Keine Lehre, kein Studium – ist eine Karriere trotzdem möglich?
Die Arbeitslosigkeit unter Akademikern steigt drastisch. Im Vergleich zum Vorjahr spricht man von einem Anstieg von 15,4 Prozent (der KURIER berichtete). Laut Experten lässt sich das leicht erklären. Das spezielle Wissen von Akademikern sei heute weniger gefragt: „Ein Studium ist kein Freifahrtschein mehr, sondern eher eine solide Basis“, sagt etwa Thomas Gaar, Karriereberater bei coachfident. Was man stattdessen braucht, sind Berufserfahrung und praktische Fertigkeiten. Sollte man also besser auf eine duale Ausbildung setzen? Fehlanzeige. Auch eine Lehre garantiert keinen einfachen Jobeinstieg: Viele Lehrlinge haben Schwierigkeiten, eine passende Stelle zu finden – und viele Betriebe bilden nicht mehr aus, weil sie keine passenden Lehrlinge finden.
Was übrig bleibt, ist ein dritter Weg, abseits von Studium und Lehre: Idealerweise mit Matura in der Tasche Bewerbungen schreiben und direkt ins Berufsleben einsteigen. Aber wie offen ist die Arbeitswelt für einen solchen Karriereweg? Wie gut funktioniert er und kann man damit auch weit kommen? Der KURIER hat sich umgehört.
Die Bedeutung eines Studiums nimmt tendenziell ab“, sagt Karriereberater Thomas Gaar ehrlich. Keine besonders motivierenden Worte – vor allem für junge Uni-Absolventen. Über Jahre kämpft man sich durch Vorlesungen, Prüfungen und wissenschaftliche Arbeiten, nur um dann am Arbeitsmarkt zu hören: „Eigentlich brauchen wir euch nicht.“ Die unvermeidbare Antwort auf solche Worte: „War mein Studium umsonst?“ Das sagen Absolventen dazu.
Nicht mehr, nicht weniger
„Zumindest habe ich den Titel in der Tasche“, sagt eine Kollegin. Gebraucht habe sie ihn aber nicht. „Es hat noch nie ein Arbeitgeber danach gefragt.“ Auch am Gehalt hat es wenig geändert. Was sie davon hatte? Den Stolz, es durchgezogen zu haben. Eine weitere Kollegin erklärt, dass sie nicht wirklich die Wahl gehabt habe. In ihrer Familie habe man ein Studium mit Abschluss von ihr erwartet. Sie freut sich nun darüber, in der eMail-Signatur die Kürzel „MA“ ergänzen zu dürfen.
Eine andere Kollegin bereut ihr Studium überhaupt nicht. „Es hat mir menschlich und persönlich sehr viel gebracht.“ Die Zeit an der Universität habe ihr Kompetenzen mitgegeben, die sie in der Arbeitswelt gut einsetzen kann. Sogenannte Soft Skills.
Auch wenn laut Thomas Gaar viele Aufgaben im Berufsleben stark von dem abweichen, was man im Studium lernt, bringt es dennoch wichtige Fähigkeiten mit sich. Etwa kritisches Denken, analytisches Arbeiten, quellenbasierte Argumentation. Fähigkeiten, die im Job durchaus wertvoll sein können.
Vorbilder gibt es viele, aber sind sie auch realistisch?
