Pharmig-Generalsekretär Alexander Herzog

© CSAKY.AT

07/29/2020

Pharmig-Chef: Österreich soll sich rasch Covid-Impfstoff sichern

Alexander Herzog im KURIER-Interview über den zentralen EU-Einkauf, nötige Bestellmengen und mögliche Produktion in Österreich.

von Anita Staudacher

Viele Pharmakonzerne starten dieser Tage entscheidende Massentests für ihre Corona-Impfstoff-Kandidaten. Auch österreichische Firmen wie Valneva oder Themis tüfteln daran. Pharmig-Generalsekretär Alexander Herzog mahnt die heimische Politik zu raschen Entscheidungen, wer überhaupt geimpft werden soll. Um das begehrte Mittel herrsche weltweit ein G’riss, die EU müsse daher zentral einkaufen.

KURIER: Wann wird die erste Impfung gegen Covid-19 in Österreich verfügbar sein?

Den potenziellen Impfstoff haben wir ja schon. In den Labors existiert er schon länger. Daher trauen sich einzelne Pharmafirmen schon in Vorverhandlungen mit Staaten zu gehen. Wir wissen halt noch nicht, wie der Impfstoff im Tausender-Sample funktioniert, wie hoch die Dosierung sein muss und wie die Nebenwirkungen sind. Das muss jetzt in klinischen Studien erforscht werden. Wir brauchen die Zeit, das herauszufinden.

Wie viel Zeit?

Ich nenne keinen genauen Zeitrahmen. Aber ja, es gibt eine gewisse Chance auf heuer. In der Realität wird wohl erst bis Sommer oder Herbst nächsten Jahres ein Impfstoff verfügbar sein. Das wäre an sich schon eine Sensation. Aber die globale Zusammenarbeit bei diesem Thema ist stark wie nie.

Wie realistisch ist es, dass der Impfstoff aus Österreich kommen wird?

Es ist nicht entscheidend‚ ob ein österreichischer oder ukrainischer Forscher die richtige Mischung findet. Wichtig ist das Ergebnis.

Ein Impfstoff kann nicht von heute auf morgen überall auf der Welt produziert werden. Wie lange dauert das?

Die Massenproduktion stellt die Pharmaindustrie vor riesige Herausforderungen. Normalerweise sind Impfstoff-Bestellungen eingefahrene Prozesse, die lange Vorlaufzeiten und funktionierende globale Lieferketten benötigen. Es muss nicht nur rasch, sondern auch chemisch steril produziert werden. Dafür gibt es in Europa derzeit nur ein paar größere Produktionsstätten.

Könnte der Corona-Impfstoff auch in Österreich produziert werden?

Angesichts der enormen Mengen, die benötigt werden, könnte dies ein Unternehmen alleine nicht leisten. Hier sind länderübergreifende Kooperationen gefragt.

Sollen einzelne Länder wie Österreich schon jetzt vorbestellen, wie es einige Pharmafirmen empfehlen?

Da appelliere ich an die Politik, sich in die europäischen Bestellprozesse tunlichst einzubringen. Sie muss festlegen, in welcher Sequenz die Bevölkerung durchgeimpft wird, also wer den Impfstoff zuerst bekommt. Da wird man ein Risikoprofil erstellen müssen. Bis jetzt hören wir dazu sehr wenig. Wir brauchen aber von den Staaten Signale, mit welchem Bedarf sie rechnen. Von einer gesamten Durchimpfung der Bevölkerung gehen wir nicht aus und sind auch Gegner einer Impfverpflichtung.

Sie rechnen damit, dass die EU den Corona-Impfstoff für die Mitgliedsstaaten zentral bei einem oder mehreren Herstellern beziehen wird?

Es gehören sowohl der Preis, Menge, Lieferzeit und Lieferklauseln zentral verhandelt. Es handelt sich ja um Bestellungen für Produkte, die es noch gar nicht gibt.

Sehen Sie die Gefahr eines geopolitischen Kampfes um den Impfstoff, also dass etwa die USA große Mengen aufkaufen und andere Regionen zu kurz kommen?

Das ist eine reale Gefahr. Wir haben es hier mit einer etwas erratischen US-Regierung zu tun. Gerade deswegen ist die EU als großer Wirtschaftsbund gefordert. Einige Pharmafirmen haben auch schon Vereinbarungen mit der EU getroffen. Die Mitgliedsstaaten wie auch Österreich müssen sich jetzt massiv einbringen und mit den Herstellern frühzeitig Mengen absichern, damit sie im Falle der Verfügbarkeit sofort Zugriff darauf haben. Eines ist klar: Alleine werden wir es nicht schaffen.

Gesundheitspolitik ist in der EU in erster Linie Ländersache. Wird tatsächlich Brüssel entscheiden, wer welche Impfstoffmengen erhält?

Tatsächlich betritt die EU hier Neuland. Wir haben aber schon zu Beginn der Corona-Krise gesehen, wie plötzlich Indien einen Exportstopp auf Wirkstoffe verhängt hat oder wie zwischen EU-Ländern um Schutzmasken gestritten wurde. Ich hoffe, die EU hat daraus gelernt und geht jetzt gemeinsam vor. Jedes EU-Land muss hier mitmachen und Bestellmengen melden.

Klingt nach Planwirtschaft?

Nein, das klingt nach Plan für die Beschaffung. Jeder Tag, an dem der Impfstoff früher verfügbar ist, verkürzt nicht nur das Leid der Bevölkerung, sondern wendet enormen wirtschaftlichen Schaden von Europa ab. Die EU wurde als Wirtschaftsunion gegründet, bei Covid-19 kann sie beweisen, dass sie es ist.

Was, wenn der zentrale Plan nicht aufgeht und jedes Land sich selbst versorgen muss?

Das könnte drohen. Ich hoffe, dass Österreich dann einen guten Plan B hat.

Der Verband der pharmazeutischen Industrie Österreichs (Pharmig) vertritt 120 forschende und produzierende Pharmaunternehmen in Österreich mit rund 18.000 Mitarbeitern, darunter Branchenriesen wie Novartis, Pfizer, Sanofi oder Boehringer Ingelheim.

Alexander Herzog (56) ist seit 2018 Generalsekretär der Pharmig. Zuvor war er in der Sozialversicherung der gewerblichen Wirtschaft

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.