Frequentis-Chef Norbert Haslacher.

© Kurier/Jeff Mangione

Frequentis
01/20/2022

Frequentis-Chef: "Niemand glaubt, dass man den Flugverkehr einstellen kann"

Der Wiener Technologiekonzern glaubt an die Zukunft des als Klimakillers verschrieenen Flugverkehrs.

von Robert Kleedorfer

Frequentis-Chef Norbert Haslacher erweitert den Konzern sukzessive um Lösungen im Bereich grĂŒner Luftfahrt.

KURIER: Die Kriterien der Nachhaltigkeit werden immer wichtiger. Wie positionieren Sie sich da als Luftfahrtzulieferer bei dem oft als Klimakiller verschrieenen Luftverkehr?

Norbert Haslacher: Technologie ist nicht aufhaltbar, auch nicht durch Nachhaltigkeitsregeln. Niemand glaubt, dass man den Flugverkehr einstellen kann. Man kann nur versuchen, den Flugverkehr so optimiert wie möglich zu gestalten. Der Flugverkehr ist nur fĂŒr 2,5 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich, was nicht heißt, dass man da eh nichts tun muss. Man kann auch da noch optimieren.

Inwiefern?

Wir haben bei unseren Akquisitionen im Vorjahr den Schwerpunkt auf Green Aviation gesetzt. Das eine Unternehmen hat eine Softwarelösung namens Arrival Management. Dabei werden die AnflĂŒge so optimiert, dass das Kreisen vermindert wird. Das verhilft hier zu CO2-Einsparungen von 25 Prozent. Das andere namens Atrix bietet Optimierungen auf dem Rollfeld. So konnten in nur einem Jahr beim Airbus A320 am Flughafen Frankfurt 30 Millionen Dollar an Einsparungen bei Sprit erzielt werden.

Der Flugverkehr ist angesichts der Pandemie ziemlich eingebrochen. Wie sehr hat sich das auf das GeschÀft von Frequentis ausgewirkt?

Es sind nicht die Airports, sondern die Flugsicherungen unsere Kunden. Dort gibt es regulatorische Vorschriften; egal, ob 100 oder 1.000 Flieger in der Luft sind, die Infrastruktur muss dafĂŒr vorhanden sein. Und große LĂ€nder wie USA beginnen die Zeit zu nutzen, um ihre Infrastruktur zu erneuern. Und vielleicht ist das Wachstum in dem Bereich schwĂ€cher, aber es ist nicht das eingetreten, was nach 9/11 im Jahr 2001 passiert ist, nĂ€mlich dass die Budgets auf Null gesenkt wurden. Und wir reden nur von einem unserer fĂŒnf Segmente. Nervös wĂ€re ich, wenn wir nur in Österreich tĂ€tig wĂ€ren. Aber nachdem wir 98 Prozent Exportquote haben und diese auf 150 LĂ€ndern verteilt, haben wir auch da eine gute Balance. In Asien werden wie verrĂŒckt Airports gebaut, abseits von China etwa in Indien, Vietnam, Indonesien oder Thailand.

Frequentis ist auch in der militÀrischen Flugsicherung tÀtig. Die Konflikte nehmen zu. Sind sie ein Krisengewinner?

Nein, die UmsÀtze sind ziemlich stabil geblieben. Wir sind nur durch den Zukauf von ATC Solutions in dem Bereich gewachsen.

Wie lief das GeschÀftsjahr 2021?

GrundsĂ€tzlich global von Corona geprĂ€gt. Zahlen veröffentlichen wir erst am 5. April, aber wir haben ein gutes GefĂŒhl. Das liegt an guten AuftragseingĂ€ngen und Einsparungen auf der Kostenseite infolge weniger Reisen und vielen Absagen von Messen. Die Kunden sind zuversichtlich, aber mit Entscheidungen langsam, weil sie auch im Lockdown waren. Das war teilweise sehr mĂŒhsam. Es war ein anstrengendes Jahr fĂŒr uns alle.

Wie ging es den Mitarbeitern?

Die Mitarbeiter waren sehr flexibel und haben hohe BĂŒrden auf sich genommen, um in ein Land zu reisen und dort ein Projekt abzuwickeln. Teilweise waren sie 14 Tage unterwegs. Und die Kunden haben viel virtuelles akzeptiert. Es war 2019 noch undenkbar, dass ein Kunde ein Projekt im sicherheitstechnischen Bereich virtuell abnehmen könnte. Das hat sich massiv geĂ€ndert. Das wird sich auch so etablieren, dass man fĂŒr ein zweistĂŒndiges Meeting nicht mehr nach Sao Paulo reisen muss. Das gilt auch fĂŒr Projektabnahmen.

Wie hat sich das alles auf die Effizienz der Mitarbeiter ausgewirkt?

Ich verfolge eher einen Vertrauensgrundsatz, jeder arbeitet bestmöglich fĂŒr ihre Firma. Wir geben den Leuten die FlexibilitĂ€t, wann sie arbeiten, die Performance ist vergleichbar mit jener der Vergangenheit. Ausgenommen bei Reisen, weil die Mitarbeiter so lange unterwegs sind. Die sozialen Kontakte wurden im Herbst mit einem Sonderbudget gestĂŒtzt, damit die Teams wieder gemeinsam etwas machen können.

Wie sind ihre Erwartungen fĂŒr das begonnene Jahr?

