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Wirtschaft
02/02/2021

So läuft die Impfstoff-Produktion: Die 10 wichtigsten Fragen

​​​​​​​Wo der Covid-Impfstoff in Europa hergestellt wird, was die Pharmafirmen dafür erhalten und wie Österreich mitmischt.

von Anita Staudacher

Einen völlig neuen Impfstoff in Rekordzeit zur Zulassung zu bringen, ist die eine Sache. Ihn auch in Massen herzustellen, abzufüllen und auszuliefern die andere. Laut Experten werden rund 10 Milliarden Covid19-Impfstoff-Dosen benötigt, um rund 70 Prozent der Weltbevölkerung zwei Mal zu impfen. Eine produktionstechnische wie logistische Herkulesaufgabe, die wohl länger dauern wird als viele erhoffen.

Denn: Die Massenproduktion eines mRNA-Impfstoffes ist völliges Neuland. Und zwischen den Pharmakonzernen tobt ein Wettkampf um Profite und Marktanteile. Trotzdem entstehen gerade Kooperationen, wie sie vorher unmöglich waren. Der KURIER fasst die wichtigsten Fragen rund ums Impfstoff-Business zusammen:

1. Wo werden die Covid-Impfstoffe von Pfizer/Biontech, Moderna und Astra Zeneca aktuell hergestellt?

Pfizer stellt den Impfstoff zentral für Europa, Israel und Kanada imImpfstoffzentrum in Puurs/Belgien her. Für den US-Markt wird in den USA produziert. Biontech selbst produziert in Deutschland nur kleine Mengen, ist aber gerade dabei, eine neue Produktion in Marburg/D aufzubauen. Laut Plan soll diese noch im Februar anlaufen. Der US-Konzern Moderna lässt bei der Schweizer Firma Lonza in Basel für Europa produzieren und Astra Zeneca in einer Fabrik des französischen Pharmaherstellers Novasep in Seneffe/Belgien

2.  Warum kommt es zu Lieferverzögerungen bei Pfizer/Biontech und Astra Zeneca?

Pfizer begründet dies mit Erweiterungen im zentralen Werk in Puurs/Belgien. Die EU stockte ihre Bestellmenge Anfang Jänner von 1,3 auf gut 2 Milliarden Dosen auf, sodass die Produktion dort kurzfristig erweitert werden musste. Maschinen werden ausgetauscht, Prozesses angepasst, neue Genehmigungen eingeholt. Das soll laut Pfizer bis 22. Februar erledigt werden, danach läuft die Produktion auf Hochtouren, so dass bis Ende März sogar um ein Drittel mehr Impfstoff ausgeliefert werden. Für Österreich bedeutet das rund 1 Million Dosen. Astra Zeneca argumentiert mit Problemen in der Lieferkette und unklaren Mengenangaben seitens der EU.

3. Warum wird der Impfstoff nicht an mehreren Standorten hergestellt?

Die Impfstoff-Produktion ist eine "hoch komplexe Angelegenheit“, sagt  Pharmig-Generalsekretär Alexander Herzog zum KURIER.  Es seien extrem viele Vor- und Zwischenschritte nötig. Die Anlagen seien teuer, das Personal muss speziell geschult werden. Auch die Abfüllung und Verpackung erfordert riesige Mengen an Glas-Fläschchen und Karton, die erst jemand in ausreichender Menge produzieren und liefern muss. Dazu kommt: "Noch nie mussten in so kurzer Zeit so große Menge produziert werden wie jetzt", weiß Herzog. Die neue mRNA-Technologie erfordert außerdem ein völlig neues, bisher in der Massenfertigung noch nicht eingesetztes Produktionsverfahren.

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4. Was unterscheidet das neue mRNA-Verfahren von der herkömmlichen Impfstoff-Produktion?

Im Vergleich zu herkömmlichen Impfstoffen, die aus dem abgeschwächten oder abgetöteten Erreger selbst bestehen, werden mRNA-Impfstoffe synthetisch hergestellt. Es handelt sich um ein Gemisch diverser chemischer Substanzen im Bioreaktor und erfordert daher auch neue Zulieferer wie das österreichische Biotech-Unternehmen Polymun Scientific in Klosterneuburg, das Lipide liefert. RNA-Verfahren sind zwar in der Pharmabranche etabliert, allerdings nicht in einer Massenproduktion, wie sie jetzt gefordert wird. Vorteil: Erst einmal aufgesetzt, läuft die Produktion schneller ab als bei herkömmlichen Impfstoffen.

