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Wirtschaft

Tiefste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg

Wifo und IHS sehen verheerende Auswirkungen am Arbeitsmarkt, ein enormes Budgetdefizit und einen Einbruch bei den Exporten.

06/26/2020, 10:45 AM

Ausgelöst wurde die weltweite schwere Rezession durch die umfangreichen, von der Politik verhĂ€ngten Restriktionen gegen die Ausbreitung des Coronavirus. "In Österreich ist dies die tiefste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg", erklĂ€rte das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) am Freitag zur neuen vierteljĂ€hrlichen Konjunkturprognose.

Der RĂŒckgang der Wirtschaftsleistung sei 2020 deutlich stĂ€rker als 2008/09 in der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise - der Tiefpunkt scheine aber schon durchschritten und die Erholungsphase eingeleitet zu sein, so das Wifo. Die Unsicherheit halte aber an, auch zum weiteren Verlauf der Pandemie. Die Prognosen von Wifo und IHS stehen unter dem Vorbehalt, dass keine zweite große Welle aufflammt - denn je lĂ€nger die Wirtschaft nicht aktiv wĂ€re, desto stĂ€rker könnte sie dauerhaft geschĂ€digt werden.

Bip-RĂŒckgang

Das IHS geht fĂŒrs laufende erste Halbjahr von 9,5 Prozent BIP-RĂŒckgang im Jahresabstand aus - und das Wifo nimmt an, dass in der zweiten MĂ€rz-HĂ€lfte die Wirtschaftsleistung sogar um bis zu einem Viertel geschrumpft sein dĂŒrfte. Laut Oesterreichischer Nationalbank (OeNB) betrug der RĂŒckgang der wöchentlichen Wirtschaftsleistung im Lockdown rund 25 Prozent (Ende MĂ€rz bis Mitte April) bzw. 20 Prozent (Mitte April bis Anfang Mai), erinnert das IHS. Seit Anfang Mai seien es rund 10 Prozent Minus.

Denn die Schließungsschritte lösten Angebotsschocks aus - und die ZurĂŒckhaltung bei Konsum, Investitionen und Auslandsnachfrage auch Nachfrageschocks. Binnen weniger Wochen Ă€nderten sich die wirtschaftlichen Aussichten grundlegend. Angebotsseitig unter Druck kamen SachgĂŒtererzeugung sowie Gastronomie, Beherbergung, Verkehr. Nun zeichne sich eine Erholung ab - wegen der schrittweisen RĂŒcknahme der EindĂ€mmungsmaßnahmen und weil sich Privathaushalte und Firmen immer mehr an gewisse bleibende EinschrĂ€nkungen anpassen, so das Wifo.

Arbeitsmarkt

FĂŒr den Arbeitsmarkt ist der Konjunktureinbruch verheerend - der langjĂ€hrige Aufbau der BeschĂ€ftigung endete im MĂ€rz abrupt und die Arbeitslosigkeit stieg erheblich. Kurzarbeit schrĂ€nkt die Negativeffekte ein und soll Menschen fĂŒr die kommende Erholung in den Betrieben halten. Dennoch erwartet das Wifo fĂŒr 2020 einen RĂŒckgang der BeschĂ€ftigung um 2,1 Prozent, nach noch 1,6 Prozent Anstieg 2019 - das IHS geht von 2,5 Prozent RĂŒckgang und dann 1,5 Prozent Anstieg aus. "Der grĂ¶ĂŸte Teil der krisenbedingten Anpassung auf dem Arbeitsmarkt dĂŒrfte ĂŒber eine Verringerung der Arbeitszeit erfolgen", meint das Wifo. Heuer dĂŒrften um 7,0 Prozent weniger Arbeitsstunden geleistet werden, 2021 dann 4,6 Prozent mehr.

Welthandel

Auch global stĂŒrzte die Konjunktur ab - das IHS spricht vom stĂ€rksten Einbruch der Weltwirtschaft seit den 1930er Jahren. International wurde die WirtschaftsaktivitĂ€t angesichts des weltweit rasanten Anstiegs der Infektionszahlen im ersten und vor allem im zweiten Quartal in vielen LĂ€ndern drastisch eingeschrĂ€nkt - durch die schrittweisen Lockerungen wird fĂŒr die restliche JahreshĂ€lfte jedoch eine allmĂ€hliche Erholung erwartet. "Im zweiten Quartal dĂŒrfte der Tiefpunkt der weltweiten Rezession erreicht worden sein, und die Weltwirtschaft sollte ab der Jahresmitte wieder expandieren", so das IHS. Aus dessen Sicht dĂŒrfte der Euroraum heuer um 8,5 Prozent schrumpfen, stĂ€rker als Österreich, und dann 2021 um 6,3 Prozent zulegen. Die Weltwirtschaft sieht man heuer um 4,8 Prozent zurĂŒckgehen, 2021 sollte sie dann um 5,3 Prozent wachsen. StĂ€rker trifft es den Welthandel, der dĂŒrfte heuer um 13 Prozent einbrechen und 2021 mit plus 8 Prozent wieder an Fahrt gewinnen, so das IHS.

