© Marcus Scheiblecker

Wirtschaft
02/02/2019

Ökonom unter Palmen: Der womöglich beste Job der Welt

Der Wiener Marcus Scheiblecker ist für den Währungsfonds auf Fidschi stationiert. Sein Auftrag: Reisen.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Klingt nach dem besten Job der Welt: ein Büro im Urlaubsparadies Fidschi beziehen und die Inseln der Region bereisen. Seit Oktober ist das Alltag für Ex-WIFO-Vizechef Marcus Scheiblecker, wie er auch in einem lesenswerten Online-Tagebuch schildert.

Der KURIER erreichte den Ökonmen am buchstäblich anderen Ende der Welt via Skype-Bildtelefonat zum Interview.

KURIER: Ihre Aufgabe klingt nach bezahltem Traumurlaub. Wie nahe ist das an der Realität?

Marcus Scheiblecker: Der Traumurlaub blickt manchmal durch, es ist aber schon Arbeit. In Suva, wo ich stationiert bin, gibt es keinen Strand und ich bin im Oktober zu Beginn der Regenzeit gekommen. Tauchen war ich bereits mehrmals, aber sonst ist es für Ausflüge oft zu heiß. Man schwitzt schon im Sitzen. Ab März, April sollte es schöner werden. Aber es ist eine Abwechslung, sehr „basic“, anders und fremd.

Ihr Vorgänger hat gemeint, fast alle blieben länger als ein Jahr. Sie auch?

In meinem Vertrag steht, dass ich verlängern kann – zu 80 Prozent werde ich das tun. Ich fühle mich eigentlich immer noch neu hier, nach einem halben Jahr ist man gut eingearbeitet. Mein Traum wäre, hier noch ein Jahr zu verlängern und dann den gleichen Job in der Karibik, auf Barbados, zu machen. Dort sind noch mehr Inseln zu beraten.

Dieser IWF-Job war sicher weltweit ausgeschrieben. Wie sind Sie da zum Zug gekommen?

Mir wurde gesagt, es hätten sich insgesamt 20 Leute beworben. Meine Qualifikationen haben ideal gepasst: Managementerfahrungen, das volkswirtschaftliche Fachwissen, meine Publikationen, ich habe bei Statistik Austria gearbeitet. Und ich war kein Unbekannter, ich war davor vier Mal auf zweiwöchigen IWF-Missionen in Bhutan, Kuwait, Sarajevo und für Pakistan in Istanbul.

Die Zusage kam dann recht flott. Es ist schon exotisch – man muss gut erklären können, einen Zugang zu Menschen finden. Und man ist ständig auf Reisen von Insel zu Insel. Das macht es für Familien schwierig, die dann zwei, drei Wochen allein zurückbleiben.

Wie kann man sich Ihre Arbeit vorstellen? Sie helfen den Inselstaaten dabei, professionelle Statistiken zu erstellen?

Bei der Erhebung ist eine andere Institution behilflich, denn alle zehn Jahre sollten die Bevölkerung befragt werden: Wie viel fischen Sie selbst? Betreiben Sie Landwirtschaft? Haben Sie Leute beschäftigt? Das ist die Basis für die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung.

Manche Inseln wie Fidschi haben zusätzlich Unternehmenserhebungen, einige heben eine Mehrwertsteuer ein, andere eine Körperschaftsteuer. Wir helfen, das auszuwerten, um das Bruttoinlandsprodukt, die Zahlungsbilanzen und das Außenkonto zu berechnen.

Einige Inseln sind so klein: Das ist so, als würden Ebreichsdorf oder Zwettl ihr eigenes BIP berechnen. Wie sinnvoll ist das überhaupt?

Die Frage liegt nahe. Eine Mission führt mich nach Nauru, das hat 13.000 Einwohner. Teilweise wird halbtags an der BIP-Berechnung gearbeitet. Noch dazu liegen einige Inseln wie Tuvalu und Niue nur eineinhalb Meter über den Meeresspiegel und existieren womöglich in zwanzig Jahren nicht mehr.

Aber das sind eigenständige, stolze Staaten mit Sitz bei den Vereinten Nationen. Sie haben eine Flagge, Hymne, teilweise eigene Währung und wollen selbst berechnen, wie wohlhabend sie sind.

Der Überblick über die Staatsfinanzen ist auch nötig, um Kredite bei der Weltbank oder Asiatischen Entwicklungsbank zu erhalten. Und meine Kollegen beraten einige Länder, wie zum Beispiel Gesetze für eine Mehrwertsteuer aussehen könnten.

Wie kann man sich die Wirtschaftsstruktur dieser Inselstaaten vorstellen? Was gibt es dort überhaupt neben Tourismus und Fischerei?

Das ist von Insel zu Insel sehr unterschiedlich. Auf Tuvalu besteht das BIP produktionsseitig fast nur aus Kopra (Kokosnuss) und Fleisch; Touristen gibt es dort kaum, zwischen 1000 und 2000 Urlauber im Jahr.

Nauru ist keine besonders schöne Insel, dort bezahlt Australien dafür, dass Flüchtlinge untergebracht werden. Fidschis Wirtschaft ist durchgemischt, es gibt Tourismus, aber auch Industrie, allerdings nur Zucker. Samoa hat sogar Fabriken für Autozulieferteile.

Ein großes Werk hat dort kürzlich zugesperrt und damit prompt eine Jobkrise ausgelöst.

