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Wirtschaft Karriere
07/04/2020

Auf Corona folgt die Erschöpfung

Schrittweise kehrt der Alltag zurück – doch von Erholung keine Spur. Warum nach der Anspannung die kollektive Erschöpfung folgt. Eine Diagnose.

von Ornella Wächter

Seit Wochen wird der Alltag schrittweise wieder zurückgeholt. Geschäfte und Restaurants sind geöffnet, immer mehr Reiseverkehr wird zugelassen, die Maskenpflicht ist weitgehend aufgehoben. Doch trotz der Lockerungen bleibt die Psyche belastet. „Es stellt sich kein Gefühl der Erholung ein. Was sich jetzt zeigt, ist Erschöpfung“, sagt Soziologe Manfred Prisching. „Es ist, als ob einem Ballon plötzlich die Luft entweicht.“

Tatkraft und Solidarität

Bis Ostern herrschte in Österreich ein hohes Niveau an Engagement, man krempelte die Ärmel hoch, packte an, half einander, so gut es ging. In Form von Nachbarschaftshilfen, Einkaufsgemeinschaften, Balkon-Konzerten oder Online-Initiativen. „Da war Tatkraft zu spüren und eine starke Solidarität. Inmitten des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Stillstands war man bemüht, die Dinge am Laufen zu halten“, sagt Martina Pfadenhauer, Soziologin und Professorin an der Universität Wien.

Aber ein so hohes Niveau an Commitment zu halten, sei auf lange Sicht nicht möglich. „Es laugt uns aus.“ Die Pandemie, so belegen es auch psychologische Studien, ist nicht nur eine wirtschaftliche Belastung, sondern zunehmend auch eine seelische.

"Für gut situierte war Corona weniger erschöpfend, sondern vielmehr eine Art Anti-Stress-Programm mit romantischen Elementen."

Manfred Prisching | Soziologe

Je nach sozialem Hintergrund treten unterschiedliche Formen der Überlastung auf, meint Manfred Prisching. „Für gut situierte war Corona weniger erschöpfend, sondern vielmehr eine Art Anti-Stress-Programm mit romantischen Elementen. Man konnte mehr mit der Familie machen, die Zeit zur Reflexion nützen oder zum Aufräumen.“

Für andere sei das Homeoffice aufgrund schlechter Wohnverhältnisse Stress pur gewesen, bei Systemerhaltern waren die gesundheitlichen Risiken und die Dauerbelastung zehrend, andere seien von Arbeitslosigkeit und existenziellen Nöten betroffen.

Depressive Symptome

Wie sehr die Corona-Krise den Österreicherinnen und Österreichern aufs Gemüt schlägt, haben Forscher der Donau Uni Krems und der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) untersucht. Demnach hat sich die Häufigkeit depressiver Symptome in Österreich verfünffacht, von etwa vier Prozent auf über 20 Prozent. Eine ähnlich starke Zunahme zeigt sich bei Angstsymptomen, die sich von fünf Prozent auf 19 Prozent erhöhten.

Zudem leiden aktuell rund 16 Prozent unter einer Schlafstörung“, teilte die Universität in einer Aussendung mit. Laut Studienautor Christoph Pieh, Leiter des Departments für Psychotherapie und Biopsychosoziale Gesundheit, belastet die aktuelle Situation besonders Erwachsene unter 35 Jahren, Frauen, Singles sowie Menschen ohne Arbeit.

Höhepunkt im Herbst

ÖBVP-Präsident Peter Stippl sagte unlängst, dass trotz der aktuellen Lockerungen die psychischen Belastungen nicht rasch nachlassen werden. „Ich glaube, dass wir psychisch noch nicht am Höhepunkt der Belastungssituation sind.“

Es sei vergleichbar mit einem Marathonläufer, der zusammenbricht, nachdem er das Ziel erreicht hat. „Diesen psychischen Zusammenbruch befürchte ich für die Zeit zwischen August und Oktober.“ An diese Prognose glaubt auch Michaela Pfadenhauer: „Dann sickert allmählich durch, wie hoch die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Kosten sind. Die Stimmung wird sinken.“

Exkurs: Erschöpfungstheorien

Erschöpfungstheorien erleben besonders in Phasen gesellschaftlichen Wandels eine Hochkonjunktur. Das hat Anna Katharina Schaffner, Medien- und Kulturwissenschaftlerin an der University of Kent in ihren Forschungen herausgefunden. „Ich glaube, dass solche Erschöpfungstheorien tatsächlich Barometer für größere medizinische und soziale Veränderungen sind.“

In ihrem Buch „Exhaustion: A History“ beschreibt die Wissenschaftlerin, dass die Menschheit seit jeher gegen Erschöpfung ankämpft und auch jeweils die eigene Zeit als die herausforderndste empfindet. „Erschöpfungstheorien und ihre Erklärungen haben sich über die Jahrhunderte hinweg geändert. Die Diskurse darüber fallen häufig in Phasen, wo sich ein rascher sozialer Wandel vollzieht.“

Nach Neurasthenie kam Burnout

Im Zuge der Industrialisierung etwa ersetzten Maschinen den Menschen. Der technische Fortschritt führte zur Beschleunigung des alltäglichen Lebens. „Das Stadtleben raubte zunehmend Energie. Ständig wurde unsere Aufmerksamkeit von Zügen, Autos und Telegrafen in Anspruch genommen. Der damit verbundene Stress wurde mit der Nervenkrankheit Neurasthenie erklärt“, so Schaffner.

