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Foodora-Österreich-Chef: "Wir können unsere Rider nicht steuern"

Dragan Milovanovic über ultraschnellen Konsum, prekäre Arbeitsverhältnisse und das Verschwinden der E-Mopeds von den Straßen.
HUNGARY-ECONOMY-POLITICS-DEMONSTRATION

Die Besprechungsräume heißen Punschkrapferl, Chili sin Carne und Falafel. Die Atmosphäre und die Belegschaft in der Zentrale des Lieferdiensts Foodora in Wien Landstraße versprühen Start-up-Flair, das Geschäft ist jedoch längst den Kinderschuhen entwachsen – und wächst weiter.

Restaurants waren nur der Anfang, jetzt wird alles auf Quick Commerce ausgerichtet – also auf Konsum, der es von der Online-Plattform binnen 60 Minuten ins Zuhause der Österreicher schafft. Man will zu einer App werden, die der Kunde jeden Tag öffnet, um einzukaufen – von Lebensmitteln über rezeptfreie Medikamente bis zum Hundefutter. „Es geht darum, den Menschen Zeit zurückzugeben, die sie anderweitig besser nutzen können“, erklärt der neue Österreich-Chef Dragan Milovanovic im ausführlichen KURIER Interview. Doch ist der Kunde auch bereit, dafür zu bezahlen oder geht das Service auf Kosten anderer?

KURIER: Sie leiten seit einem Monat Foodora Österreich – eine große Aufgabe?

Dragan Milovanovic: Die Rolle an sich ist nichts Neues für mich. Bevor ich Papa wurde, hatte ich ähnliche Rollen inne. Damals habe ich mich bewusst für ein paar Karriereschritte abwärts entschieden, denn wenn ich etwas mache, will ich es zu 120 Prozent machen. Jetzt bin ich bereit. Vom Spektrum her ist die Rolle vielleicht eine der anspruchsvollsten, die es derzeit am Markt gibt.

In der Branche, meinen Sie? Warum? 

Weil die Branche derzeit eine Regulierungsphase durchläuft, was auch richtig ist, da stehe ich dahinter. Das Plattformarbeitsgesetz wird bald kommen. Es gibt auch viele andere Bereiche, etwa wie wir mit unseren freien Dienstnehmern, den Ridern auf der Straße umgehen. Das sind viele Themen, die kompliziert sind, weil sie nicht reguliert waren. Das passiert neben dem operativen Geschäft, das sehr kompetitiv ist.

Welche Themen stehen ganz oben auf Ihrer Agenda? 

Die oberste Priorität ist, den Stellenwert von Foodora Österreich nicht zu verlieren. Wir wollen Marktführer bleiben und das weiter ausbauen. Wir wollen uns im Quick-Commerce-Bereich weiterentwickeln. Unsere Vision ist, dass wir nicht nur die App öffnen, wenn wir hungrig sind, sondern wenn wir irgendeinen Bedarf haben.

Das Supermarkt-Konzept Foodora markets hat nicht funktioniert. Seit 2024 läuft eine Kooperation mit der Rewe-Marke Penny. Vor einem Monat wurde sie erweitert um einen ersten Billa Delivery-Store, der sechs Tage die Woche in Wien bis 22 Uhr zustellt. Warum klappt es jetzt besser? 

Foodora markets war für uns ein bisschen der Versuch: Wie funktioniert Supermarkt?

Ein Testballon also? 

Ein Testballon mit Option zu bleiben. Es gibt Länder, wo es sehr erfolgreich funktioniert und eine gute Ergänzung zum heimischen Supermarkthandel darstellt. In Österreich haben wir eine sehr dichte Versorgung und die Österreicher setzen starkes Vertrauen in eine Marke, mehr als in anderen Ländern. Auf die Zukunft gesehen, macht es deshalb mehr Sinn, unsere Stärken zu kombinieren. Österreich ist außerdem getrieben durch Innovationen, weil der Anspruch vom Kunden sehr hoch ist. Mit dem Delivery Store haben wir die nächste Stufe eingeleitet, außerhalb der Öffnungszeiten den Kunden Lebensmittel anzubieten.

Sie bezeichnen Foodora als Marktführer, wie viele Marktanteile halten Sie? 

