Plansee-CEO: „Schaubergwerke werden wegen Wolfram reaktiviert“
Plansee nutzt Wolfram-Schrott, um das wichtige Hartmetall zu recyceln.
Das Unternehmen Plansee aus Reutte in Tirol zählt zu den Weltmarktführern bei Produkten aus Wolfram. Das Hartmetall hat in den vergangenen Monaten einen enormen Preissprung hingelegt. Der KURIER hat mit CEO Karlheinz Wex über Abhängigkeiten und Auswege daraus gesprochen.
KURIER: Die meisten Menschen kennen Wolfram wahrscheinlich noch von Glühbirnendrähten. Welche Bedeutung hat das Material heute?
Karlheinz Wex: Wolfram hat besondere Eigenschaften. Es ist das Metall mit dem höchsten Schmelzpunkt und sehr dicht. 70 Prozent der Anwendungen sind in der Werkzeugindustrie. Überall, wo es um Fräsen, Drehen, Bohren geht, ist Wolframcarbid das Material der Wahl. Wolfram ist auch sehr schwer. Ein Kubikmeter hat 18 Tonnen. Wenn Ihr Smartphone vibriert, liegt das an einem kleinen Bauteil aus Wolframverbundwerkstoff. Das Material kann Strahlung auch sehr gut abschirmen und lenken. Es kommt bei der Bestrahlung von Tumoren oder in Computertomografen zum Einsatz. Wolfram besetzt eine extreme Nische, aber die gesamte verarbeitende Industrie setzt es ein.
Bohrer und Fräsen für die Industrie bestehen oft aus Wolfram.
Wieso ist der Preis so stark gestiegen?
80 Prozent des Wolframs werden heute in China abgebaut. Seit einem Jahr wurde der Export von Wolframpulver extrem zurückgefahren. Das Land wurde sogar zum Nettoimporteur. Der westliche Markt ist nun am Austrocknen. Deshalb ist der Preis explodiert.
Wieso braucht China plötzlich so viel Wolfram?
China braucht nicht mehr. Der Export wurde immer als politisches Instrument benutzt. Der Markt wurde in der Vergangenheit teilweise mit Wolfram geflutet, dann wurden wieder die Zügel angelegt. Das macht China auch bei anderen Materialien so, etwa bei Gallium oder Hafnium. Momentan ist es wahrscheinlich eine Reaktion auf die Zollpolitik der USA. Aber es führt dazu, dass Minen, die unprofitabel geworden sind oder - wie im österreichischen Mittersill – zu Schaubergwerken umgebaut wurden, nun reaktiviert werden.
Wo außer in China findet man das Material?
50 Prozent der bekannten Vorkommen sind in China, aber es gibt auch große Vorkommen in Australien, Russland, Vietnam, aber auch in europäischen Ländern wie Spanien, Portugal oder Großbritannien. Aber 80 Prozent des Wolframs, das aus einer Mine kommt, stammen aus China. China will damit auch die eigene Industrie fördern und in der Wertschöpfungskette nach vorne kommen. Auch strategisch ist Wolfram bedeutsam. Zehn Prozent des Verbrauchs geht in militärische Anwendungen.
1921 gründete Pulvermetallurgie-Pionier Paul Schwarzkopf eine Wolframfaden-Fabrik in Reutte wegen naher Wasserkraft (vom Plansee - daher der Name). Das Unternehmen ist bis heute in Familienbesitz.
11.120 Mitarbeiter zählt das Unternehmen heute. Der Umsatz im Geschäftsjahr 2025/26 lag bei 2,35 Mrd. Euro. Die Gruppe hat 12 Produktionsstandorte in Europa, Asien und USA.
3.000 Dollar kostet Wolfram heute ungefähr pro Tonne. Im Jänner 2026 lag der Preis noch bei rund 1.000 Dollar pro Tonne.
Woher, außer aus Minen, kommt Wolfram sonst?
