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Wirtschaft
11/28/2019

Österreicher müssten um 28 Monate länger arbeiten

Ohne Reform sind die Kosten für Gesundheit, Pflege und Pensionen nicht in den Griff zu bekommen, sagt IV-Experte Clemens Wallner.

von Thomas Pressberger

Österreich ist auf seine älter werdende Gesellschaft schlecht vorbereitet. Denn wenn sich die derzeitige demografische Entwicklung fortsetzt und sich nichts an der aktuellen Gesetzeslage ändert, wird das bis 2060 jährlich ein Defizit in Höhe von 3,1 Prozent des Bruttoinlandprodukts verursachen, sagt Clemens Wallner, wirtschaftspolitischer Koordinator in der Industriellenvereinigung (IV).

Je später, desto teurer

Durch die demografische Entwicklung würden immer mehr Kosten in den Bereichen Pflege, Gesundheit und Pensionen entstehen. „Je später sich die Politik zu Reformen durchringt, desto höher werden die Kosten“, sagt Wallner. Denn dann würden auch noch höhere Zinszahlungen dazukommen. Die 3,1 Prozent seien ein Bezugswert für die Politik. Anhand dessen könne man ausrechnen, wie sich zum Beispiel jüngst beschlossene Maßnahmen – wie eine Ausweitung der Hacklerregelung oder eine Erhöhung der Pensionen – auswirken.

Die alternde Bevölkerung schlägt sich laut Wallner auch auf Wachstum und Produktivität nieder. Je weniger Menschen in arbeitsfähigem Alter zur Verfügung stünden, desto weniger Fachkräfte gebe es. „Es ist ein Mythos zu glauben, dass die Arbeitslosigkeit zurückgeht, wenn die Menschen älter werden“, sagt Wallner.

Würde sich auch hier die Entwicklung so wie bisher fortsetzen, würden bis 2060 eine halbe Million Facharbeiter fehlen. Ein Lösungsansatz für die Misere wäre es, das Pensionsalter anzuheben. „Bis 2060 soll die Lebenserwartung um sieben Jahre steigen“, sagt Wallner.

Tatenlose Akteure

Würde das Pensionsantrittsalter um ein Drittel dieses Zeitraums, sprich 2,3 Jahre (28 Monate), steigen, hätte man die Pensionen im Griff – die Kosten für Gesundheit und Pflege noch nicht ganz.

Dass die Politik in dieser Sache bald tätig wird, glaubt Wallner allerdings nicht: „Unternehmen müssen Rückstellungen für außergewöhnliche Belastungen machen, die Politik macht das nicht“, sagt Wallner. Im Gegenteil, die Beschlüsse der vergangenen Monate würden eher in die andere Richtung gehen.

Ähnliche Situation

Derzeit sehe es eher danach aus, als würde auch in den kommenden Jahren nichts geschehen. Das gilt auch für die Parteien, die derzeit in Koalitionsverhandlungen stehen: Weder bei den Türkisen, noch bei den Grünen sei das Thema Pensionen großgeschrieben.

OECD-Studie

Die Pensionen befinden sich in Österreich im internationalen Vergleich auf einem sehr hohen Niveau. Innerhalb der 36 OECD-Länder hat Österreich die dritthöchste Netto-Ersatzrate (Pensionshöhe im Vergleich zum letzten Erwerbseinkommen, Anm.). Besser liegen nur Italien und Luxemburg. Das geht aus einer am Mittwoch veröffentlichten OECD-Studie hervor.

Demnach bekommen Österreicher mit ihrer Pension im Schnitt 76,5 Prozent ihres letzten Erwerbseinkommens. Die Zahl bezieht sich auf Männer mit Medianeinkommen (eine Hälfte hat mehr, die andere weniger, Anm.), die mit 22 ins Berufsleben eingestiegen sind und zum gesetzlichen Pensionsalter (in Österreich 65) in den Ruhestand getreten sind. In Italien liegt die Netto-Ersatzrate bei 79,5 Prozent und in Luxemburg bei 78,8 Prozent. Das Pensionsantrittsalter ist allerdings unterschiedlich: in Italien bei 71, in Luxemburg bei 62.

Am unteren Ende der Skala befinden sich Irland, Litauen, Mexiko, Polen und Großbritannien mit je weniger als 30 Prozent. Unterdurchschnittlich liegt auch  Deutschland (38,7 Prozent). Der OECD-Durchschnitt liegt bei 49 Prozent.

Vergleicht man die Situation mit Deutschland und der Schweiz, erkennt man durchaus ähnliche Situationen. Das wurde jüngst auf dem „Dreiländertreffen“ diskutiert. Bei diesem Treffen sich jährlich Wirtschaftsexperten aus Deutschland, der Schweiz und Österreich, heuer in der IV in Wien.

Höhere Steuern

Deutschland wird nach aktueller Gesetzeslage die Steuer- und Abgabenquote um gut fünf Prozent des BIP anheben, um die demografiebedingten Kosten zu schultern. Das geht zu Lasten der Steuerzahler. Die Schweiz steuere ähnlich wie Österreich auf ein Minus von drei Prozent zu, weil auch dort die altersbedingten Kosten steigen.

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