Bei der Pflege geht es politisch wie immer ums Geld

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Politik Inland
11/21/2019

Pflege: Lernen von den Nachbarn

Die Reform des Pflegesystems gilt als alternativlos. Zwei Vorbilder: Deutschland und die Niederlande.

von Christian Böhmer, Johanna Hager

Thomas Stelzer gehört nicht zu jenen Landeshauptleuten, die großartig poltern. Umso bemerkenswerter ist es, dass der oberösterreichische Regierungschef erst vor wenigen Tagen ein „unwürdiges Schauspiel“ kritisierte, das sich in einem der sensibelsten Bereiche abspielt, nämlich: beim Umgang mit den ältesten Mitmenschen.

Als unwürdig bezeichnen Stelzer und auch andere Landeshauptleute, dass es für 2019 und 2020 einen „Deckel“ bei den Ausgleichszahlungen für den Pflegeregress gibt. Hart gesagt: Egal, was der Regress die Länder auch kostet – mehr als 300 Millionen Euro bekommen sie vom Bund nicht refundiert.

Nun ist die Frage des Regresses ein kleiner Ausschnitt im großen Pflegethema. Tatsächlich gilt es für Experten aber als alternativlos, dass sich die nächste Regierung auf eine nachhaltige Pflegereform einigen muss.

Steigender Bedarf

Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen wird sich der Bedarf an Pflegekräften und -angeboten in den nächsten 30 Jahren deutlich steigern.

Experten gehen davon aus, dass die Zahl der 2050 nötigen Pflegekräfte mehr als doppelt so hoch ist wie heute.

Hinzu kommt, dass im Pflegesystem weiter große regionale Unterschiede bestehen. So kritisieren Institutionen wie der Rechnungshof seit Jahren, dass Patienten mit vergleichbaren Bedürfnissen und Erkrankungen derzeit in Österreich ganz unterschiedlich versorgt bzw. gepflegt werden. Einziges Kriterium: die Postleitzahl.

Die gute Nachricht lautet an dieser Stelle: Innovative Modelle müssen nicht erfunden werden. Es gibt in Europa eine Vielzahl an „Best Practice“-Beispielen, von denen man lernen könnte.

Dazu gehört das niederländische „Buurtzorg“-System, das zwei Dinge erreicht hat, die auf den ersten Blick unvereinbar scheinen, nämlich: eine höhere Qualität bei geringeren Kosten.

Vorbild Deutschland

Aber auch Deutschland gilt vielen als Vorbild.

Einer der größten Pflegedienstleister, die Caritas, empfiehlt der Politik, sich bei der Frage des Pflegegeldes an der Bundesrepublik zu orientieren. „Einer der Schlüssel ist, dass Deutschland die Frage der Selbstversorgungsfähigkeit weit gefasst hat und besonders berücksichtigt“, sagt Ilse Simma-Boyd, Pflege-Expertin der Caritas im KURIER-Gespräch.

In der Praxis bedeutet das, dass bei der Pflegegeld-Einstufung nicht nur zählt, welche medizinischen Befunde formal vorliegen, sondern vor allem wie der Alltag der betroffenen Person aussieht.

„Gerade Menschen mit demenziellen Erkrankungen müssen körperlich nicht so eingeschränkt sein“, sagt Simma-Boyd. „Dennoch stellt sich bei diesen Patienten die Frage, ob sie ihren Alltag allein bewältigen können.“

Einfach formuliert: Jemand, der stark dement ist, ist zwar physisch in der Lage, zum Supermarkt zu gehen. Aufgrund seiner Erkrankung kann er oder sie aber oft nicht alleine einkaufen gehen, braucht Begleitung – und daher Hilfspersonal.

 

Ein weiterer Vorzug der deutschen Pflegegeld-Einstufung ist der Pflegegeld-Rechner: Auf der Seite www.pflege.de können Betroffene und deren Familien mit einem Online-Test selbst nachrechnen, ob sie bei der Einstufung von Ärzten und Gutachtern richtig eingeordnet worden sind. „Und dieser Test", sagt Expertin Simma-Boyd, "ist für ganz Deutschland gleich.“