Österreichs Exporte brechen heuer wegen der weltweiten Rezession stark ein, nĂ€mlich um 14,8 Prozent aus Sicht des Wifo, dabei die Warenexporte allein um 13,5 Prozent. 2021 sollte es dann eine Steigerung um 9,5 bzw. 7,1 Prozent geben, wird erhofft. Beim IHS rechnet man fĂŒr heuer mit 11,3 Prozent RĂŒckgang der Gesamtexporte, 2021 mit 9,0 Prozent Anstieg; die Importe sieht man heuer wegen der schwachen Inlandsnachfrage 7,3 Prozent tiefer, erwartet dann aber 5,4 Prozent Plus.

Die Investitionen in Österreich dĂŒrften heuer um 6,5 Prozent sinken, 2021 dann 4,8 Prozent zunehmen. Laut Umfrage im Mai strichen 21 Prozent der Unternehmen Investitionsprojekte - besonders stark im Dienstleistungs- und SachgĂŒterbereich, weniger in der Bauwirtschaft, so das Wifo. Der Privatkonsum dĂŒrfte heuer um 5,5 Prozent schrumpfen, nimmt das Institut an, 2021 soll es durch eine wieder geringere Sparquote 4,5 Prozent Ausweitung geben.

Inflation

Inflationsseitig gibt es eine Entspannung - vor allem durch die Rohölverbilligung. Im Mai lag die Inflationsrate bei 0,7 Prozent, die Kernrate (ohne Energie und Nahrungsmittel) bei gut 1,5 Prozent. Heuer und nĂ€chstes Jahr dĂŒrfte die Teuerungsrate mit 0,6 bzw. 0,9 Prozent sehr gedĂ€mpft bleiben, nimmt das Wifo an, das IHS geht von 1,0 und 1,3 Prozent aus. Die im gesamten Prognosezeitraum negative ProduktionslĂŒcke (Output-Gap) dĂŒrfte die Teuerung dĂ€mpfen - dadurch wirkt in der Covid-19-Krise der negative Nachfrageschock stĂ€rker als der negative Angebotsschock. Dagegen dĂŒrfte der Anstieg der LohnstĂŒckkosten (wegen der recht hohen LohnabschlĂŒsse von 2019) den Preisauftrieb heuer verstĂ€rken, erklĂ€rt das Wifo.

Staatshaushalt

Der Staatshaushalt wird durch die Maßnahmen der Regierung massiv belastet - allein das schon im MĂ€rz aufgelegte Hilfspaket umfasst 38 Mrd. Euro zur BekĂ€mpfung der wirtschaftlichen Covid-19-Folgen, samt den Mitte Juni bei einer Regierungsklausur vorgestellten Maßnahmen geht es um insgesamt 50 Mrd. Euro. Deshalb geht das IHS fĂŒr heuer von einem gesamtstaatlichen Defizit von 11,5 Prozent des BIP aus, nĂ€chstes Jahr könnte das Defizit auf 4,0 Prozent zurĂŒckgehen. Beim Wifo kalkuliert man mit heuer 10,3 Prozent und 2021 dann 6,0 Prozent Defizit. 2019 hatte es noch 0,7 Prozent Maastricht-Überschuss gegeben.

Unsicherheiten gibt es laut Wifo vor allem zum erwarteten Budgetvolumen der Kurzarbeit und der FixkostenzuschĂŒsse. In der aktuellen Budgetprognose werden fĂŒr die Kurzarbeitsbeihilfe 8,2 Mrd. Euro und fĂŒr die FixkostenzuschĂŒsse 7,8 Mrd. Euro veranschlagt. Das liege noch deutlich unter dem vorgesehenen Höchstrahmen fĂŒr beide Maßnahmen von je 12 Mrd. Euro.

"Die AbschĂ€tzung des Budgetdefizits ist mit großer Unsicherheit behaftet", sagt auch das IHS und hĂ€lt nach BewĂ€ltigung der Krise jedenfalls Anstrengungen zur Haushaltskonsolidierung fĂŒr notwendig. "Die Wirtschaftspolitik sollte durch die Förderung von Zukunftsinvestitionen in den Bereichen Bildung, Forschung und Entwicklung, Technologie und Infrastruktur die WachstumskrĂ€fte der heimischen Volkswirtschaft stĂ€rken", wird betont. Nötig seien auch wirksame Maßnahmen zum Erreichen der Klimaziele. Reformen etwa in den Bereichen Pensionen und Föderalismus könnten Einsparungspotenziale heben.

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