Wirtschaft | Karriere
09.07.2018

Lieber flexibel statt Chef? Was Absolventen im Job wollen

© Bild: Andrea Vyslozil

Was erwarten Studierende von ihren Karrieren nach dem Uni-Abschluss? Ein Realitäts-Check auf Basis aktueller Studienergebnisse.

Das aktuelle Semester an den Unis ist zu Ende. Nun stürmen „die Neuen“ den Arbeitsmarkt. Die Erwartungen an ihre Karrieren hat eine aktuelle Studie von Universum unter 10.000 österreichischen Noch-Studierenden erhoben. Auffällig: Work-Life-Balance hat Priorität. Dieses Bedürfnis wird begleitet vom Wunsch nach flexiblen Arbeitszeiten und findet vorrangig bei Studenten aus den Zweigen Wirtschaft und Technik ein starkes Echo. Experten überrascht das wenig.

Neuer Trend: Die jungen Talente wollen professionelle Schulungen zur beruflichen Weiterentwicklung und infolge auch Mentoren. „Es ist ihnen schon wichtig, nicht nur Trainings zu erhalten, sondern auch effektiv von einer Führungsperson auf ihrem Weg begleitet zu werden“, schildert Dominik Moser, Employer Branding Advisor bei Universum dem KURIER. Jeder dritte Befragte, speziell die Betriebswirte, strebt eine Chefposition an.

Frauen fordern weniger Gehalten

Die Techniker legen unterdessen mehr Wert auf spannende, innovative Aufgaben. Als Arbeitgeber werden internationale Betriebe favorisiert, gefolgt von heimischen Privaten. Der attraktivste Arbeitgeber Österreichs ist für Wirtschaftsstudierende Red Bull, gefolgt von Google. Der Suchmaschinen-Gigant rangiert für IT-Studenten auf dem ersten Platz, Siemens Österreich zieht nach.

Ethische Standardshingegen werden unbedeutender. Verwerflich? Nicht wirklich. Moser: „Moral wird nicht effektiv weniger wichtig. Unmittelbar vor dem Berufseinstieg stehen aber andere Themen, wie Weiterentwicklung oder Arbeitsbedingungen, im Vordergrund.“ Moral und Ethik seien vielmehr Hygienefaktoren, die Alarm schlagen, wenn sie gar nicht erst vorhanden sind.

Gehaltsmäßig sind Frauen bescheiden. Technikerinnen erwarten über 5000 Euro im Jahr weniger als ihre männlichen Kollegen. Erstere setzen gemäß Umfrage bei monatlich 2399 Euro brutto an. In Wirklichkeit liegen Einstiegsgehälter hier laut ÖPWZ bei 2638 Euro brutto, nach dem Master bei 2907 Euro. Wirtschaftsstudentinnen gehen von 2268 Euro brutto im Monat aus – 6000 Euro im Jahr weniger als die Männer. Einstiegsgehälter beginnen in der Realität hier bei 2518 Euro brutto und 2819 Euro mit Master. Wie ticken die angehenden Berufseinsteiger wirklich?

Kristina Vertneg und Lukas Pöppel an der TU Wien © Bild: Andrea Vyslozil

Nach der TU: „Anwenden, was ich studiert habe“

Lukas Pöppel, 22, studiert Wirtschaftsingenieurwesen und Maschinenbau.

KURIER: Wo wird dein erster Job nach der Uni sein?

Lukas Pöppel: Am liebsten  im öffentlichen Bahnverkehr, bei einem internationalen Konzern in Wien. Da sehe ich die besten Aufstiegschancen.

Was macht den perfekten Arbeitgeber aus?

Er soll mir eine Aufgabe bieten, die mich erfüllt, die Spaß macht. Ich will anwenden, was ich studiert habe. Und gutes Arbeitsklima ist wichtig.

Der Personalchef fragt dich nach deinen Einstiegsgehaltsvorstellungen. Welche Zahl nennst du?

Je nach Stelle 3000 bis 3500 Euro brutto.

Wie wird sich deine Karriere entwickeln?

