Putin will trotz Nord Stream 2 weiter Gas durch Ukraine leiten

Russlands PrÀsident Vladimir Putin.

© APA - Austria Presse Agentur

Wirtschaft
12/26/2021

Kann uns Putin einfach das Gas abdrehen?

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Streit um die Ostseepipeline Nord Stream 2.

von Martin Meyrath

Russland steht seit Monaten in der Kritik, die Gaslieferungen nach Europa absichtlich zu drosseln, um Druck auszuĂŒben. Russland bestreitet diesen Vorwurf vehement. Bekanntlich pocht der mehrheitlich staatliche Konzern Gazprom auf die Inbetriebnahme der heuer fertiggestellten Ostseepipeline Nord Stream 2. Wann es so weit ist, liegt an der Genehmigung der deutschen Bundesnetzagentur. Eine Entscheidung darĂŒber dĂŒrfte erst in der zweiten JahreshĂ€lfte 2022 fallen.

Doch kann Russland Europa einfach das Gas abdrehen? Der KURIER hat die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wo kommt unser Gas her?

Europa kann etwa 18 Prozent seines Bedarfs an Gas durch eigene Produktion decken. Weitere 15 bis 20 Prozent werden als FlĂŒssiggas (LNG) importiert. Dieses braucht keine Pipelines, sondern kommt in Schiffen, beispielsweise aus den USA. Der Löwenanteil des Erdgases, das in Europa verbraucht wird, kommt durch Pipelines aus Russland. Gazprom ist das grĂ¶ĂŸte Erdgasförderunternehmen der Welt und der wichtigste Lieferant fĂŒr Europa.

Wer bestimmt, wieviel Gas geliefert wird?

Wieviel Gas geliefert wird ist keine willkĂŒrliche Entscheidung einer Seite. Energieunternehmen schließen sowohl lang- als auch kurzfristigere VertrĂ€ge ĂŒber Preise, Mengen und ZeitrĂ€ume. Das kann auch Optionen auf Aufstockungen beinhalten. Technisch kann der Lieferant den Gashahn freilich zudrehen, allerdings wĂ€re das nicht im Sinne langfristig ertragreicher GeschĂ€ftsbeziehungen. Russland hat in den vergangenen Monaten wiederholt erklĂ€rt, alle LiefervertrĂ€ge einzuhalten. In der Vergangenheit hat Gazprom auf Nachfrage auch mehr geliefert. Diese Praxis dĂŒrfte heuer geĂ€ndert worden sein.

Warum fließt derzeit dann kein Gas durch die Pipeline „Jamal“?

Am Dienstag wurde bekannt, dass in der Pipeline Jamal derzeit Gas aus Deutschland in Richtung Polen fließt. Die GroßhandelsmĂ€rkte reagierten prompt mit einem zwischenzeitlichen Preissprung um etwa 20 Prozent nach oben. Der Grund ist allerdings einleuchtend: Polen kauft derzeit Gas, das teilweise aus Deutschland geliefert wird. Deutschland importiert zwar viel Gas, unter anderem ĂŒber die bereits 2011 eingeweihte Ostseepipeline Nord Stream 1, verteilt es aber auch an andere europĂ€ische Staaten weiter.

Warum sind die SpeicherstÀnde dann niedrig?

Da der Verbrauch im Sommerhalbjahr niedriger ist als im Winter, nutzen viele europĂ€ische Unternehmen diese Monate, um ihre Speicher aufzufĂŒllen. Allerdings hat das weltweite Anspringen der Konjunktur im FrĂŒhling die internationalen Großhandelspreise in die Höhe getrieben. Es war deswegen vergleichsweise unattraktiv, Gas auf Vorrat zu kaufen.

Was bedeutet das fĂŒr die Versorgungssicherheit?

Unmittelbare Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit sind nicht zu erwarten. Die deutsche Initiative Energien Speichern (INES) rechnet allerdings damit, dass die SpeicherstĂ€nde im Februar einen historischen Tiefstand von 30 Prozent erreichen könnten, wenn die Ausspeicherungen wie in den vergangenen Wochen weitergehen. Gasverbrauch und SpeicherstĂ€nde ein Gegenstand langfristiger Planung. Österreich hat in Relation zur GrĂ¶ĂŸe des Landes ein sehr großes Speichervolumen, das etwa einen Jahresbedarf fasst.

Was hat das mit Politik zu tun?

Energie eignet sich als Druckmittel. Kritiker der Nord Stream 2 sehen darin vor allem ein geostrategisches Projekt, durch das Russland seinen Einfluss auf Europa ausweiten will. Die neue deutsche Regierung ist in der Frage gespalten: SPD-Kanzler Olaf Scholz sieht keinen Grund, sich in ein, wie er sagt, „privatwirtschaftliches Vorhaben“ einzumischen. Die GrĂŒnen hingegen haben die Pipeline schon in der Vergangenheit kritisiert und sprechen sich offen dafĂŒr aus, sie im Ukraine-Konflikt auch als Druckmittel einzusetzen. Die Ukraine ist ein wichtiges Transitland fĂŒr russisches Gas nach Europa und kassiert dafĂŒr GebĂŒhren. Wenn Russland Europa vermehrt ĂŒber die Ostsee beliefert, entgehen Kiew also Einnahmen. Im schwelenden Konflikt um einen einen kolportierten drohenden Einmarsch ist der Gastransit nach Europa außerdem eine strategische Frage.

Wintershall ist Mitglied des Nord Stream 2-Konsortiums

Was ist die Position Österreichs?

Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) ist fĂŒr die Inbetriebnahme der Pipeline. Sie sei "ein geostrategisches Projekt fĂŒr die ganze EU" und sollte "nicht als Druckmittel gegen Moskau benutzt" werden. Der teilstaatliche Energiekonzern OMV ist mit 10 Prozent an der Finanzierung der Baukosten von Nord Stream 2 beteiligt.

Wird Gas jetzt noch teurer?

Die Großhandelspreise sind heuer stark gestiegen. Der österreichische Gaspreisindex (ÖGPI) hat sich im Vergleich zum Dezember 2020 mehr als versechsfacht. Experten gehen davon aus, dass der Großhandelspreis zumindest noch bis Ende der Heizsaison hoch bleibt. Allerdings kommen die Verwerfungen nicht in diesem Ausmaß bei den Verbrauchern an. Das liegt zum einen daran, dass die Gasversorger langfristig einkaufen und so extreme PreisausschlĂ€ge abfedern. Außerdem besteht die private Gasrechnung auch aus Netzkosten, Steuern und Abgaben, die nicht mit den Energiepreisen mitsteigen. Preiserhöhungen mĂŒssen von den Versorgern vorab angekĂŒndigt werden.

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