Der Brite Angus Deaton lehrt an der US-Universität Princeton.

© APA/EPA/Larry Levanti

Schweden
10/12/2015

Nobelpreis für Armutsforscher Angus Deaton

Der gebürtige Schotte wird für seine Studien über Konsum, Armut und Wohlfahrt ausgezeichnet.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Ach du meine Güte, ich war so schläfrig.“ So beschreibt Angus Deaton seine Reaktion auf den frühmorgendlichen Anruf aus Stockholm. Dieser informierte ihn, dass er den Nobelpreis 2015 für Wirtschaftswissenschaften erhält: „Ich war überrascht und erfreut, die Stimmen meiner Freunde vom (Nobelpreis-)Komitee zu hören.“

In Fachkreisen ist die Auszeichnung für den gebürtigen Schotten, der seit 1983 an der US-Eliteuni Princeton lehrt, keine Überraschung. Der 69-Jährige zählte zum Favoritenkreis – vor allem dank seines Forschungsgebietes: Studien über Armut und Vermögensungleichheit haben im Gefolge der Krise stark an Gewicht gewonnen.

Grenzen des Glücks

Geld macht glücklich, es gibt dabei aber Grenzen. Immer mehr Geld macht nicht unbedingt glücklicher. Armut hingegen macht die Menschen unzufrieden, unglücklich und krank – so lautet eine Erkenntnis, die Deaton 2010 gemeinsam mit Kollegen wissenschaftlich untermauerte.

Das Nobelpreis-Komitee begründete die Auszeichnung für Deaton jedoch vor allem mit den früheren theoretischen Modellen, die zu Standardinstrumenten der Ökonomie geworden seien. Das 1980 von Deaton gemeinsam mit John Muellbauer beschriebene „Fast ideale Nachfrage-System“ werde bis heute häufig eingesetzt, sagt WIFO-Ökonom Jürgen Bierbaumer-Polly. Als weitere Errungenschaften Deatons würdigte das Komitee seine Zusammenhänge zwischen Konsum und Einkommen sowie individuellen und aggregierten Daten ("Deaton-Paradox") und die Analyse und Messung von Armut in Entwicklungsländern. "Die Theorielastigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die Begründung", sagt Bierbaumer-Polly.

Die Entscheidung sorgt vor allem unter moderat linksgerichteten Ökonomen für Freude. „Eine exzellente Wahl. Deaton zeigt, wie schädlich die heutige hohe Ungleichheit (gerade in Deutschland) für die Wirtschaft und Gesellschaft ist“, kommentierte Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), via Twitter.

Wenig progressiver Preis

„Die Auszeichnung für das Thema Armutsforschung ist sehr erfreulich“, sagt Wilfried Altzinger, Vorsitzender des neuen Forschungsinstitutes „Economics of Inequality“ an der Wirtschaftsuni Wien, im Gespräch mit dem KURIER. Er ist aber nicht restlos begeistert: „Ich hätte mir gewünscht, dass er den Preis gemeinsam mit Tony Atkinson bekommt.“

Das wäre dem Komitee aber wohl zu brisant gewesen, vermutet Altzinger: Der (ebenfalls als Anwärter gehandelte) britische Verteilungsökonom Atkinson stelle klare gesellschaftliche und demokratiepolitische Forderungen; Deaton hingegen betone stärker Verschulden oder Verdienst des Einzelnen an Armut oder Reichtum. Das Nobelpreis-Komitee ließ schon bisher oft ein Faible für US-Ökonomen und Theoretiker erkennen – Preise für progressive Ökonomen wie den „Anwalt der Armen“, den Inder Amartya Sen (1998), seien eher die Ausnahme, so Altzinger.

Lösung der Flüchtlingskrise

In seinem 2013 erschienen Buch "The Great Escape: Health, Wealth, and the Origins of Inequality" (Das große Entrinnen: Gesundheit, Wohlstand und die Ursprünge der Ungleichheit") entwickelt Deaton ein sehr ambivalentes Bild. Einerseits seien global betrachtet mehr Menschen denn je wohlhabend und gesund. Zugleich gehe die Schere der Ungleichheit aber immer stärker auf - am unteren Rand bleibe bittere Armut.

Unmissverständlich ist Deatons Botschaft zu Europas Flüchtlingskrise: „Das ist die Folge von Hunderten Jahren ungleicher Reichtums-Entwicklung. Viele Menschen wurden dabei zurückgelassen und wollen nun ein besseres Leben erreichen.“ Lösen lasse sich das Problem nur, indem die Armut in den Herkunftsländern bekämpft wird: „Aber das wird sehr lange dauern.“

Der "falsche" Nobelpreis für Wirtschaft

Die Auszeichnung ist mit acht Millionen schwedischen Kronen (etwa 850.000 Euro) dotiert. Anders als die traditionellen Nobelpreise geht sie nicht auf das Testament des Dynamit-Erfinders Alfred Nobel zurück, sondern wird seit 1968 von Schwedens Zentralbank gestiftet.

Er heißt deshalb offiziell „Preis der schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften zum Andenken an Alfred Nobel“. Verliehen wird die Auszeichnung an Nobels Todestag (10. Dezember) in Stockholm.

Am häufigsten wurden bisher US-Ökonomen prämiert. 2014 erhielt der Franzose Jean Tirole den Preis für Forschungen über Marktmacht und Regulierung. Unter 75 Laureaten ist nur eine Frau: US-Umweltökonomin Elinor Ostrom (2009). Einziger sterreichischer Preisträger war 1974 der in Wien geborene liberale Ökonom Friedrich August von Hayek (1899–1992, Bild).

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