Genau, das sieht man sofort im BIP. Tourismus hat Samoa auch, Tonga noch mehr. Es ist sehr unterschiedlich. Ein bisschen Industrie, generell ist China für alle ein wichtiger Markt. Bodenschätze gibt es kaum. Auf Nauru gab es Phosphatabbau, aber das war es. Fidschi hat Gold, aber das ist marginal.

Haben Sie schon je bereut, den Job angenommen zu haben?

 Nein, Heimweh hatte ich noch nicht. Es war schön, zu Weihnachten in der Heimat zu sein; ich war in den Bergen und habe Freunde und Familie getroffen. Sonst geht mir hier wenig ab. Übrigens weniger das Schwarzbrot, wie alle vermutet hatten, sondern eher der Rote-Rüben-Salat.

Auch Wurst und Fleisch sind von der Auswahl und Qualität nicht vergleichbar, das sieht alles etwas grau aus. Es muss generell viel importiert werden. Außer Ananas, Kokosnüsse und Papaya gibt es wenig Obst. Stärkehaltiges wie Taroknollen und Yamswurzeln sind nicht mit unseren Erdäpfeln vergleichbar, das ist eher mehlig.

Diese Knollen, roher Fisch und Kokosnuss waren bis vor hundert Jahren die Fidschikost. Dafür sind die Fidschianer erstaunlich stattliche und stämmige Menschen. Sie sind auch im Rugby äußerst erfolgreich.

In Sachen Übergewicht liegen Länder wie Samoa und Nauru weltweit ganz vorne. Warum eigentlich?

Laut einem Bericht der WHO von 2008 hat Tokelau unter den Gebieten im Südpazifik mit 93,6 Prozent den höchsten Bevölkerungsanteil an übergewichtigen Menschen. Die Diabetesrate bei den 25- bis 64-Jährigen lag 2006 bei 43,6 Prozent.

Die Bevölkerung dieser Länder war nicht darauf vorbereitet, mit billigen Kohlenhydraten überschwemmt zu werden. In den Supermärkten wird das Billigste aufs Förderband gelegt. Wobei viele Fidschianer Bewegung lieben und sehr viel Sport machen. Sobald die Sonne scheint, sind die Menschen draußen.

Etwas das man weltweit kennt ist die Marke Fiji Water. Gibt es diese Bergquelle wirklich?

Ja, die gibt es. Und auch noch eine weitere, weniger bekannte Marke. Fidschi hebt auch eine Naturressourcen-Steuer darauf ein, so berechnen wir, wie viel sie davon produzieren. Das Wasser wird in ganz Asien stark beworben und verkauft.

Dabei scheint es keine besondere Qualität oder Heilkraft zu besitzen, aber der Name Fiji ist einprägsam kurz, es ist hip und die Flasche schaut wunderschön aus. Ökologisch ist es natürlich absurd, diese Plastikflaschen rund um die Welt zu karren.

Gibt es noch andere Exporte?

Fidschi steht natürlich für Tourismus, speziell Honeymoon-Reisen. Es gibt Seifen und andere Produkte aus Kokos. Die typischen Hemden verbindet man bei uns eher mit Hawaii. Fidschi-Zucker ist in der Region eine Marke. Fisch ist für alle Inseln typisch.

Was sind die größten Probleme der Inseln? Naturkatastrophen?

Ja, definitiv. Es gab immer schon Erdbeben, gefolgt von Tsunamis – einige Inseln stehen auf der UNO-Risikoliste hoch oben, da erhalte ich Gefahrenzulagen, wenn ich dort hinfahre. Auch Wirbelstürme sind eine Gefahr. Und in Papua-Neuguinea ist die Kriminalitätsrate sehr hoch. Dort werde ich das Hotel nur zum Arbeiten und in Begleitung verlassen dürfen.

Sind die Leute auf Fidschi zugänglich? Findet man hier als Europäer Anschluss?

Die Menschen sind sehr freundlich, rufen einem beim Joggen schon von Weitem „Bula“ (Hallo, Anm.) zu. Außer im Verkehr, da wird man schon angehupt. Auch die Inder sind sehr gesprächig, etwa im Fitnessstudio. Da bin eher ich zurückhaltend.

Hätten Sie sich irgendetwas ganz anders vorgestellt?

Ich kannte schon einige Länder, die sehr bodenständig sind, das ist nichts Neues. Ungewohnt ist natürlich der Linksverkehr. Die Regenzeit und Hitze sind heftiger als ich erwartet hätte. Ein wenig enttäuscht war ich, dass man landestypische Küche vergeblich sucht. Unterschiedliche Zubereitungsarten, exotische Zutaten oder Gewürze, das ist nicht die Sache der Fidschianer.

Die Institution PFTAC

Das Pazifische Finanztechnische Assistenz-Zentrum (PFTAC) wurde 1993 als Ableger des Internationalen Währungsfonds (IWF) gegründet, um  16 Inselstaaten mit Expertise und Trainings zu helfen. Neben dem IWF tragen zur Finanzierung die Asiatische Entwicklungsbank (ADB), Australien, Korea, Neuseeland und die EU bei.

Zur Person

Marcus Scheiblecker  (52) ist seit 1998 beim Wirtschaftsforschungsinstitut, war 2014 bis 2018 WIFO-Vizechef. Er ist dort momentan  für die IWF-Tätigkeit karenziert.

 

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