In Oberösterreich ein beliebter Arbeitgeber: Der voestalpine-Stahlkonzern sucht heuer 350 Lehrlinge.

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Lehre

Wie geht’s dir eigentlich, Lehre?

Warum Unternehmen und Jugendliche schwer zueinanderfinden und was sich ändern muss.

01/31/2013, 10:02 AM

Tausende Lehrstellen sind ausgeschrieben. Tausende Jugendliche suchen einen Ausbildungsplatz. Und doch kommen die beiden Seiten oft nicht zusammen. „Lehrlings-Misere!“ titulieren Medien, Experten schütteln den Kopf: „Alles nicht so schlimm“. Wie ist es wirklich?

„Lehrlinge kommen mit den Unternehmen einfach nicht zusammen“, sagt Alfred Freundlinger, Referent für Bildungspolitik der WKO. Das liege an zwei Dingen. Die Ergebnisse der PISA-Studie zeigen: Die österreichischen Jugendlichen haben Bildungsmängel. Beim Rechnen, Schreiben und Lesen wird es für viele eng. Auch soziale Kompetenzen und höflicher zwischenmenschlicher Umgang scheinen von ihnen nicht verinnerlicht. „Leider scheiden beim Bewerbungsprozess sehr viele Lehrlinge sehr früh aus. Sie haben Schwierigkeiten, Texte zu lesen und zu verstehen. Auch ihr soziales Verhalten im Umgang mit Kollegen oder potenziellen Kunden ist nicht optimal. Hier gibt es extreme Defizite“, sagt Herwig Kummer vom ÖAMTC Recruiting.

Der zweite Grund für das schwierige Recruiting ist die demografische Entwicklung. „Die Geburtenrate geht zurück – es gibt immer weniger junge Menschen. Bis zum Jahr 2020 werden wir um zwölf Prozent weniger 15- bis 19-Jährige haben als heute. Demnach werden die Betriebe eine geringere Auswahl an passenden Bewerbern haben. Die Jugendlichen möchten zudem vielleicht auch andere Berufe erlernen, als in der Region gerade angeboten werden“, sagt Edith Kugi-Mazza, Leiterin der Lehrlings- und Jugendschutzabteilung der Arbeiterkammer.

Attraktiv machen

36.000 neue Lehrlingsverträge werden jährlich abgeschlossen. Die großen Unternehmen hätten es heute noch relativ leicht, Lehrlinge zu finden, auch wenn viele Stellen offen bleiben müssten. Die KMU hätten hier schon gröbere Probleme, Fachkräfte auszubilden. Wie kann also eine tatsächliche Misere verhindert werden? „Unternehmen müssen sich wieder attraktiv machen und zeigen: das kannst du bei uns lernen, das sind deine Chancen“, so Kugi-Mazza. Alfred Freundlinger sieht keine Gefahr, dass in Zukunft der Fachkräftemangel drastisch zunimmt. „Das Interesse an der Lehre ist ungebrochen. Die Unternehmen müssen jetzt aber proaktiver werden, sich wieder um die Jugend bemühen. Das große Sitzen und Warten auf Lehrlinge ist vorbei.“

Tausende Stellen: Die großen Ausbildner suchen wieder

Von Archivassistentin bis Zahntechniker: Österreichische Betriebe suchen heuer wieder Tausende Lehrlinge. Der Handel ist die Top-Branche für freie Lehrstellen. Die Spar-Österreich-Gruppe ist mit 900 Lehrlingsstellen vom Konditor bis zum Systemgastronomen einer der größten Ausbildner Österreichs. Der Rewe-Konzernsucht heuer 700 Auszubildende. Der XXXLutz vergibt 65o Lehrplätze. Der Infrastrukturdienstleister Wiener Stadtwerke ist mit 122 offenen Lehrstellen dabei. Coiffeur Bundy & Bundysucht 45 neue Hairstylisten, der Frisör-Riese Klipp möchte 70 Motivierte in ganz Österreich ausbilden. Auch die Versichererungs- Branche baut auf: Die Allianz Versicherung vergibt 70 Lehrplätze, Generali Versicherungs AG 40. Vor allem technische Berufe zielen mit besonderen Angeboten auf weibliche Bewerber ab. Ein Großteil der Unternehmen bietet die „Lehre mit Matura“ an. Weiters gibt es neue Ausbildungsakademien, Sonderkurse und Goodies von den Ausbildnern für ihre besten Lehrlinge.

Viele ungenützte Talente

Georg Kraft-Kinz stellte gleich zu Beginn klar: „Das ist keine Cocktailparty hier, wir wollen Veränderung schaffen für jene, die dieses Ambiente nie kennenlernen dürfen.“

Ort: Looshaus am Michaelerplatz. Anlass: Der Verein Wirtschaft für Integration brachte das Thema Lehre aufs Tapet – zahlreiche Experten und Firmenvertreter diskutierten zwei Stunden lang über die Chancen von Jugendlichen, die Lehre, die Aufgaben von Eltern, Kindergarten, Schule und Betrieben. „Wir brauchen mehr Schule statt weniger – es geht um die Pflicht zur Bildung für alle, statt um reine Schulpflicht – die Zukunft der Lehre wird in Kindergarten und Schule entschieden“, so Georg Kraft-Kinz und Ali Rahimi, Obleute des Vereins Wirtschaft für Integration. Man müsse die Qualität der Ausbildung schon ab dem Kindergartenalter verbessern, die Themen Elternbildung und Information stärker aufgreifen. Kein Kind soll ohne Abschluss aus der Schule gehen. Unternehmer sollten mit der Vielfalt der Lehrlinge zurechtkommen und diese auch nützen.

Die Fakten rund um das Thema Lehre und Migranten sprechen eine klare Sprache: 50 Prozent aller Lehr-Abbrecher haben Migrationshintergrund, insgesamt gäbe es eine niedrige Anzahl von Lehrlingen aus zugewanderten Familien. Aber: Von den 0 bis 20-Jährigen haben 70% aller in Wien lebenden Menschen Migrationshintergrund. Und: Die Lehre ist eine chancenreiche Ausbildung.

50 Prozent aller Jobausschreibungen richten sich an Lehrabsolventen, 39 Prozent aller Führungspositionen sind mit Lehrabsolventen besetzt. Firmen würden händeringend nach Lehrlingen suchen, aber: „Wir gehen fahrlässig mit den Talenten der Jugendlichen um. Insbesondere mit jenen jungen Menschen, die aufgrund ihrer Migrationsgeschichte besondere Fähigkeiten wie interkulturelle Kompetenzen und Mehrsprachigkeit mitbringen“, so Georg Kraft-Kinz und Ali Rahimi. Firmen, die Lehrlinge suchen und Migranten (und deren Eltern), die das System Lehre und seine Chancen noch nicht ganz verstanden hätten, müsste man zusammenbringen. „Zuwanderung und Integration bieten große Chancen für den Wirtschaftsstandort Österreich. Um diese auch zu nutzen, müssen wir alle an einem Strang ziehen“, ist Meri Disoski, Geschäftsführerin des Vereins Wirtschaft für Integration überzeugt.

Wirtschaft für Integration

Der Verein Wirtschaft für Integration wurde 2009 von Georg Kraft-Kinz (Stv. Generaldirektor der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien) und dem in Teheran geborenen Wiener Unternehmer Ali Rahimi (ganz links) gegründet. Der Verein aus Managern und Unternehmern setzt Projekte für einen potenzialorientierten Umgang mit dem Thema Integration um. Das Motto: fordern und fördern.

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