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Wirtschaft
07/01/2012

Mehr Tiefgang für Hamburg

Gegen langen Widerstand konnte Bürgermeister Olaf Scholz die Elbvertiefung und damit die Zufahrt zum Hafen sichern.

von Reinhard Frauscher

Imposant liegen sie an den Kais des weit verzweigten Hamburger Hafens: Die bis zu 400 Meter langen und 60 Meter breiten Containerschiffe, das Transport-Rückgrat der Globalisierung. Bis zu 15.000 Container stapeln sich Hochhaus-artig auf den Giganten, sichtbar auch von der Hafenfront der Stadt aus.

Neben den 20.000 Lkw täglich, die die Hängebrücke zur Hafen-Zufahrt verstopfen, und den Hunderten Güterzügen aus dem größten Rangierbahnhof Europas sorgen kleine Frachter, die "Feeder", für den Warenumschlag aus Nord- und Osteuropa. Und auch für Österreich ist Hamburg immer noch der wichtigste Hafen.

Mit dem geht es zwar weiter aufwärts, aber langsamer: Fünf Prozent mehr Güter als im Vorjahr werden heuer erwartet, vor der 2009er-Krise war der Zuwachs meist zweistellig. Lag Hamburg lange unter den Top-Ten-Häfen der Welt, ist es nun auf Platz 14. Nicht nur die Globalisierungsgewinner in Fernost drängen, auch die flexibleren Häfen Rotterdam und Antwerpen.

Hamburgs Problem ist seine Lage: Die 130 Kilometer elbaufwärts schaffen nur Schiffe mit maximal 13,5 Meter Tiefgang sorgfältig getimt auf der Tide, dem Hochwasser vom Meer. Deshalb drängt schon lange die nächste Vertiefung der Elbe.

Cheflobbyist

Weil auch gegen dieses Projekt professionelle Umweltschützer, Grüne und Anwohner Sturm liefen, hat es sich um ein Jahrzehnt verzögert. Inzwischen aber sind die politischen Widerstände sowie 7000 Privatklagen abgewehrt. Cheflobbyist für die Elbvertiefung – sowohl in seiner früher teils skeptischen SPD als auch in der EU – ist seit seinem Amtsantritt Anfang 2011 Olaf Scholz, der pragmatische "Erste Bürgermeister" Hamburgs.

Er konnte die Bremser in Brüssel und im Nachbarland Niedersachsen vor wenigen Tagen überzeugen. Nun kann die Fahrrinne der Elbe auf gut 15 Meter vertieft werden. Aber auch das reicht nicht mehr für die größten in Bau befindlichen Containerfrachter mit 18 Metern Tiefgang. Diese Giganten werden nie nach Hamburg kommen und stattdessen Rotterdams Umsatz antreiben.

Die 160.000 direkt am Hafen hängenden Arbeitsplätze seien gleichwohl gesichert, meint die Hamburger Wirtschaft ebenso wie die Scholz-Leute. Mehr Vertiefung sei aussichtslos, auch die Grünen blockierten wieder, seit sie nicht mehr mitregieren. Dabei hat der Hafen Hamburg zu dem gemacht, was es ist und entscheidet seine Zukunft – nicht nur die der Schifffahrt, auch die vieler hoch qualifizierter Dienstleister, von Speditionen und Versicherungen bis zu Banken und dem Internationalen Seegerichtshof. Sie bringen Arbeit, Wohlstand und internationales Flair in die schöne Stadt am Wasser.

Hamburgs zweites Standbein ist die Spezialindustrie mit einem der zwei größten Werke von Airbus an der Spitze. Drittes die Medien, die mit wenigen Ausnahmen dem Sog Berlins standhalten .

Konkurrenzmetropole

Auch sie profitieren von der liberalen Bürgerschaft, die heuer "823 Jahre Hafen" feierte. Vor allem deren Fleiß und Seriosität machen Hamburg zum Antipoden der 90 ICE-Minuten entfernten östlichen Konkurrenzmetropole – des von Regierungsgeld und Schulden lebenden, Lifestyle-gehypten Bürokraten- und Sozialparadieses Berlin. Auch wenn unter den fast 1,8 Millionen Hamburgern soziale Probleme nicht gering und, wie in jeder Hafenstadt, leicht sichtbar sind.

Doch Hamburg schafft seinen Boom selbst: Dafür steht die neue Hafencity trotz der peinlichen Dauerbaustelle Elbphilharmonie als neuem Wahrzeichen. Mit seinen weltgewandten Bürgern, deren Kaufkraft und Chic ist Hamburg mit München und Frankfurt Kraftwerk und Symbol deutscher Tüchtig- und Lässigkeit. Das Meer ist nah und mehr als nur Ansporn zu Freiheit und Wagemut: Es bringt die Schiffe – und oft das "Schietwetter".

TIPP: Im Rahmen der Reihe "City Talks" diskutiert Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz mit dem Wiener Wohnbaustadtrat Michael Ludwig und KURIER-Chefredakteur Helmut Brandstätter über Städte als Laboratorien der Moderne. Mittwoch, 4. Juli, 18 Uhr, im Institut für die Wissenschaften vom Menschen, 1090, Spittelauer Lände 3

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