Der weltweite Jahresverbrauch liegt bei 120.000 Tonnen. 90.000 stammen aus Minen, 30.000 aus Recycling. Wir haben unsere Wolframversorgung auf Recycling aufgebaut. 90 Prozent unseres Wolframeinsatzes stammen aus Schrotten. Dafür mussten wir entsprechende Technologien entwickeln, etwa um verschlissene Bohrer aus Hartmetall wieder aufzubereiten. Ursprünglich lag der Fokus auf mehr Unabhängigkeit von China, aber es spielt uns auch bei Nachhaltigkeit in die Karten. Der CO₂-Fußabdruck von Recycling-Produkten ist um den Faktor vier kleiner als bei Produkten mit Wolfram aus der Mine.
Ausgangspunkt für weltweite Expansion: Das Plansee-Werk nahe Reutte.
Wie aufwendig ist das Recycling?
Die Aufarbeitung von Schrotten ist aufwendiger als die Verarbeitung von Primärmaterial. Sie müssen den Schrott einsammeln, ihn sortieren, Sie wissen nicht immer, welche Verunreinigungen drin sind. Bei der chemischen oder thermisch-physikalischen Aufbereitung braucht es viel Erfahrung. Aber vom Energieverbrauch her ist es weniger intensiv. Der CO₂-Fußabdruck entsteht vor allem im Minenbereich.
Sie setzen sich für den Aufbau einer europäischen Wolfram-Reserve ein. Was würde das in der aktuellen Situation bringen?
In der Zeit einer Unterversorgung einen Vorrat anzulegen, wäre schlecht. Aber es wäre gut, etwas beiseite zu legen, wenn eine Überversorgung gegeben ist. Lieferketten brechen immer wieder. Wenn man eine Reserve hätte, könnte man eine Zeit der Unterversorgung überbrücken.
Der hohe Preis macht aber offenbar auch die Wiedereröffnung geschlossener Minen attraktiv.
Die Sangdong-Mine in Südkorea wurde vor 25 Jahren zugesperrt, weil der Markt mit billigem Wolfram aus China geflutet wurde. Das kanadische Unternehmen Almonty hat die Minenrechte gekauft. Wir haben das Projekt gemeinsam hochgefahren und uns einen Großteil der Fördermengen gesichert. Die Reaktivierung hat zehn Jahre lang gedauert. Auch an anderen Orten werden Minen reaktiviert, aber durch die hohen Preise gibt es teilweise viel Fantasie, dass sie sich rentieren.
Karlheinz Wex arbeitet seit 1991 für die Plansee Group. Seit 2023 ist er Vorstandsvorsitzender.
Werden diese Minen alle wieder Pleite gehen, wenn China wieder mehr exportiert?
Genau aus dieser Unsicherheit heraus setzen wir auf Recycling. Durch die Sangdong-Mine wird unser Recyclinganteil zwar leicht zurückgehen, aber es wird immer das Maß der Dinge bleiben.
Plansee ist ein international tätiges Unternehmen mit Standorten in vielen Ländern. Wie schneidet denn der Standort Österreich momentan ab?
Ich muss es genauso wie viele andere sagen: Der Standort hat leider massiv an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Das sieht man an den Statistiken. Im IMD-Ranking ist Österreich von Platz 26 auf 29 zurückgefallen. Die Arbeitskosten galoppieren uns davon, die Energiekosten sind hoch. Das größte Thema ist aber die Bürokratie. Das meiste ist hausgemacht. Es gibt andere Länder mit gleichen Voraussetzungen, die es deutlich besser machen.
Die Regierung will die heimische Industrie fördern. Ist das bei Plansee spürbar?
Von der Industriepolitik der Regierung ist am Standort Reutte noch nicht viel angekommen. Auf der anderen Seite hat der Standort auch Qualitäten. Es gibt gut ausgebildete Mitarbeiter, gute Infrastruktur, Sicherheit. Man darf den Standort nicht kaputtreden, aber die Statistiken muss man ernst nehmen. Man muss langfristig denken und große Schritte machen, keine kleinen Reparaturmaßnahmen. Und es wird dauern, wieder in die Top Ten der Industrienationen zu kommen. Wenn man in zehn Jahren dort ist, kann man sagen, man hat die Hausaufgaben gemacht.
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