Ich kann mir vorstellen, lange bei derselben Firma zu bleiben und dort aufzusteigen. Falls ich in Karenz gehe, will ich danach zurückkommen, sofern ich mich wohlgefühlt habe.

Willst du Chef werden?

Wenn Chef heißt, ein Team zu leiten, dann ja. Ganz oben in einem großen Unternehmen zu sein  und selbst nicht mehr aktiv an Projekten mitzuarbeiten, das kann ich mir nicht vorstellen.


„Selbsterfüllung geht vor“

Kristina Vertneg, 22, studiert Bauingenieurwesen & Infrastrukturmanagement.

KURIER: Wo soll dein erster Job nach der Uni sein?

Kristina Vertneg: Für den Anfang will ich in einem international tätigen Konzern Erfahrung sammeln, wo ich die Möglichkeit habe, zu reisen.

Was macht den perfekten Arbeitgeber aus?

Ich will mich frei bewegen, mich persönlich erweitern und Arbeit mit Freizeit verbinden können.

Lieber eine erfüllende Aufgabe oder viel Geld?

Geld ist zwar nicht unwichtig. Um viel zu verdienen, muss man aber auch viel Zeit in den Job investieren. Selbsterfüllung geht vor.

Wie hoch soll dein Einstiegsgehalt sein?

In etwa 2500 Euro brutto im Monat. Ich würde einen Job, der etwas darunterliegt, mir aber sehr gut gefällt, allerdings nicht ausschlagen.

Wie denkst du, wird sich deine Karriere entwickeln?

Ich möchte ein breites Spektrum an Aufgaben und Unternehmen kennenlernen. Darüber, ob ich Chefin werden will, habe ich noch nie nachgedacht. Ich will jedenfalls im Geschehen sein und nicht hinter den Kulissen die Fäden ziehen.

Pia Kopa und Clemens Müller-Thies an der WU Wien © Bild: Andrea Vyslozil

Nach der WU: „Ich will Partner sein“

Pia Kopa, 28, ist seit kurzem Absolventin des BWL-Bachelors.

KURIER: Dein erster Job nach der Uni ist…?

Pia Kopa: ...für eine kleine Steuerberatungskanzlei. Dort habe ich während des Studiums begonnen  und bin nach dem Abschluss geblieben.

Was macht den perfekten Arbeitgeber aus?

Der perfekte Arbeitgeber fördert, stellt  Herausforderungen. Fordert, aber   überfordert nicht. Und er bietet eine gute Work-Life-Balance.

Lieber eine erfüllende Aufgabe oder viel Geld?

Ersteres. Geld ist nicht alles im Leben.

Der Personalchef fragt dich nach deinen Einstiegsgehaltsvorstellungen. Welche Zahl nennst du?

Da liege ich jedenfalls bei 2500 Euro brutto, wenn nicht sogar 3000 nach dem Studium.

Wie denkst du, wird sich deine Karriere entwickeln?

Ich will mich in der Firma nach oben arbeiten. Ein Sabbatical würde mich reizen, ist aber riskant.

Willst du Chefin werden, dafür Freizeit aufgeben?

Ja, mindestens Partner – das ist mein Plan. Wenn es darauf ankommt, bin ich schon 60 Stunden oder auch am Wochenende im Büro.


„Alles noch offen“

Clemens Müller-Thies, 25, ist BWL-Bachelor-Student.

KURIER: Wo wird dein erster Job nach der Uni sein?

Clemens Müller-Thies: Nach dem Bachelor sind die Möglichkeiten breit gefächert. Ich will mich weiterbilden, in einem Master oder in praxisorientierten Fortbildungen. Noch ist alles  offen.

Was macht den perfekten Arbeitgeber aus?

Humane Arbeitsbedingungen. Und dass man dort arbeitet, wo die Leidenschaft liegt.

Lieber eine erfüllende Aufgabe oder viel Geld?

Letzteres kommt hoffentlich dazu. Aber die spannende, erfüllende Tätigkeit geht vor.

Der Personalchef fragt dich nach deinen Einstiegsgehaltsvorstellungen. Welche Zahl nennst du?

