WKÖ kontert AK-Zahlen: "Es gibt in Österreich keine Lehrstellenlücke"
Die Lehrlingsausbildung hat einen historischen Tiefstand erreicht, warnen Arbeiterkammer und Österreichischer Gewerkschaftsbund: 2025 wurden 10.000 Lehrlinge weniger ausgebildet als vor 20 Jahren. Und: Es gibt einen Lehrstellen-Mangel. Immer weniger Betriebe würden jungen Menschen eine Chance für eine gute Lehre geben, kritisiert AK-Präsidentin Renate Anderl bei einer Pressekonferenz vergangenen Montag. Manfred Denk, Obmann der Bundessparte Gewerbe und Handwerk in der WKÖ, kontert jetzt.
KURIER: Knapp 24.500 Jugendliche suchen eine Lehrstelle – es gibt aber laut AK und ÖGB nur 5.963 offene Lehrstellen. Was ist da los?
Manfred Denk: Diese Zahlen können wir nicht nachvollziehen. Da muss man die AK und den ÖGB fragen, warum sie einen Großteil der offenen Lehrstellen unter den Tisch fallen lassen. Die Zahlen des AMS sagen etwas anderes: Dort waren Ende Jänner 2026 österreichweit 17.564 offene Lehrstellen gemeldet. Diesen standen 13.507 Jugendliche gegenüber, die eine Lehrstelle suchen. Also gibt es bundesweit keine Lehrstellenlücke, sondern Tausende offene Stellen.
Man spricht auch von einem Tiefstand der Lehrlingsausbildung.
Das ist einfach erklärt. Wir haben heute in Österreich um 42.000 weniger junge Menschen (im Alter von 15 bis 20 Jahren) als vor zwanzig Jahren. Diese fehlen uns natürlich als Lehrlinge. Der Anteil der jungen Menschen, die eine Lehre absolvieren, liegt seit 1995 bei rund 40 Prozent. In den letzten beiden Jahren ist dieser Anteil leider zurückgegangen. Hier gilt es anzusetzen und die Lehre als jene Top-Ausbildung zu kommunizieren, die sie tatsächlich ist: mit besseren Jobaussichten und höherem Einkommen als etwa mit einer AHS-Matura.
Sind Betriebe weniger bereit auszubilden?
Nein, mehr als die Hälfte der Unternehmen würde gerne mehr ausbilden, erhält aber keine geeigneten Bewerbungen. Ich konnte in meinem eigenen Betrieb schon 120 Lehrlingen zu einer guten Berufsausbildung verhelfen. Wir haben das Glück, dass der Installateurberuf als „Green Job“ bei den Jungen wieder sehr gefragt ist. Andere Betriebe aus anderen Branchen tun sich da deutlich schwerer. Und diese Unternehmen sollen als „ausbildungsfaul“ gebrandmarkt werden, weil sie keine Lehrlinge finden? Und womöglich sogar eine Strafzahlung leisten? Das wäre absurd und brächte keinen einzigen Lehrling mehr. Das permanente Schlechtreden der Lehre und das Unternehmensbashing helfen uns sicher nicht weiter, um mehr Lehrlinge zu gewinnen.
Warum nimmt die Zahl der ausbildenden Betriebe dann ab?
Eine Entwicklung, die uns im Gewerbe und Handwerk Sorgen bereitet: Die Ausbildung verschiebt sich von kleinen zu größeren Unternehmen. Auch deshalb geht die Zahl der Ausbildungsbetriebe zurück – rund die Hälfte hat nämlich nur einen Lehrling. Wenn einer dieser Betriebe keinen neuen Lehrling findet, fällt er aus der Statistik heraus und gilt nicht mehr als Ausbildungsbetrieb. Wir sind ein KMU-Land: Es muss für kleine Unternehmen weiterhin möglich und leistbar sein, Lehrlinge auszubilden.
Was sind denn die größten Hürden für Ausbildungsbetriebe?
Es ist für Ausbildungsbetriebe nicht nur schwieriger, Lehrlinge zu finden, auch der finanzielle und personelle Aufwand ist enorm gestiegen. Wir spüren das im Gewerbe und Handwerk nach sechs Rezessionsjahren besonders stark. Die Lehrlingsausbildung ist für einen Betrieb eine beträchtliche Investition. Eine Vollkasko, nämlich eine Kostendeckung durch die öffentliche Hand wie in der überbetrieblichen Ausbildung, gibt es für die Betriebe nicht. Die Betriebe sind mit höheren Lehrlingseinkommen in Vorleistung gegangen, damit die Lehre attraktiv bleibt. Umso unbegreiflicher ist es, warum das Sozialministerium die Auszahlung der staatlichen Lehrlingsförderung verzögert. Noch dazu, wo die Betriebe die für den Staat günstigste Ausbildung anbieten. Eine Lehre im AMS-Auftrag (überbetriebliche Ausbildung) kostet den Staat das Dreifache, ein Studienplatz das Vierfache. Ist ein Student dem Staat wirklich mehr wert als eine junge Fachkraft?
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