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Wirtschaft
02/06/2021

Kriminalfall Wirecard: "Asylwerber" in Russland

Ex-Vorstand Jan Marsalek ist seit 232 Tagen auf der Flucht und wird per Haftbefehl gesucht.

von Kid Möchel, Dominik Schreiber

Seit siebeneinhalb Monaten ist er auf der Flucht, angeblich hält er sich in Russland auf. Jan Marsalek, Ex-Vorstand des Zahlungsdienstleisters Wirecard, wird per Europäischem Haftbefehl gesucht, weil er von den Behörden für einen Milliarden-Skandal mitverantwortlich gemacht wird. Es geht dabei nicht nur um 1,9 Milliarden Euro, die von Treuhandkonten auf den Philippinen verschwunden sind.

"Die Bande verschaffte der Wirecard AG Geldmittel oder die Verlängerung von Krediten in einem Gesamtvolumen von 3,2 Milliarden Euro. Dabei täuschten der Beschuldigte und die übrigen Bandenmitglieder Investoren und Banken mit den überhöhten Jahresabschlüssen über die Zahlungsfähigkeit der Wirecard", heißt es im Haftbefehl gegen Marsalek.

Flucht im Privatjet

Wie der KURIER berichtete, flüchtete der gebürtige Wiener mithilfe des Ex-Verfassungsschützers Martin W. und Ex-FPÖ-Nationalrat Thomas Schellenbacher am 19. Juni 2020 von Bad Vöslau mit einem Privatjet nach Minsk und ward nicht mehr gesehen. Laut Spiegel soll sich Marsalek aber bei Martin W. mit einer russischen Telefonnummer gemeldet haben.

Ex-Wirecard-Chef Markus Braun hingegen sitzt – wie andere Ex-Vorstände auch – in U-Haft. Die Staatsanwaltschaft München I wirft ihnen neben Bilanzdelikten Marktmanipulation, Untreue und gewerbsmäßigen Bandenbetrug vor.

Der börsenotierte Zahlungsdienstleister selbst schlitterte in die Pleite, der Wirecard-Börsenwert in Höhe von 24 Milliarden Euro wurde vernichtet. Die Aktie ist heute nur noch 46 Cent wert, zu besten Zeiten lag der Kurs bei 197 Euro je Aktie.

Die im Jahr 1999 gegründete Wirecard AG verdankte ihren wirtschaftlichen Aufstieg der Porno- und Glücksspielbranche, für die das Unternehmen aus Aschheim bei München jahrelang Internet-Zahlungen abwickelte. Wirecard galt lange als Schmuddelkind in der FinTech-Branche, an dem man nicht anstreifen wollte.

In Europa wickelte Wirecard die Abrechnung von Kreditkartenzahlungen für Einzelhändler und Onlineshops direkt ab. Aber in Asien wurden sogenannte Third-Party-Acquiring-Geschäfte (TPA) und Merchant-Cash-Advance-Geschäfte (MCA) betrieben.

Bei TPA-Geschäften mit Hochrisiko-Kunden in Asien, wo Wirecard über keine Lizenz für diese Geschäfte verfügte, wurden regionale Drittpartner für die Abwicklung zwischengeschaltet und diese auch finanziert. Beim TPA-Geschäft werden, vereinfacht gesagt, die Kreditkartendaten des Kunden des Händlers mit den Daten der kartenakzeptierenden Bank auf der Wirecard-Plattform ausgetauscht und Dienstleister bzw. Drittpartner sorgten dafür, dass das Geld beim Händler landete. Dafür streifte Wirecard eine Provision ein.

Unbesicherte Kredite

"Jan Marsalek und seine Mittäter betrieben die Gewährung dieser Zahlungen in Kenntnis, dass weder die Zahlungsfähigkeit und Liquidität der jeweiligen Firmen geprüft war, noch der Wirecard AG Unterlagen zu den jeweils finanzierten Geschäften vorlagen noch tatsächliche Geschäfte durchgeführt werden sollten", heißt es im Haftbefehl. Beim MCA-Geschäft werden Kreditkarten-Zahlungen von Kunden an Händler mittels Krediten bevorschusst. Dafür erhielt Wirecard einen gewissen Prozentsatz der Kreditkarten-Einnahmen des Kreditnehmers.

Das Geschäftsrisiko lag bei Wirecard. Unter dem Deckmantel dieser Darlehen sollen Marsalek & Co. 505 Millionen Euro aus der Wirecard AG über Konzerntöchter abgeleitet haben. Wo das Geld geblieben ist, ist unklar. Mindestens 35 Millionen Euro soll sich Marsalek selbst eingesteckt haben. Insider ätzen, dass Marsalek derzeit wohl einer der reichsten Asylwerber in Russland sei.

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