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Wirtschaft
03/31/2021

Schnedlitz: „Die Politik macht das ja nicht aus Masochismus“

WU-Handelsexperte Peter Schnedlitz über den nächsten Lockdown, das überbewertete Ostergeschäft und den Konsumwahn

von Simone Hoepke

KURIER: Herr Professor Schnedlitz, Sie leben in Baden. Gehen Sie vor der Osterruhe noch einkaufen?

Peter Schnedlitz: Gestern hab’ ich beim Hofer Blumenerde gekauft, heut geh’ ich ins Gartencenter. Das hat weniger mit dem Lockdown als mit dem Wetter zu tun.

Wie sehen Sie die aktuelle Verordnung zur Osterruhe?

Das „Hü und Hott“ der Politik erinnert mich an den englischen Spruch „if you can’t convince them, confuse them“ (Anm.: wenn du sie nicht überzeugen kannst, verwirre sie). Im Handel sorgt das Verwirrspiel für fallende Umsätze. Immer, wenn Konsumenten unsicher sind und sie Regeln kaum nachvollziehen können, geben sie weniger aus. Aber die Politik macht das ja nicht aus Masochismus, sondern weil man derzeit halt nichts planen kann.

Der Handelsverband spricht von einem Förderprogramm für Amazon.

Natürlich treibt man die Kunden in die Arme der internationalen Onlineriesen. Aber man muss die Kirche im Dorf lassen. Die Online-Umsätze sind im Vorjahr in etwa so stark gestiegen wie jene der Spar-Gruppe, also um fünf Prozent. Von explodierenden Umsätzen würde ich also nicht reden.

Das liegt aber auch an der Berechnung. Im Lebensmitteleinzelhandel wird fast nur im Geschäft gekauft, bei Mode ist das anders. Ist das Ostergeschäft im Osten des Landes gelaufen?

Heuer war eigentlich alles angerichtet. Ostern fällt in die erste Woche des Monats und die ist seit Jahrzehnten die umsatzstärkste. Aber zur Größenordnung des Ostergeschäfts: Das Weihnachtsgeschäft ist je nach Berechnung rund zwei Milliarden schwer, das Ostergeschäft nur etwa ein Zehntel davon.

Werden die Leute vor und nach dem Lockdown oder einfach in einem anderen Bundesland einkaufen?

Konsumverweigerer werden sie jedenfalls keine werden. Statistiken zeigen, dass seit Jahrzehnten die gleiche Zahl an Ostereiern gekauft wird, es gibt da keine Revolutionen. Man muss aber auch aufpassen, was alles zum Ostergeschäft gerechnet wird, was dort eigentlich nichts verloren hat.

Zum Beispiel?

Gartenmöbel und alles was man zur Hausrenovierung braucht. Das kauft man, weil es Frühling ist und nicht weil Ostern vor der Tür steht. Wir haben sogar eine wissenschaftliche Arbeit, die den Religionseffekt untersucht hat. Egal, ob Muslime, Christen oder Buddhisten, alle kurbeln im Frühjahr den Umsatz an.

Heuer war eigentlich alles angerichtet. Ostern fällt in die erste Woche des Monats und die ist seit Jahrzehnten die umsatzstärkste.

Peter Schnedlitz

Wie sehen Sie die – vorläufig doch nicht kommenden – Eintrittstests im Einzelhandel?

Kontraproduktiv. Es gibt überhaupt keine Indizien für Infektionen im Handel.

Und wäre es fair, dass Supermärkte weiter Sortimente wie Spielwaren verkaufen dürfen, wenn Spielwarenhändler von Kunden Tests verlangen müssen?

Natürlich gibt es Ungerechtigkeiten, aber sie können nicht den Supermärkten Warengruppen wegnehmen, die in ihr Sortiment gehören. Damit gefährden Sie das ganze Geschäftsmodell. Im Übrigen gibt es dieses Sortiment im Supermarkt nicht, weil dort besonders gehässige Manager sitzen, sondern weil es der Kunde so wollte. Ich bin dagegen, dass der Gesetzgeber bestimmt, wer was ins Regal stellen darf. Sagt er als nächstes, dass drei Sorten Käse genügen?

Werden Supermärkte die Sieger des Lockdowns sein?

Bestimmt. Davon abgesehen: Vielleicht beginnen die Leute aber auch endlich zu reflektieren, ob der Massenkonsum, wie wir ihn haben, unsere Zukunft sein kann.

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