Depression und Burnout hingegen markieren den Übergang der Industrie-Gesellschaft in eine Dienstleistungsgesellschaft. „Heute setzen uns die ständige Erreichbarkeit, Leistungsdruck und der Wettbewerb zu. Die größte Schuld an unserem Energieverlust geben wir der Digitalisierung.“ Jede Generation hat damit ihre eigenen Stressfaktoren. Mit Covid-19 reiht sich ein zusätzlicher in die Geschichte der Erschöpfung ein (siehe auch Absatz weiter unten).

Moralische Erschöpfung

Was uns seit dem 16. März 2020 plagt, wird in der Psychologie auch moralische Erschöpfung genannt. Sie ist mithin einer der Gründe, warum der Antrieb bei vielen – trotz zaghafter Rückkehr der Normalität – nach wie vor fehlt.

"Handlungen, die für uns selbstverständlich waren, müssen plötzlich hinterfragt werden. Das Leben ist deutlich anstrengender geworden."

Katharina Butschek | Klinische und Gesundheitspsychologin

„Handlungen, die für uns selbstverständlich waren, müssen plötzlich hinterfragt werden“, erklärt Katharina Butschek, Klinische und Gesundheitspsychologin. Normale Dinge wie Einkaufen gehen oder die Nutzung des öffentlichen Verkehrs können nicht einfach so ausgeübt werden. Immer schwingt die Frage mit, ob man sich selbst oder andere damit gefährdet.

„Das Leben ist bedeutend anstrengender geworden“, so Butschek. Sich in seinen Freiheiten einzuschränken, kostet Energie, sagt auch Soziologin Pfadenhauer: „Gerade für eine so hoch differenzierte Gesellschaft, in der Menschen nicht dirigiert werden, sondern sich selbst leiten, sind solche massiven Eingriffe in die persönlichen Lebensbereiche fernab jeglicher Vorstellungskraft.“

Fixe Strukturen helfen

Was uns im Moment Energie raubt und gleichzeitig hilft, ist der Wiederaufbau des Alltags. „Fixe Strukturen geben dem Menschen Halt“, erklärt Butschek. „Es ist wie ein Gerüst, an dem man sich aufrichten kann.“ Zusätzlich bewältigt werden könne die Krise nur durch den gesellschaftlichen Diskurs, sagt Pfadenhauer: „Es braucht eine Interpretation, die dem ganzen Sinn gibt und niemanden zurücklässt.“

Wohin die Gesellschaft steuert, lasse sich jetzt noch nicht sagen, so Prisching. „Aber – je länger sich die Sache zieht, desto eher werden gewisse Dinge bleiben. Etwa, dass wir uns hie und da zurücknehmen und lernen müssen, mit dem Virus zu koexistieren.“

Von Melancholikern, Sündern und Neurasthenikern

Kulturwissenschaftlerin Anna Katharina Schaffner gibt einen Überblick der bekanntesten Erschöpfungstheorien:

Melancholie: „In der Antike stellte man sich den menschlichen Körper als ein Gemisch aus Blut, Schleim, gelber und schwarzer Galle vor“, so Schaffner. Nimmt die schwarze Galle überhand, so zeigte sich die Melancholie: Traurigkeit, Insichgekehrtsein, Angst, Übelkeitsgefühle. „Die Viersäftetheorie, auch Humoralpathologie genannt,  hielt sich über Jahrhunderte hinweg.“

Acedia: Die Faulheit, lateinisch Acedia, gehörte im Mittelalter zu den sieben Todsünden. Schaffner:  „Sie ist eine theologisch geprägte Erschöpfungstheorie. Erschöpfung war ein Zeichen von Charakterschwäche und war eine Sünde,  da Menschen leichter in Versuchung kämen und kein gottesfürchtiges Leben führen würden.“

Neurasthenie: Die im 19. Jahrhundert diagnostizierte Nervenschwäche   entstand im Zuge der Industrialisierung. „In dieser Zeit  erlebten die Menschen eine starke Beschleunigung im Alltag und in der Erwerbsarbeit. Mit der Industrialisierung wurde das Leben schneller, hektischer und  man befand, dass besonders sensible Psychen damit nicht umgehen könnten.“ Nur Gelehrte, Schriftsteller oder Schauspieler konnten unter Neurasthenie leiden, da ihnen ein besonders zartes Nervenkostüm nachgesagt wurde. „Neurasthenie wurde zu einer Modekrankheit.“

Burnout: Das Aufkommen von Burnout fällt mit der Weiterentwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft zusammen. Geprägt wurde Burnout in den 1970er Jahren und beschreibt einen Zustand tiefer emotionaler, körperlicher und geistiger Erschöpfung. 2019 wurde  Burnout von der WHO erstmals als Krankheit anerkannt und definiert. Zurückgeführt wird das Phänomen u. a auf „chronischen Stress am Arbeitsplatz.“

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