Meine Aussage basiert auf Zahlen, die das sehr gut belegen. Aber es ist nicht lange her, dass es anders war. Foodora kannte man früher als Premium urbane Marke. Mit dem Rebranding, zurück von Mjam zu Foodora, haben wir in den letzten Jahren sehr viel gemacht, um auch außerhalb der urbanen Räume präsent zu sein. Wir sind heute in 1.200 Städten, Gemeinden, Orten quer durch Österreich vertreten. Das sind sieben Prozent der gesamten Fläche. 73 Prozent der Bevölkerung haben Zugriff auf uns, 55 Prozent davon sind in Gemeinden und Orten unter 20.000 Einwohnern.

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Dragan Milovanovic ist seit Mitte April 2026 Managing Director von Foodora Österreich. 

Wie viele Rider fahren für Foodora? 

Die Zahl kann ich nicht konkret beziffern, aber es ist ein mittlerer vierstelliger Bereich, was nicht ausschließt, dass sie auch für andere Plattformen unterwegs sind.

Wonach wählen Rider, für welche Plattform sie tätig sind, und wie stellt man eine Qualität sicher, wenn der größte Teil der Mitarbeiter gar nicht im Unternehmen angestellt ist? 

Es sind freie Dienstnehmer. Diese sind, genauso wie echte Dienstnehmer, kranken-, sozial-, unfall- und arbeitslosenversichert. Das ist ein Minimum, das man anbieten muss. Außerdem bieten wir Deutschkurse, Leasing-Modelle für E-Bikes, also zwischenmenschliche Sachen, mit denen wir versuchen, zu unterstützen. Auf die Frage, wie man freie Dienstnehmer steuert – wir können und dürfen sie nicht kontrollieren, das ist auch nicht in unserem Interesse. Es gibt auch keine Pönalen, wenn Bestellungen nicht angenommen werden. Womit wir sie steuern können, ist allein durch das Volumen.

Das Image von Lieferdiensten als Arbeitgeber ist schlecht. Es fallen Begriffe wie moderne Sklaverei. Zusteller sollen durch prekäre Arbeitsverhältnisse ausgebeutet werden. Die Finanzpolizei deckte vergangenen Sommer Dutzende Verstöße auf. Ist die Kritik berechtigt? 

Moderne Sklaverei ist sehr hart – im Schnitt verdient ein freier Dienstnehmer 13,96 Euro brutto pro Stunde bei uns auf der Plattform. On top garantieren wir ein Minimum von 8,65 Euro die Stunde. Wir befinden uns, wie vorhin erwähnt, in einer Regulierungsphase, begrüßen jeden Schritt dahin und hoffen auf einen ausbalancierten Zugang, der sowohl Flexibilität als auch Sicherheit für Rider gewährleistet. Wir sind auch in sehr gutem Austausch mit den Sozialpartnern, einen Standard zu generieren und die Situation attraktiver zu gestalten. Was man noch sagen kann: Wir wissen, dass sich 84 Prozent aller Rider in Europa für diesen Job entscheiden, weil sie Flexibilität wollen.

Und weil der Einstieg sehr niederschwellig ist. Man braucht lediglich ein Smartphone, ein Gefährt und die Arbeitserlaubnis. Dafür soll die Fluktuation sehr hoch sein. Man liest von nur einem Jahr Verweildauer im Job. 

Sie liegt zwischen ein und zwei Jahren ungefähr. Sie haben gesagt, es ist ein niederschwelliger Bereich und das ist gut so. Neben all den Komponenten gibt es auch die soziale, die Eingliederungskomponente. Man arbeitet sehr selten heraus, dass wir auch der Türöffner sind. Wir bieten Menschen, die neu nach Österreich einwandern, die Möglichkeit Geld zu verdienen auf Kollektivvertragsniveau. Und es ist ein Sprungbrett, durch die Flexibilität die Zeit zu haben, Kurse, Schulungen oder Qualifizierungen zu machen. Alles, was auch immer nötig ist, um die nächste Stufe zu erreichen. Da ist aus meiner Sicht auch nichts Verwerfliches dabei.

Sie bieten auch permanente Dienstverträge. Wie viele fix angestellte Rider haben Sie und was verdienen diese bei einer 40-Stunden-Woche? 

Der Bereich der freien Dienstnehmer ist deutlich größer, 80 bis 90 Prozent der Flotte sind in diesem Bereich unterwegs. Bei Fixangestellten sind wir knapp bei 2.000 Euro brutto.

