Peter Lehner leitete die Zusammenführung der beiden Kassen

© Kurier/Gerhard Deutsch

Wirtschaft
01/23/2020

SVS-Obmann Lehner: „Bekennen uns zu Selbstbehalten“

Der Bergbauer aus Osttirol und die Kosmetikerin aus Wien haben jetzt dieselbe Krankenkasse. Was bringt das, Herr Lehner?

von Anita Staudacher

Pünktlich zum Jahreswechsel ging die neue Sozialversicherung der Selbstständigen (SVS) an den Start. 1,2 Millionen Bauern (vormals SVB) und Gewerbetreibende (SVA) sind seither unter einem Dach vereint. In der umgebauten SVA-Zentrale in Wien-Margareten werden die letzten „SVS“-Schilder angebracht, im neuen Kundenfoyer warten bereits dutzende Versicherte auf ihre Berater. Neuer SVS-Obmann ist Peter Lehner. Der 50-jährige Oberösterreicher hat viele Aufgaben aus Wien hinaus verlagert, verspricht besseren Kundenservice und verteidigt die Selbstbehalte.

KURIER: Der Bergbauer in Osttirol und die Fußpflegerin in Wien haben jetzt dieselbe Krankenkasse. Was verbindet sie?

Peter Lehner: Die Selbstständigkeit. Sie haben die gleichen Interessen und wissen die Gesundheit zu schätzen. Bei der Fusion war mir wichtig, dass die Aufgaben über ganz Österreich verteilt werden. Es sitzt nicht der Wasserkopf in Wien, sondern jedes Bundesland erhielt eine andere Aufgabe. Die Beitragsverrechnung für die Bäuerlichen sitzt in Oberösterreich, die Unfallversicherung in der Steiermark, die Telefonie wurde in Salzburg zentralisiert. Nur die Verwaltungsleistungen blieben in Wien.

Die Fusion ist abgeschlossen. Was ändert sich konkret für die Versicherten?

Wir haben versucht, im Kundenservice besser zu werden. Aus den Sachbearbeitern werden Kundenberater und auch die digitalen Services via SVS-App werden ausgeweitet. Wir haben nicht nur in Wien eine Kundenzone, sondern in allen Landeshauptstädten. Und wir führen Beratungstage in 190 Gemeinden durch. Die Versicherten haben auch weiterhin persönliche Ansprechpartner.

Die Ansprechpartner bleiben die gleichen?

Nein, die ändern sich. Durch die Digitalisierung ist es möglich, dass jeder auf demselben Wissensstand ist.

Können alle Bauern zu Ärzten und Einrichtungen der früheren SVA gehen und umgekehrt?

Ja. Es gibt neun Reha-Einrichtungen, die von allen vollumfänglich nutzbar sind. Da haben die Versicherten jetzt mehr Auswahl. Und alle SVA- und SVB-Ärzte sind jetzt SVS-Ärzte, auch hier haben wir das Angebot erweitert und einen langfristigen Vertrag mit den Ärzten geschlossen.

Die Ärzte freuen sich über einen Mehrverdienst. Wie viel hat das die SVS gekostet?

Der Ärztevertrag kostet uns über die fünfjährige Laufzeit gerechnet 100 Mio. Euro. Das ist nicht nur ein Mehrverdienst für die Ärzte, sondern auch eine Mehrleistung für die Versicherten.

Es heißt, alle Leistungen werden harmonisiert. Bei den Selbstbehalten gibt es aber Unterschiede. Gewerbetreibende zahlen 20 Prozent beim Arztbesuch, Bauern eine Pauschale von 10 Euro im Quartal. Wird das angeglichen?

Das ist gesetzlich geregelt und derzeit kein Thema.

Bei Gewerbetreibenden sinkt der Selbstbehalt auf 10 Prozent, wenn sie erfolgreich ein Vorsorge-Programm absolvieren. Laut Wirtschaftsbund soll er auf 5 Prozent halbiert werden. Wann kommt die Absenkung?

