Wirtschaft
10.11.2017

Radikale Diät im Steuersystem gefordert

Statt 683 nur drei Beitragsgruppen, statt 22 nur ein Sozialversicherungsträger, lauten die Rezepte der Steuerexperten.

Wenn es um das heimische Steuersystem geht, kommt Klaus Hübner so richtig in Fahrt. "Wildwuchs an Klientelpolitik", stellt der Präsident der Kammer der Wirtschaftstreuhänder (KWT) fest. Die Komplexität des Systems sei mittlerweile so hoch, dass jegliche Lenkungsfunktion verloren gegangen sei. Hübner empfiehlt der neuen Regierung "Steuerfasten". Verena Trenkwalder, Vorsitzende des KWT-Fachsenats für Steuerrecht, hat die passenden Diät-Vorschriften:

Vereinfachung

Derzeit sind ein Bündel an Abgaben Bestandteil der Lohnverrechnung – von der Sozialversicherung über Kommunalsteuern und Wohnbauförderung bis zu Nebenkosten wie der U-Bahn-Steuer in Wien. Trenkwalder fordert eine einzige Dienstgeber-Abgabe. Und eine einheitliche Bemessungsgrundlage für Sozialversicherung und Lohnsteuer.

Nur eine Behörde

Für die Einhebung der Abgaben zuständig sind derzeit Finanzämter, Gebietskrankenkassen und Gemeinden. Künftig sollte es eine einzige Behörde dafür geben, so die KWT.

Zusammenlegung

In der Sozialversicherung gibt es aktuell 683 sogenannte Beitragsgruppen. Kurioses Beispiel: Haushaltshilfen, Haushaltshilfen mit freier Kost und jene mit freier Kost und Logis – macht drei Beitragsgruppen mit leicht unterschiedlichen Beiträgen. Statt der 683 sollten drei Gruppen reichen, so die Steuerexperten, nämlich AK-Mitglieder, Nicht-AK-Mitglieder und Pensionisten. Außerdem sollte es statt der aktuell 22 künftig nur einen Sozialversicherungsträger geben.

Weg mit Bagatellsteuern

Von der Bier- über die Schaumweinsteuer bis zur Werbeabgabe für Printmedien: Die Steuerexperten fordern eine Abschaffung dieser Bagatellsteuern. Sie würden in Summe zwar 500 Millionen Euro ausmachen. Gegenüber den 24,7 Milliarden Euro, die die Lohnsteuer einspielt, ist das aber tatsächlich nur eine Bagatelle.

Nur ein Mal pro Jahr

Jeder Lohnverrechner habe Angst, dass er etwas übersehen hat, schildern Hübner und Trenkwalder die Auswirkungen des komplexen Systems. Sie fordern daher: Die Politik sollte künftig nur noch ein Jahressteuergesetz erlassen und auf die unzähligen Novellen verzichten.

Mit der radikalen Vereinfachung des Systems wären jedenfalls 20 bis 30 Prozent der Kosten im Rechnungswesen einzusparen, kalkuliert Hübner. Das helfe den Unternehmen monetär genau so wie eine Steuersenkung. Auf mittlere Sicht müsste die Abgabenquote aber jedenfalls sinken, fordern die Steuerprofis. Aktuell macht diese Quote mehr als 43 Prozent aus. Bis zum Jahr 2022 sollte sie unter die 40-Prozent-Marke gedrückt werden.