++ HANDOUT ++ CORONA: BETRIEBSBESUCH FIRMA POLYMUN KLOSTERNEUBURG - KATINGER/KURZ

5. Wie lange braucht es, um eine Impfstoff-Produktion neu zu errichten?

Laut Experten benötigt es etwa sechs bis neun Monate, bis eine neu zu errichtende Produktionsanlage einsatzbereit ist. Ein Zeitfaktor sind auch die Genehmigungen der Anlagen, die von den Behörden erst inspiziert und frei gegeben werden müssen. Besonders heikel ist auch die Qualitätssicherung, die speziell zertifiziert werden muss. Möchte man ein völlig neues Impfstoff-Werk auf die grüne Wiese setzen, müsse man in Österreich wohl mit zwei Jahren Vorlaufzeit rechnen, sagt Pharmig-Generalsekretär Herzog. Er verweist dabei auf Erfahrungen der Firma Sigmapharm im Burgenland, die eine Arzneimittelproduktion startete. Einfacher ist es daher, bestehende Großanlagen wie jene in Puurs/Belgien zu erweitern. Was gerade geschieht. 

6. Warum übernehmen nicht einfach andere Pharmakonzerne die Produktion?

Weil die Unternehmen im Wettbewerb stehen und üblicherweise keine freien Kapazitäten haben, weil sie in ihren eigenen Werken Bestellungen abarbeiten. Aus der Not heraus entstehen aber gerade Kooperationen. So bietet sich in Deutschland der Bayer-Konzern als Produktionsstandort für den - noch nicht zugelassenen - CureVac-Impfstoff aus Tübingen an. Novartis, der größte Arzneimittelhersteller der Welt, kündigte an, ab April an seinem Schweizer Standort Stein/Aargau den Pfizer/Biontech-Impfstoff herzustellen. Auch der französische Pharmariese Sanofi, der selbst einen Covid-Impfstoff entwickelt, will für Pfizer/Biontech fertigen.

Diskutiert wird auch darüber, Patente während der Pandemie auszusetzen, damit der Impfstoff als "öffentliches Gut" überall produziert werden könnte. Die Pharmaindustrie lehnt den Vorschlag kategorisch ab und spricht von Enteignung. An der verfügbaren Kapazität würde sich dadurch zumindest kurzfristig gar nichts ändern. 

7. Könnte auch in Österreich Covid-Impfstoff produziert werden?

Theoretisch ja, praktisch sieht es nicht danach aus. Eine komplette Impfstoff-Produktion gibt es derzeit nur bei Pfizer in Orth an der Donau/NÖ, wo FSME-Impfstoff für den Weltmarkt erzeugt wird. Eine Pfizer-Sprecherin schloss zuletzt gegenüber dem KURIER eine Umstellung der Produktion auf das Covid-Vakzin als viel zu aufwändig aus. Allerdings könnte der Novartis-Standort im Tiroler Kundl als wichtiger Zulieferer für den mRNA-Impfstoff von Pfizer/Biontech einspringen. In Kundl werden die Grundstoffe Nukleinsäure bzw. Plasmide hergestellt. (siehe Frage 6). 

8. Wer sind die größten Impfstoff-Hersteller der Welt?

Wegen der im Vergleich zu anderen Medikamenten recht aufwändigen, forschungsintensiven und daher teuren Herstellung ist das globale Impfstoff-Business überschaubar und – mit Ausnahme von Übernahmen – recht stabil. Im Grunde sind es fünf große Pharmakonzerne, die den Weltmarkt beherrschen, wobei Pfizer im Covid-Business derzeit die Nase vorne hat. Bei den Grippe-Impfstoffen sind es gsk und Seqirus.

9. Wie viel Impfstoff wird in Europa wo hergestellt?

Weil die Impfstoffproduktion recht komplex ist, Hightech-Anlagen und entsprechend geschultes Personal erfordert, nimmt Europa hier nach wie vor eine führende Rolle in der globalen Produktion ein. Laut dem Branchenverband der Impfstoff-Hersteller werden an 27 Produktionsstandorten in elf Ländern Impfstoffe hergestellt. Zudem gibt es 12 Forschungszentren in 8 Ländern, die auf die Entwicklung neuer Impfstoffe fokussieren. Die Menge entspricht immerhin 76 Prozent der Weltproduktion. In der Impfstoffproduktion arbeiten rund 122.000 Menschen, davon rund 29.000 direkt in der Industrie selbst, weitere 93.000 in Zulieferbetrieben.

10. Wie viel verlangen die Pharmakonzerne für den Covid-Impfstoff?

Prinzipiell gilt: Je größer die Menge, desto geringer der Preis. Von Astra Zeneca ist bekannt, dass sie ihr Vakzin zum Selbstkostenpreis von 2 Dollar pro Dosis liefern. Der Konzern betonte immer wieder, dass der Impfstoff ein Beitrag für die öffentliche Gesundheit sei. Wohl auch deshalb setzte die EU auf hohe Bestellmengen. Laut einer irrtümlich von der belgischen Staatssekretärin veröffentlichten Preisliste pro Dosis ist Astra Zeneca mit 1,78 Euro am billigsten, gefolgt von Johnson & Johnson mit 6,95 Euro, Curevac 10 Euro, Biontech/Pfizer mit 12 Euro und Moderna mit 14,70 Euro pro Dosis. Aber dieser Preis ist ebenfalls von der Bestellmenge abhängig. Israel bezahlt den Impfstoff auch mit der Preisgabe sämtlicher Impfstoffdaten der Bevölkerung an Pfizer. 

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