Keine Ahnung. Ich schätze, es wird anfangs sehr niedrig sein. 1800 oder 2100 Euro brutto.

Wie denkst du, wird sich deine Karriere entwickeln?

Gute Frage. Wenn es dem Trend folgt, wird es wohl ein „Ich wechsle den Job alle paar Jahre“.

Willst du Chef werden?

Ich bin schon ehrgeizig. Ich werde geben, was ich kann, um soweit wie möglich zu kommen.


Personalexperte: „Lebenslange Loyalität ist vorbei“

Günther Tengel © Bild: Amrop Jenewein

Günther Tengel ist Geschäftsführer des Personalberaters Amrop Jenewein. Er weiß, was Arbeitgeber von den Jungen erwarten.

KURIER: Junge Techniker und Wirtschaftler: Welche Karriere-Verläufe erwarten sie?

Günther Tengel: Das sind definitiv die beiden relevanten Studienbereiche für die Wirtschaft. Techniker werden am Arbeitsmarkt stark nachgefragt, in Zukunft wohl noch viel mehr.  Über alle Studienrichtungen hinweg gilt aber: Das klassische Modell – Studium, dann ein, zwei  Jobs und schließlich Pension –  ist überholt. Heute sind es mehr als drei Phasen, Lebensläufe haben Brüche.

Laut der aktuellen Talent-Studie hat für 60 Prozent der Studierenden dieser Fächer Work-Life-Balance im zukünftigen Job oberste Priorität. Warum?

In Österreich sind wir heute eine gesättigte Gesellschaft. Zwischen den pflichtbewussten Babyboomern und den spaß- und flexibilitätsgetriebenen Millennials  ist ein großer Unterschied. Heutige Unternehmen können schwer damit umgehen, dass jeder seine eigene Definition von Leistung oder Work-Life-Balance hat.  Was nicht heißt, dass die Jungen nicht ehrgeizig sind. Aber sie setzen ihre Leistungsbereitschaft bewusst in den selbst definierten Zeiten  ein. Für Unternehmen ist das sehr herausfordernd.

Jeder Dritte will laut Studie Chef werden.

Das merke ich nicht. Ich sehe viele Junge, die wollen eine Aufgabe, die möglichst flexibel ist, Spaß macht und nachhaltig ist. Verantwortung übernehmen heißt, mehr Leistung zu erbringen. Wenn mehr Leistung mehr Einsatz verlangt und mehr Einsatz mehr Zeit, dann ergibt das einen Widerspruch. Hinzu kommt, dass sich auch die Organisationen verändern. Hier machen starke Hierarchien zunehmend Netzwerk-Strukturen Platz.

Ein Drittel der Befragten hofft auf Sicherheit im Berufsleben. Wie wahrscheinlich ist die  heute noch?

Wenn wir von dem ausgehen, was ich eingangs über Work-Life-Balance gesagt habe, ist es doch pervers, wenn ich von meinem Arbeitgeber Sicherheit erwarte, die ich ihm umgekehrt nicht gebe. In der Vergangenheit gab es teilweise lebenslange Loyalität zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Das ist für beide Seiten vorbei. Sobald eine Firma einen Mitarbeiter mit 55 kündigt, verlieren alle unter 55-Jährigen das Vertrauen.

Frauen wollen  vielfältige Aufgaben, Männer legen größeren Wert auf Vorgesetzte, die ihre professionelle Entwicklung fördern. Unterschätzen Frauen, wie wichtig Netzwerke und Mentoren sind?

Ja, das würde ich unterstreichen. Grosso modo unterschätzen Frauen massiv das Thema Netzwerke. Hinzu kommt, dass Frauen mit Kindern eher einmal eine Abendveranstaltung auslassen. Das geht zulasten der Netzwerkpflege.

Beim Gehalt erwarten Frauen sich nicht so viel wie Männer. Warum?

Frauen streben teilweise in Job-Profile, die weniger gut bezahlt sind. Und viele Frauen sind immer noch zurückhaltender in dem, was sie fordern. Ich kenne aber auch toughe Frauen, die da ganz anders ticken.