Wir müssen uns die Vorschläge noch genau anschauen und Fakten sprechen lassen. Etwa, ob sich dadurch die Steuerungswirkung verändert. Die Entscheidung trifft die Hauptversammlung Ende März.

Ist auch die gänzliche Abschaffung des Selbstbehaltes, wie von den Sozialdemokraten gefordert, ein Thema?
Nein. Wir bekennen uns grundsätzlich zu Selbstbehalten als steuerndes Element.

Wie sind die bisherigen Erfahrungen mit dem Vorsorge-Programm?

Das Programm wird gut angenommen. Die SVS ist im Bereich Prävention führend, das wollen wir ausbauen.

Für die Versicherung war das teure Vorsorge-Programm aber bisher ein Defizit-Geschäft, oder?

Nein, da widerspreche ich entschieden. Es kann gar kein Defizit sein, wenn unsere Versicherten gesünder sind, das ist unsere Kernaufgabe und wirkt sich auf das gesamte Gesundheits- und Pensionssystem aus.

Es gäbe auch noch andere Präventionsmöglichkeiten, etwa höhere Steuern auf ungesundes Essen oder Zucker. Was halten Sie davon?

Davon bin ich gar nicht überzeugt. Bei Produkten, die die Menschen gerne essen, spielt der Preis oft eine untergeordnete Rolle. Zuckerhältiges kann noch so viel kosten, es wird trotzdem konsumiert.

Für die Fusionskosten wurden 10 Millionen Euro veranschlagt. Sind sie noch im Rahmen?
Wir sind sogar um ca. 2 Millionen Euro unter dem Rahmen geblieben. Die Fusionskosten müssen aber auch als Investitionen in die Zukunft gesehen werden.

Wurden Mitarbeiter abgebaut?

Wir sind im Personalstand mit 3.000 (Vollzeitäquivalente, Anm.) in etwa gleich geblieben. Wir sind zwar eine wachsende Versicherung, weil die Zahl der Versicherten steigt und haben Aufgaben dazubekommen. Trotzdem wollen wir mit dem bestehenden Personal auskommen.

Im Regierungsprogramm steht, dass die SVS Jungunternehmer künftig regelmäßig informieren muss, dass ihnen nach drei Jahren eine hohe Nachzahlung droht. Warum das?

Es soll mehr Bewusstsein schaffen, dass Beiträge zu zahlen sind. Es sind ja immer wieder einige überrascht, dass sie Nachzahlungen leisten müssen. Unternehmerisch tätig sein heißt aber eigentlich auch, selbst verantwortlich sein für Zahlungen.

Die Zusammenführung der gewerblichen Sozialversicherung (SVA) mit der Sozialversicherung der Bauern (SVB) ist Bestandteil der großen türkis-blauen Sozialversicherungsreform, die eine Reduktion auf nur noch fünf Träger vorsieht. Ziel ist es, Synergien zu nutzen und damit die Effizienz zu steigern.Die neu geschaffene Sozialversicherungsanstalt der Selbstständigen (SVS) deckt alle drei Versicherungszweige  – Gesundheit, Unfall und Pension –  ab. Das Leistungsvolumen liegt bei rund neun Milliarden Euro. Die Fusionskosten wurden für das erste Jahr mit 10 Mio. Euro veranschlagt, die endgültige  Abrechnung wird erst in einigen Jahren feststehen.

SVS-Obmann Peter Lehner (50) ist seit Jahresbeginn auch Vorsitzender der Konferenz  der Sozialversicherungsträger.  Die Konferenz ist das Leitungsgremium des  neuen Dachverbandes, der den früheren Hauptverband ablöste.   Er wechselt sich in dieser Funktion alle  sechs Monate mit seiner Stellvertreterin  Ingrid Reischl ab. Die frühere Obfrau der Wiener Gebietskrankenkasse ist   Vize-Chefin der  AUVA.

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