Ich bin sehr positiv gestimmt trotz Corona. Zum einen, weil wir Akquisitionen getÀtigt haben, die auch bereits gut integriert ist. Zum anderen planen Kunden mehr Budgets und Projekte ein. Ob sie es schaffen, diese auch 2022 zu vergeben, muss aber erst bewiesen werden. Denn das sind alles öffentliche Vergabeverfahren.

Ist Frequentis vom Rohstoffmangel betroffen?

Nein, den spĂŒren wir nicht. Wir haben langfristige Kundenbeziehungen. Und mehr als 90 Prozent der Materialien sind aus Europa. Und wir kaufen die Bauteile fĂŒr den Allzeitbedarf. Ja, das erhöht das Lager ein StĂŒck weit, gibt mir aber die Sicherheit der UnabhĂ€ngigkeit. Das hat sich in den vergangenen zwei Jahren bewĂ€hrt. Und wir erhalten alte, funktionstĂŒchtige Bauteile von den Kunden zurĂŒck und verwenden diese in neuen GerĂ€ten, etwa in Back-up-Systemen, wieder. Das ist auch ein StĂŒck Green Technology. Die Lieferzeit fĂŒr IT-Equipment hat sich aber verlĂ€ngert. Auf einen Server oder einen Laptop warten wir teilweise Monate.

Wo soll Frequentis noch wachsen?

Wir sind weiter auf Kaufkurs. Ich möchte die Balance zwischen den Segmenten dabei nicht zu sehr aus dem Gleichgewicht bringen. Daher schauen wir derzeit in den Bereichen Öffentliche Sicherheit sowie maritime und Bahn-Produkte. Ich suche immer weltweit , am liebsten Familienunternehmen, die kulturell gut zu uns passen. Am besten sind KomplettĂŒbernamen, aber zumindest 51 Prozent, wobei mir ist es manchmal sehr recht, wenn der GrĂŒnder noch an Bord bleibt. Weil das zeigt, dass man nicht nur Kassa machen möchte, sondern Interesse hat, die Firma weiterzuentwickeln.

SpĂŒrt Frequentis auch den FachkrĂ€ftemangel?

Wir spĂŒren einen enormen Kampf um Talente am Markt. Die jungen Leute sind auch sehr flexibel, was Jobwechsel betrifft. Als Dienstgeber muss man eine Arbeitsumgebung bieten, die die jungen Leute wirklich interessiert. Wir haben aber nicht das GefĂŒhl, dass wir im Vergleich zu anderen zu wenig zahlen. Wir mĂŒssen aber der Sinnhaftigkeit, was wir tun, ein StĂŒck mehr Gewicht geben. Wir schĂŒtzen Menschenleben und sind global aufgestellt, die Mitarbeiter können fĂŒr 2 oder 3 Jahre ins  Ausland gehen und machen Sommercamps fĂŒr die Kinder der Mitarbeiter. Technische Herausforderungen gibt es in jedem Unternehmen. Es kommt aber auf die Benefits an und die Sinnhaftigkeit seiner Arbeit. Das hilft uns trotzdem die Leute zu kriegen, auch wenn es schwieriger geworden ist. Aktuell suchen wir 38 Mitarbeiter in Wien.

Wie zufrieden sind Sie mit der heimischen Wirtschaftspolitik?

Zum jammern gibt es immer etwas,  wir benötigen ein gutes Klima fĂŒr Forschungsprojekte. Wir investieren 20 Millionen jĂ€hrlich in Forschung und Entwicklung, Kunden weitere 20 Millionen. FĂŒr das, was man hier an Steuern zahlt, kann man sich auch ein gutes Forschungsklima erwarten.  Wir wĂŒrden uns ein Besseres wĂŒnschen.

Frequentis hat in der Causa Commerzialbank rund 30 Millionen verloren. Wie ist da der Stand der Dinge?

Wir haben mehrere Klagen eingebracht, das sind alles laufende Verfahren. Die gesamte Summe haben wir schon 2020 abgeschrieben, alles, was jetzt passiert, kann nur zu einer positiven Überraschung fĂŒhren.

Frequentis erzielte 2020 mit 2.200 Mitarbeitern (davon 1.200 in Österreich) einen Umsatz von knapp 300 Mio. Euro und einen Verlust von 3,4 Mio. Euro. Grund fĂŒr das Minus waren Einlagen bei der Pleite gegangenen Commerzialbank. Dort verlor Frequentis 30,9 Mio. Euro. Die Summe wurde zur GĂ€nze abgeschrieben, auf dem Rechtsweg versucht Frequentis aber davon etwas zurĂŒckzuholen

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Der börsenotierte Konzern entwickelt sicherheitskritische Informations- und Kommunikationssysteme fĂŒr die zivile Luftfahrt, Verteidigung, öffentlicher Sicherheit, Schifffahrt und öffentlicher Verkehr.  GegrĂŒndet 1947, wurde Frequentis 1986 vom damaligen technischen GeschĂ€ftsfĂŒhrer Hannes Bardach im Zuge eines Management Buy-outs ĂŒbernommen. Er baute das noch kleine Unterneh-men (45 Mitarbeiter; 2,9 Mio. Euro Umsatz) sukzessive aus und kon-zentrierte sich auf die Entwicklung von Sicherheitssystemen, zunĂ€chst im Flugbereich. Dort ist Frequentis heute in drei Bereichen WeltmarktfĂŒhrer mit Anteilen von 30 bis 40 Prozent.

Norbert Haslacher (50) ist seit 2015 im Frequentis-Vorstand und seit 2018 Vorstandschef

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