Für die E-Motorroller könnte ab Oktober das Aus kommen – es gelten strengere Bestimmungen, Experten prognostizieren, dass sie von den Straßen verschwinden. Was bedeutet das für Ihr Geschäft, für Ihre Rider? 

Ich begrüße alles, was dazu beiträgt, das Leben für die Rider auf der Straße sicherer zu machen, aber auch für die Bürgerinnen und Bürger.

Man will ja vermutlich auch nicht den Ruf der Gehsteig-Rowdys haben. 

Es ist so spannend, wie sich das dynamisch entwickelt, auch durch Innovationen wie E-Mopeds. Ich finde gut, dass man da gegenreguliert. Was wir jetzt tun: Wir arbeiten an Maßnahmen mit dem Verkehrsministerium, um die ganze Flotte aller freien Dienstnehmer vorzubereiten und zu informieren. Foodora-seitig stellen wir inklusive 2027 einen siebenstelligen Bereich zur Verfügung, um die Umstellung wieder Richtung E-Bikes bestmöglich umzusetzen.

Kann sich ein Restaurant heute noch leisten, nicht liefern zu lassen? 

Ich würde es anders formulieren: Welchen Mehrwert bieten wir? Wir bieten jedem Einzelnen, der nicht in der Lage ist, ein Online-Geschäft aufzubauen, mit einem Klick online zu sein. Das ist heutzutage ein ganz wichtiger Aspekt. Wir generieren eine Reichweite, zu der sie sonst nicht kommen würden. Wir wissen, dass Lokale in den ersten sechs Monaten, in denen sie auf unsere Plattform kommen, eine Umsatzsteigerung von 18 Prozent haben. Das kann viel mehr sein, bis zu 50 Prozent, wenn sie bereit sind, in Marketing zu investieren.

Dennoch verläuft die Zusammenarbeit nicht immer reibungslos. Vor zwei Jahren gab es einen offenen Brief von über 60 österreichischen Wirten, die sich gegen die „pinke Heuschrecke“, damit war Foodora gemeint, zur Wehr setzten und immense Gebühren und die Abhängigkeit anklagten. Verstehen Sie diesen Frust? Haben Sie das Gespräch gesucht? 

Ja, haben wir und das tun wir parallel. Was man aber sagen muss und ich hoffe, dass sich niemand zu stark angesprochen fühlt: Wir zwingen niemanden, auf der Plattform zu sein. Es steht jedem frei zur Verfügung, offline zu gehen.

Wenn ein Wirt ein 20-Euro-Schnitzel über Foodora verkauft, wie viel Kommission muss er bezahlen? 

Sie wird nicht überraschen, dass ich keine Zahlen nennen werde. Was ich sagen kann, und das meine ich ehrlich: Wir gehen jede Partnerschaft wirklich partnerschaftlich an. Wir wollen keine Kooperation eingehen, wo es nur einen Gewinner gibt. Wenn, dann gibt es drei Gewinner. Den Kunden, den Partner und uns.

Lieferando Foodora Wolt

Lieferando bespielt seit 2011 den österreichischen Markt. Foodora in Pink löste 2023 Mjam in Giftgrün ab. Wolt ist die jüngste Marke in Österreich und wächst. 

Ein Wettbewerb in Pink, Orange und Türkis: Sie beliefern Österreich mit Essen und mehr

Drei knallbunte Player bespielen aktuell den österreichischen Lieferdienst-Markt. Am längsten hält sich bislang der Zusteller in Orange: Lieferando. 2011 startete er in Österreich, gegründet wurde die Marke 2009 in Berlin, mittlerweile gehört sie zum niederländischen Konzern Just Eat Takeaway. In Deutschland ist Lieferando laut Bundeskartellamt klarer „Platzhirsch“. In Österreich duelliert man sich mit dem Konkurrenten in Pink – Foodora (gehört Delivery Hero). Dieser kam erstmals 2015 nach Österreich, wurde dann für ein paar Jahre zu Mjam in Giftgrün und kehrte im Mai 2023 zurück. Zeitgleich schwang sich ein neuer Mitbewerber in Türkis aufs Rad bzw. E-Moped: Wolt. Der finnische Lieferdienst wurde 2014 gegründet und kam mit der Kampfansage, alles binnen 35 Minuten liefern zu wollen – von der Pizza bis zum Sexspielzeug.  Gestartet wurde in Wien, mittlerweile ist Wolt in acht Städten quer durch Österreich aktiv und weiterhin auf Wachstumskurs.

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