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Wirtschaft
12/25/2019

Mehr Wahrheit für die Wein-Trinker

ÖWM-Chef Willi Klinger wechselt zu Wein & Co. Sein Ziel ist eine bessere Produktkennzeichnung.

von Andreas Anzenberger

"Es ist eine emotionale Heimkehr". Der langjährige Geschäftsführer der Österreich Weinmarketing (ÖWM), Willi Klinger, wechselt den Job. Ab 1. Jänner 2020 leitet er den Weinhändler Wein&Co. Klinger war bereits bei der Gründung 1993 dabei. Er kennt daher das Geschäftsmodell. "Wein&Co ist das Juwel des österreichischen Weinhandels. Wir wollen Verkaufslokale aber auch Gastronomie neu beleben und bald wieder expandieren."

Soweit der Blick in die Zukunft. Doch auch die Vergangenheit ist bedeutsam. In den vergangenen 13 Jahren mit Klinger als ÖWM–Chef wurden wichtige Weichen für die weitere Entwicklung der österreichischen Weinwirtschaft gestellt. Es geht dabei vor allem um mehr Information für die Weintrinker. "Herkunftswahrheit ist ein entscheidender Punkt für die Vermarktung“, betont Klinger. „Die Kunden wollen Wahrheit. Sie wollen wissen, was sie im Glas haben. Marketing nach dem Grundsatz: In vino veritas."

Aussagekräftige Informationen auf dem Etikett sind wegen der kleinteiligen Struktur der österreichischen Weinwirtschaft unverzichtbar. Dazu ein Vergleich: Der größte Weinproduzent der Welt ist die Gallo Winery in Kalifornien. Der Konzern mit 6.500 Mitarbeitern produziert jährlich rund 8,4 Millionen Hektoliter Wein. Vermarktet wird die Produktion unter dem Namen Gallo.

Kleine Struktur

Die Durchschnittsgröße eines heimischen Weinbaubetriebs beträgt lediglich 3,22 Hektar. Es ist daher nicht wie bei Gallo möglich, den Wein weltweit zu vermarkten. Dafür fehlen die Mengen.

Daher hat Klinger wie seine Vorgänger als ÖWM-Chef den Ausbau des DAC-Systems vorangetrieben. „Districtus Austriae Controllatus“ ist das gesetzliche Kürzel für besonders gebietstypische Qualitätsweine. Wenn auf dem Flaschenetikett „Grüner Veltliner Weinviertel DAC“ zu lesen ist, dann weiß der Käufer, in welche Richtung der Geschmack des Weines geht, unabhängig davon, ob er den Winzer kennt oder nicht.

Derzeit fehlen von den Weinbaugebieten in Niederösterreich noch Wachau, Thermenregion und der Wagram. „Im nächsten Jahr ist der DAC-Baukasten fertig“, ist Klinger überzeugt. Einfach war es nicht. Schließlich müssen sich die Winzer auf gebietstypische Sorten einigen, die als DAC verkauft werden.

Statt Fantasiebezeichnungen auf den Etiketten soll es künftig mit Gebiet, Ort und Riede ein dreistufiges System geben. Bei DAC-Weinen gibt es Klassik und Reserve. Der Kunde soll wissen, wofür er sein Geld ausgibt.

Immerhin ist die Weinwirtschaft ein Wachstumssektor. Der Wert der heimischen Weinexporte ist in den vergangenen Jahren jedenfalls kontinuierlich auf 180 Millionen Euro gestiegen. Das klingt verglichen mit den Umsätzen von großen Anlagenbauern etwas wenig. Doch „die Weinwirtschaft macht im Inland mehr als 500 Millionen Euro Umsatz“, weiß Klinger. Der gesamte Sektor mit vorgelagerter und nachgelagerter Produktion inklusive dem Weintourismus erwirtschaftet eine Wertschöpfung von über einer Milliarde an Steuern und Abgaben.

Weintourismus

Ein Beispiel für den Weintourismus ist das Loisium in Langenlois/NÖ. Neben Seminarräumen und Wellnessangebote verfügt das Designhotel über eine Weinwelt mit Ab-Hof-Preisen. In der Südsteiermark wurde ein zweites Loisium gebaut. Klinger: „Davon haben viele in der Region profitiert. Die Gäste bleiben nicht den ganzen Tag im Hotel.“ Der Bereich Weintourismus sei jedenfalls „noch ausbaufähig“.

Entwicklungsmöglichkeiten sieht Klinger auch beim Rotwein. „Wir haben eine lange Weißweintradition. Beim Rotwein begann die Kompetenz allerdings erst vor 35 Jahren“. Eine konsequente Qualitätsstrategie in Österreich gibt es seit dem Weinskandal im Jahre 1985.

Voraussetzung dafür sind leistungsfähige Betriebe. Heute gibt es etwa 1.000 Weinbau-Betreibe mit einer Jahresproduktion von über 50.000 Flaschen. Vor zehn Jahren waren es lediglich 500.

Probleme haben derzeit vor allem Weinbauern, die keine langfristigen Verträge abgeschlossen haben, sondern die Trauben am freien Markt verkaufen. In Jahren mit großen Ernten kann der Traubenpreis wegen des hohen Angebotes auf 30 Cent pro Kilo sinken. In Jahren mit geringer Erntemenge kann der Preis auf über ein Euro steigen. Verkauf am freien Traubenmarkt ist daher ein Spekulationsgeschäft. Das kann auch daneben gehen.

Politischer Druck

Es hat auch politischen Druck gegeben, Österreich Weinmarketing möge für den Verkauf der Lagerbestände sorgen. Doch davon stehe nichts in den Statuten, betont Willi Klinger. Denn ÖWM sei „kein Weinhändler, sondern für das Image des österreichischen Weins zuständig.“

Der neue Geschäftsführer der Weinmarketing, Chris Yorke, kommt aus einer völlig anderen Welt. Er war zuletzt Global Marketing Director der New Zealand Winegrowers in Auckland, Neuseeland. Die Weinwirtschaft dort ist durch großzügige Investitionen in den vergangenen 30 Jahren entstanden. Die großen Betriebe sind professionell auf den Export orientiert. Der Wert der Exporte der Winzer in Neuseeland ist auf mehr als eine Milliarde Euro gestiegen.

Neues Wein Buch

Es ist eine umfangreiche Aufarbeitung und Darstellung der Geschichte und Kultur des Weinbaus in Österreich und der ökonomischen Bedingungen. Der Titel des Buches „Wein in Österreich. Eine Geschichte“, ist auch Programm.

Die Herausgeber Willi Klinger und Karl Vocelka haben gemeinsam mit mehr als 40 Historikern und Fachjournalisten ein breites Spektrum abgedeckt. Von den Römern über das Mittelalter bis zur Gegenwart reicht die Zeitspanne des Weinanbaus in Österreich. Die Entwicklung von Produktion und Vermarktung wird ebenso dokumentiert wie heikle Kapitel, wie der Weinbau im Nationalsozialismus oder die Personalie Friedrich Zweigelt.

Neben Zahlen und Fakten wird auf rund 700 Seiten mit 200 Abbildungen auch die Bedeutung des Weins für die Bereiche Religion und Kunst beleuchtet. Das Buch erscheint in deutscher und englischer Sprache. Es ist daher auch für Freunde des österreichischen Weins im Ausland von Interesse.

Willi Klinger und Karl Vocelka, „Wein in Österreich“, Brandstätter Verlag, Preis etwa 60 Euro

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