Dass eine steile Karriere auch ohne Ausbildung möglich ist, beweisen Meta-CEO Mark Zuckerberg, Tumblr-Gründer David Karp oder auch der heimische Bankmanager Willibald Cernko. Zuckerbergs Vermögen wird auf 224,6 Mrd. US-Dollar geschätzt, Karp konnte 2013 mit nur 26 Jahren seine Firma um 1,1 Mrd. US-Dollar verkaufen, und Cernko, ehemaliger CEO der UniCredit Bank Austria und der Erste Group, gilt als einer der erfolgreichsten Bankmanager dieses Landes. Kurz: Sie sind erfolgreich bzw. waren es. Und das, obwohl keiner einen akademischen Abschluss hat – Karp nicht einmal einen Schulabschluss. Dennoch warnt Personalberaterin Charlotte Eblinger-Mitterlechner vor diesem Karriereweg: „Ausnahmen bestätigen nur die Regel.“
Das Phänomen komme nämlich nicht allzu oft vor, beobachtet Thomas Gaar. Personen, die sich weder für eine Lehre noch für ein Studium entscheiden und lieber direkt für ein Unternehmen arbeiten, machen seiner Einschätzung nach weniger als zehn Prozent der Fälle aus.
Auch Eblinger-Mitterlechner, die seit 23 Jahren als Personalberaterin tätig ist, sind solche Fälle bekannt – Personen, die ohne Ausbildung als Praktikanten einsteigen und irgendwann in der Branche trotzdem eine leitende Funktion innehaben. Für manche sei der klassische Bildungsweg einfach nicht das Richtige, sagt sie. Viele brauchen „Learning on the Job“. Manche haben schlicht keine andere Option, als sofort arbeiten zu gehen.
Sie hatte keine Qual der Wahl
Lisa P. (Name wurde von der Redaktion geändert) hat sich schon vor ihrer Reifeprüfung für einen unmittelbaren Karriereeinstieg entschieden. „Es hat sich so ergeben“, erzählt sie. „Für mich waren Studium oder Lehre keine Option, weil ich mit dem Geld nicht ausgekommen wäre.“ Schon als Jugendliche musste sie aus persönlichen Gründen nebenbei arbeiten, um sich selbst erhalten zu können. „Wenn man nicht mehr zu Hause wohnt, gehen sich 800 Euro brutto im ersten Lehrjahr zum Leben leider nicht aus.“ Gewisse Bildungswege müsse man sich leisten können, meint sie.
Mit 18 Jahren war Lisa P. bereits in diversen Sommerjobs als Teamleaderin tätig und traute sich deswegen schon früh, nach weiteren Führungspositionen Ausschau zu halten – als Barchefin oder Betriebsleiterin. Heute ist sie in der Gastronomie tätig. „Ich habe geschaut, wie und wo ich meine berufliche Erfahrung sammeln und mich hocharbeiten kann“, sagt sie. So lernte sie schnell, worauf es ankommt. Nämlich auf Soft Skills. „Die Frage ist, ob man sich zutraut, Verantwortung zu übernehmen. Es gehört eine große Portion Selbstbewusstsein dazu“, lautet ihre Einschätzung.
Man muss doppelt so gut sein
„Wir leben in einer Welt, in der klassische Ausbildungen attraktiv sind“, sagt Personalberaterin Charlotte Eblinger-Mitterlechner. Berufsausbildungen bieten zwar keine Karrieregarantie, sind aber statistisch gesehen sehr relevant, vor allem in Österreich. „Wer weder Studium noch Lehre vorweisen kann, kann zwar Karriere machen – der Weg dorthin ist jedoch entsprechend härter“, sagt Karriereberater Thomas Gaar.
Die Jobauswahl wird kleiner, ohne handfeste Ausbildung brauche es viel persönliche Überzeugungskraft bei Vorstellungsgesprächen, sagt Gaar. Bedeutet: Menschen, die keine Titel, Zeugnisse oder Abschlüsse haben, müssen doppelt so gut sein, so Eblinger-Mitterlechner. „Man muss anders beweisen, dass man sich eine Karriere verdient hat.“
Das erkannte auch Bankmanager Willibald Cernko. In einem Die Presse-Interview aus dem Jahr 2024 sagte er: „Gerade weil ich kein abgeschlossenes Studium habe, wurde mir rasch klar: Ich muss besser sein als die anderen.“ Entscheidend sei laut Gaar, dass man sich nicht auf das Fehlende fokussiert, sondern durch Leistung auffällt: „Wer kontinuierlich gute Ergebnisse liefert, dem wird der Weg geebnet – auch ohne Abschluss“, ist er sicher.
