die Insel deutlich größer ausfiele.

Um wie viel, das hat der Wifo-Ökonom und WU-Professor Harald Oberhofer berechnet. Auf EU-Seite fielen die Realeinkommen im Jahr 2025 um voraussichtlich 0,13 Prozent geringer aus, als wenn die Briten verblieben wären (siehe Grafik).

Auf britischer Seite betrüge der Schaden im Hard-Brexit-Fall 3,6 Prozent. Ohne Deal würde das Vereinigte Königreich aus EU-Sicht rein rechtlich betrachtet zum Drittstaat, für den die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) gelten. Die Zollaufschläge für Waren wären dabei noch das geringste Problem, sagt Oberhofer. Lästiger seien da schon die Kontrollen und Mengenbeschränkungen.

Ungeregelte Services

Und noch schwerer wiegt, dass die WTO für Dienstleistungen kaum Regeln vorsieht – was ganz besonders den Finanzsektor oder das Transportwesen betrifft. Insbesondere Londons riesiger Finanzsektor müsste mit der EU einheitliche Umgangsregeln („Äquivalenz-Abkommen“) beschließen. Die Briten müssten also abwägen: Sind ihnen eigene Finanzregeln wichtiger oder doch der EU-Marktzugang?

Die Schweiz kann davon ein Lied singen: Die EU akzeptiert die Börse SIX nicht als gleichwertiges Gegenüber, solange die Eidgenossen den neuen EU-Partnerschaftsvertrag nicht unterzeichnen. Seit 1. Juli 2019 dürfen somit an der Schweizer Börse keine EU-Aktien mehr gehandelt werden. Umgekehrt hat Bern den Handel mit Schweizer Aktien in der EU unterbunden.

Vielfach käme es auf guten Willen an, ob bei einem No-deal-Brexit Augenmaß oder der Gesetzestext regieren. Also ob Container mit Lebensmitteln vor der Einfuhr begast werden müssten. Oder ob britische Flugzeuge tatsächlich schlagartig ihre Zulassung und Landerechte auf EU-Boden verlören.

Keine Katastrophe

Für Österreich ist die britische Insel der neuntwichtigste Partner im Warenhandel. „Ein harter Brexit wäre keine Katastrophe für Österreich, aber sicher nicht positiv“, sagt IHS-Chef Martin Kocher.

Er bleibt aber optimistisch, dass ein geregelter Übergang möglich ist. Premier Boris Johnson eile der Ruf voraus, seine Meinung öfters zu ändern. „Vielleicht ist es für ihn leichter, einen Brexit-Deal durchs Parlament zu bringen, als das für Theresa May der Fall war.“