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Saint-Gobain-Chef: Gebäude wurden nicht als Klimafaktor verstanden

Baustoffkonzern will trotz zäher Konjunktur klimaneutral werden. Der Staat ist dabei nicht gerade hilfreich, kritisiert Österreich-Chef Giffinger.
Saint-Gobain-CEO Peter Giffinger sieht enormes CO2-Einsparungspotenzial im Gebäudebereich.

Mit einer 361-jährigen Geschichte ist Saint-Gobain eines der ältesten Unternehmen der Welt. Der französische Baustoffkonzern stattete unter König Ludwig XIV bereits den Spiegelsaal des Schloss Versailles mit Glas aus. Heute produziert das Unternehmen viele unterschiedliche Produkte, hauptsächlich für den Leichtbau. Rigips ist die wohl bekannteste Marke von Saint-Gobain Austria. Zur Österreich-Tochter gehören aber auch Weber Terranova (Farben, Putze etc.), Isover (Gebäudedämmung) und Kaimann (Rohrdämmung). Eines der größten Ziele der ganzen Gruppe ist es, bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen.

Drehen an vielen Schrauben zur CO2-Reduktion

„Der Bausektor ist der zweitgrößte Treibhausgas-Emittent nach dem Verkehr. Es steckt ganz erhebliches Reduktionspotenzial darin“, sagt Peter Giffinger, CEO von Saint-Gobain Austria. Seine Werke erzeugen derzeit noch einiges an Kohlendioxid, unter anderem durch die Trocknung von Gips mittels Gasbrennern. Schritt für Schritt sollen die Emissionen reduziert werden. Dafür wird an vielen Stellschrauben gedreht.

Einige liegen auf der Hand. Am Standort in Puchberg (NÖ) wurde ein Bürogebäude zum Passivhaus. Wo es geht, werden Photovoltaikanlagen errichtet. In Bad Aussee wurde eine Seilbahn aus den 50er-Jahren für den Transport von Gipsstein erneuert. Bei bestimmten Prozessen nutzt das Unternehmen Wärmerückgewinnung. Strom wird ausschließlich aus erneuerbaren Quellen bezogen.

Materialseilbahn von Saint-Gobain am Grundlsee.

Materialseilbahn von Saint-Gobain am Grundlsee.

Rezyklat-Kübel und reduziertes Gewicht

Bei einem Werksbesuch des KURIER in Wien wird aber deutlich, bei welchen Details angesetzt wird, um mehr Nachhaltigkeit zu erreichen. In einem hohen Turm wurde zu dem Zeitpunkt gerade Spachtelmasse gemischt. An der Rezeptur wurde so lange getüftelt, bis die Masse bei gleichem Volumen nur noch 17 statt 25 Kilogramm wog, wodurch Gewicht beim Transport gespart wird und Bauarbeiter weniger zu schleppen haben. Abgefüllt wird die Masse in Kübel aus Recyclingmaterial. Die werden dann auf Paletten gestellt und von einer Maschine mit ultradünner und dennoch reißfester Folie umwickelt, die für eine Materialersparnis von 70 Prozent gesorgt hat.

„Wir sind eine langsame Branche“

„Nachhaltigkeit ist kein Mascherl, sondern geht Hand in Hand mit Wirtschaftlichkeit“, ist Giffinger überzeugt. Weniger Energieverbrauch senkt Kosten, weniger Bedarf an Rohmaterialien durch Recycling verringert die Abhängigkeit von schwankenden Rohstoffpreisen. Gemeinsam mit Porr und Saubermacher hat Saint-Gobain vergangenes Jahr Österreichs erste Gips-zu-Gips-Recyclinganlage eröffnet. Deren Betrieb laufe seitdem gut, so der CEO. Nur bekomme man Gipsabfälle nicht sonderlich sauber getrennt. „In Österreich herrscht noch nicht diese Mentalität, Abfall als Rohstoff wahrzunehmen. Daran müssen wir noch arbeiten.“

Ebenfalls langsamer als gewünscht geht es mit der Etablierung effizienterer Baupraktiken voran, etwa der Vorfertigung größerer Bauteile. „Man ist dadurch wetterunabhängiger und hat eine bessere Qualitätskontrolle. Wir bauen Gebäude stattdessen immer noch so wie in den 1920er-Jahren“, sagt Giffinger. „Wir sind eine langsame Branche, aber es kommt mehr Dynamik rein.“ Durch Schulungen versuche man, Kunden für nachhaltige Innovationen zu gewinnen. Wichtig in der Hinsicht sei auch die Bewusstseinsbildung bei eigenen Mitarbeitern und das Etablieren einer grünen Unternehmenskultur.

Saint-Gobain Austria CEO Peter Giffinger kritisiert die heimische Politik.

Saint-Gobain Austria CEO Peter Giffinger kritisiert die heimische Politik.

Iran-Krieg und instabile Rahmenbedingungen obendrauf

Die aktuelle Lage der Baubranche in Österreich beurteilt Giffinger als schwierig. Die hohe Inflation und Krisen wie der Iran-Krieg belasten den Sektor massiv. Durch Rohstoffknappheit und Energiepreiserhöhungen komme es weltweit zu Kostensteigerungen, die man an Kunden weitergeben müsse. „Zeichen für Erholung gibt es leider nicht. Wenn die Bauwirtschaft ein Wachstum von einem Prozent hätte, wären wir schon zufrieden.“

Die Rahmenbedingungen in Österreich machen die Sache nicht einfacher. Bei Förderungen gebe es etwa kaum Planbarkeit. Außerdem: „Es wurde nicht verstanden, dass Gebäudehüllen und Sanierung ein riesiger Faktor sind, um Klimaziele zu erreichen.“ Die Förderung von Alternativen zu fossilen Heizkesseln sei „nett, aber verfehlt“. Gebäudedämmung und Heizkesseltausch müssten Hand in Hand gehen. Es sei mindestens ebenso wichtig, den Energieverbrauch zu reduzieren. „Wenn Wohnungen weniger Heizenergie benötigen, dann muss man sich auch weniger Sorgen machen, wenn die Energiekosten ansteigen.“

Keine guten Noten für den Wirtschaftsstandort

Dem Wirtschaftsstandort Österreich gibt Giffinger keine guten Noten. „Wir haben hohe Energiekosten, hohe Lohnkosten und Genehmigungsverfahren dauern zu lange. Die Wettbewerbsfähigkeit in Österreich ist herausfordernd.“ Die heimische Bürokratie sieht der CEO als großes Problem. Als Beispiel nennt er die Verpflichtung, ein Fensterband in die schon bestehende Fabrikshalle für die Gips-Recyclinganlage einzubauen. Dadurch stiegen Kosten gegenüber ursprünglichen Plänen an. „Mit der Willkür solcher Auflagen machen wir uns das Leben schwer.“ Von Bundesland zu Bundesland seien sie wegen des Föderalismus anders.

Insgesamt sehe man der Zukunft dennoch positiv entgegen. Bei Saint-Gobain laufe es besser als bei Mitbewerbern. Der Aktienkurs des Gesamtkonzerns entwickle sich sehr positiv – wovon auch die Mitarbeiter profitieren. Sie sind durch ein Beteiligungsprogramm die größte Eigentümergruppe. Zu den aktuellen Problemen meint Giffinger: „Wir sind 361 Jahre alt, wir haben schon einige Krisen überwunden.“

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