So kommen schräge Lebensläufe bei Personalern an
Worauf es laut Experten ankommt und was man unbedingt beachten sollte.
Wer Karriere machen will, sollte eine Frage stellen: Gibt es im Unternehmen überhaupt Aufstiegsmöglichkeiten? „Es kommt bei solchen Karrieren auf die Unternehmensgröße an. Inwieweit hat man die Möglichkeit, sich hochzuarbeiten und weiterzuentwickeln?“, sagt Daniela Zdichynec von der Personalberatung PMC.
Viele Unternehmen würden diesen Raum bieten, Mitarbeitende fördern – unabhängig von deren akademischem Hintergrund. Damit werben beispielsweise die Österreichische Post AG und die ÖBB. „Wir sehen sogenannte Unternehmenskarrieren als einen wichtigen Bestandteil unserer Personalstrategie“, sagt Post-Recruiting-Leiterin Stefanie Wunsch. Viele Mitarbeitende hätten gleich nach der Matura in der Zustellung, in Postfilialen oder in Logistikzentren gestartet und „entwickeln sich im Laufe ihrer Karriere intern weiter“, erklärt sie. Als Unternehmen schätze man solche Kollegen.
„Das Unternehmen profitiert davon, dass Wissen und Erfahrung langfristig erhalten bleiben und gezielt weiterentwickelt werden“, so die ÖBB. „Der große Vorteil liegt darin, dass diese Mitarbeitenden das Unternehmen sehr gut kennen – unsere Prozesse, unsere Kultur und auch unsere Kunden“, ergänzt Wunsch. Dass gewisse Karriereschritte ohne Studium oder klassische Ausbildung nicht möglich sind, kann sie somit nicht unterschreiben. „Für Unternehmen ist es wichtig, transparente Entwicklungswege aufzuzeigen und Weiterbildung aktiv zu fördern.“
Ihr Tipp für langfristige Karrierewege innerhalb einer Firma? Erfahrung, Engagement und interne Weiterbildung. Letzteres ist dabei besonders zentral.
Alles dokumentieren Will ein Bewerber in eine höhere Position wechseln, achtet Personalexpertin Daniela Zdichynec darauf, ob er sich aktiv weitergebildet und neue Qualifikationen erworben hat. „Das muss noch lange kein nebenberufliches Studium sein, aber eine facheinschlägige Ausbildung.“ Wie genau diese aussieht, sei laut Charlotte Eblinger-Mitterlechner „egal“. Ob Kurse, interne Akademien, Zertifikate oder Universitäten. „Wo das Wissen herkommt, ist ganz gleich. Jede Ausbildung macht das Lesen eines Lebenslaufs leichter, weil sich Fähigkeiten besser zuordnen lassen.“ Deswegen rät sie, Weiterentwicklung schriftlich festzuhalten. Als qualifiziertes Zeugnis, Empfehlungsschreiben oder indem man sich in eMails zu Projekten gratulieren lässt. „Es braucht eine Dokumentation von Leistung, damit man etwas vorweisen kann.“
Klar ist: Unabhängig vom Karriereweg bleibt einem das Thema Ausbildung nicht erspart. „Man wird sich immer weiterqualifizieren müssen, um mithalten zu können“, so Eblinger-Mitterlechner. „Wer früh Geld verdienen möchte oder muss, für den ist der Direkteinstieg ein nachvollziehbarer Weg. Aber man sollte sich bewusst sein, dass Weiterbildung im Job früher oder später ein Thema wird – ob man will oder nicht“, ergänzt Gaar. Die gute Nachricht: Es muss nicht sofort sein. „Nach einigen Jahren hat man vielleicht einen besseren Zeitpunkt, um sich berufsbegleitend weiterzubilden. Wichtig ist, dass man sich die Tür nicht selbst zuschließt.“
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