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Wirtschaft
06/08/2021

Sprung ins kalte Wasser: "Dem Tourismus fehlen 19 Milliarden"

Prognosen für den kommenden Herbst und Winter sind schwierig. Der Tourismusbankchef warnt vor einer Pleitewelle.

von Simone Hoepke

Eigentlich hat die EU in Sachen Tourismus nichts zu melden. Tourismus ist Sache der Nationalstaaten. Jedes Land hat also seine eigene Strategie, die im gnadenlosen Wettbewerb zu jenen in den Nachbarländern steht. „Ein Grund, warum es überall in Europa am schönsten ist“, witzelt Martin Selmayr, Leiter der Vertretung der Europäischen Kommission in Österreich.

In der Krise hat die Europäische Kommission letztlich aber doch mitgeredet – unter anderem beim Thema Förderungen. Und Selmayr warnt jetzt eindringlich davor, diese zu schnell auslaufen zu lassen. Das wäre der gleiche Fehler, den die EU schon in der letzten Krise, also im Jahr 2008, gemacht hat, betont er. „Wir werden sicher einen schönen Sommer haben, aber es wäre vermessen, schon eine Prognose für den Winter abzugeben“, so der Experte. Er wolle „keine Angst verbreiten, aber zur Vorsicht aufrufen“. Schließlich gehen die Infektionszahlen in Asien, etwa in Taiwan, wieder nach oben, die Nepal-Variante ist in Großbritannien angekommen. „Wir brauchen auch im Jahr 2022 noch Hilfen, diese Krise ist noch nicht vorbei.“ Weder in Österreich, noch in den anderen Tourismusländern am Kontinent.

Wirtschaftsmotor

Zur Größenordnung: Der Tourismus trägt in Europa 9,5 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei (in Österreich sind es über direkte und indirekte Effekte 15 Prozent des BIP) und sichert rund 20 Millionen Arbeitsplätze in Europa. Entsprechend viele Hilfsgelder sind in den vergangenen Monaten in die Branche geflossen.

Die Österreichische Hoteliervereinigung (ÖHV) rechnet vor, dass die Pandemie dem Tourismus bisher 23,4 Milliarden Euro an Einnahmen gekostet hat. Dem stehen 2,8 Milliarden an Wirtschaftshilfen und 1,5 Milliarden Euro an Kurzarbeit für Beherbergung und Gastronomie gegenüber. „Es fehlen also 19 Milliarden“, rechnet Markus Gratzer, ÖHV-Generalsekretär, beim ÖHV-Kongress (mit mehr als 400 Teilnehmern) in Linz vor. Wobei die Betroffenheit freilich übers Land sehr ungleich verteilt ist, wie eine Umfrage unter knapp 300 österreichischen Vertretern der 3-, 4- und 5-Sternhotellerie zeigt. „Im Durchschnitt liegt der Umsatzausfall bisher bei 3,3 Millionen Euro pro Betrieb, in Wien ist er mit 7,4 Millionen doppelt so hoch. Demnach haben 40 Prozent der Betriebe genügend Liquidität, um über die kommenden zwei Monate zu kommen, für 49 Prozent wird es knapp, elf Prozent sind laut Glatzer „gefährdet“.

Aus Sicht von Martin Hofstetter, Geschäftsführer der Tourismusbank ÖHT, ist eine Pleitewelle in der Branche „unausweichlich“: „Zuletzt haben die Insolvenzen in der Branche um 44 Prozent abgenommen, was zeigt, dass die Hilfen gewirkt haben.“ Hofstetter spricht von einer Fehlallokation von Volksvermögen“. Nebeneffekt: Betriebe, die ohne Pandemie Pleite gegangen wären, werden jetzt künstlich am Leben gehalten, vor allem kleinere Gastronomie-Betriebe in der Stadt oder Hotels, die einen Investitionsstau haben oder schon länger erfolglos einen Nachfolger suchen. Letztlich ist also von Zombieunternehmen die Rede. „Hier wird natürlich eine Strukturbereinigung nachzuholen sein, schließlich ist durch die Hilfen der ganz normale Strom des Kommens und Gehens am Markt gestört worden“, so der Experte für Finanzierungsfragen im Tourismus. An etablierten Betrieben werde die Pleitewelle aber relativ unbemerkt vorbeigehen, ist er überzeugt. Viele 3-, 4- und 5-Sternbetriebe hätten ihre Eigenkapitalbasis in den fünf Jahren vor der Krise sogar deutlich verbessert. Hofstetter: „Dieses Segment stand schon einmal schlechter da als jetzt.“ Zudem haben viele Top-Betriebe die Monate des Lockdowns für Investitionen in ihre Häuser genutzt.

Kreisen der Geier

Währenddessen kreisen die sprichwörtlichen Geier um die Stadthotellerie. Unternehmer in guten City-Lagen berichten, dass sie mit Angeboten von Immobilieninvestoren quasi überhäuft werden. Sie wollen die Hotels nicht weiterführen, sondern zu Wohnungen umbauen und sich damit eine goldene Nase verdienen. Ein Thema, das man auch am Land kennt, wo Immobilienhaie in Appartementhäuser und Chalet-Dörfer investieren – und damit letztlich oft Geisterstädte hochziehen, die in der Region für so gut wie gar keine Wertschöpfung sorgen. Da die Ferienhotellerie allerdings relativ kleinstrukturiert ist, sind passende Häuser allerdings schwer zu finden.

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