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Porträt
03/01/2020

Josef Penninger, der Virus-Jäger

Josef Penninger wäre einst beinahe von der Schule geflogen. Jetzt könnte er die Menschheit vor dem Coronavirus retten.

von Wolfgang Unterhuber

Irgendwie erinnert Josef Penninger an den verrückt-genialen Professor aus dem Hollywood-Dreiteiler „Zurück in die Zukunft“. Seine Haare wirken unkontrollierbar und wenn er ins Dozieren gerät, hat man Mühe seinen Gesprächssalven zu folgen. 

Vergangene Woche ist Penninger wieder einmal ins Rampenlicht der Öffentlichkeit geraten.  Sein von ihm gegründetes Wiener Biotechnologie-Unternehmen Apeiron hat einen Wirkstoff entwickelt, der helfen könnte, das Coronavirus in die Knie zu zwingen.

Dabei ist Penninger gegenüber den Medien vorsichtig geworden. Besonders, wenn man zum Helden erklärt wird. Denn Eifersucht unter Kolleginnen und Kollegen sei gang und gäbe.  „Wenn man einmal in den Medien ist, dann wird man schnell nicht gemocht. Das ist in der Wissenschaft nicht anders als in der Wirtschaft.“

In den kommenden Wochen wird sich also entscheiden, ob Penningers Kollegenschaft vor Neid erblasst oder nicht. Denn der Wirkstoff von Apeiron wird bereits an Patienten in China getestet.

Hintergrund: Das Erbgut des Coronavirus ist mit dem 2003 aufgetauchten SARS-Erreger zu 80 Prozent ident. Mit SARS kennt sich Penninger aus. Er hat nämlich schon vor zwölf Jahren herausgefunden, wie der SARS-Virus an gesunde Körperzellen andockt.

Wer die Angriffstechnik eines Virus kennt, weiß auch, wie man den Angriff zwar nicht verhindern aber seine Folgen doch eindämmen kann. Verlaufen die Corona-Tests in China also erfolgreich, könnte mit Hilfe des Apeiron-Wirkstoffs die Schädigung der Lunge massiv eingedämmt werden.

Im Erfolgsfall wäre Penninger wohl ein Kandidat für den Nobelpreis. Für seine Fans gilt er ohnedies als Superhirn. Faktum ist: Penninger ist ein international anerkannter Topgenetiker.

Im Kampf gegen Knochenerkrankungen und Krebs steht er an vorderster Front. Speziell bei Brustkrebs hat er bahnbrechende Entdeckungen gemacht. Nebenbei gründet er seine eigenen Unternehmen. Apeiron zum Beispiel. Mit privaten Topinvestoren im Hintergrund und Topmanagement im Vordergrund. Kaum ein Jahr, in welchem er nicht irgendeine Auszeichnung erhält.

"War einfach ein kleiner Bub, der Glück gehabt hat"

Wie lebt es sich eigentlich so als Genie? „Diese Frage kann ich nicht beantworten“, lacht Penninger, „nächste Frage bitte.“ Aber dann hat er doch ein wenig Erbarmen.

„Ich war einfach ein kleiner Bub, der Glück gehabt hat. Der etwas gefunden hat, was er mit Leidenschaft betreiben kann, und der manchmal bei wichtigen Lebensabschnitten die richtige Abzweigung genommen hat. Es gibt viel Klügere als mich. Ich hatte nur das Glück, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein.“

Das ist jetzt aber schon ziemliches Understatement. „Nein“, sagt er, „ich bin immer nur so gut wie meine letzte Arbeit. Was ich im letzten Jahr gemacht habe, interessiert jetzt niemanden mehr.“ Wir verstehen: Wer in der Biotechnologie Erfolg haben will, braucht sich erst gar nicht auf seinen Lorbeeren auszuruhen.

Penninger bezeichnet sich als „genetischen Ingenieur“. Das ist einer, der mit modernen Technologien der Biologie herauszufinden versucht, welche Funktionen die Gene haben. Man darf dazu auch „Funktionelle Genetik“ sagen oder „Genetic Engeneering“. Penninger formuliert das viel schöner: „Wir beschleunigen die Evolution.“

Wir versuchen das zu übersetzen: Man stelle sich 300 dicke Bücher nebeneinander vor. Das sind wir: der Mensch. Penninger sieht sich jedes einzelne Kapitel, die Sätze und vor allem die Buchstaben an. Warum er das tut? Weil aus Buchstaben Wörter entstehen und daraus wieder Sätze und so weiter.

Die Gene (die Buchstaben) sind der Ursprung. Sie regulieren alles. Sie sind verantwortlich dafür, dass aus einer Zelle (die Sätze) einzelne Organe (die Kapitel) und Lebewesen (das Buch) entstehen. Aber sie regulieren auch Erkrankungen. Herzinfarkte etwa, die Geburt und das Absterben von Zellen.

Penninger beschäftigt sich somit mit dem „fundamentalen Prinzip“ der Biologie. Man könnte auch sagen, er ist dem Leben auf der Spur.

Kann man also herausfinden, woran man später stirbt? „Nein“, sagt Penninger, „wir wissen dazu noch zu wenig.“ Man könne bestenfalls Anfälligkeiten, Neigungen beschreiben. Mehr nicht. Für viele Erkrankungen, besonders wenn diese häufiger sind, sei ja nicht ein bestimmtes Gen, sondern das Zusammenspiel vieler Gene verantwortlich.

Apropos: Kann man Menschen Klonen? Nein, sagt Penninger. Er meint das aus ethischen Gründen. Aber nicht nur. Denn die bisher geklonten Lebewesen wurden meist sehr rasch krank und sind gestorben.

Grund: die Körperzellen, die man zur Herstellung eines Klons (also eines Zwillingsbruders oder einer Zwillingsschwester) braucht, haben eine „molekulare Erinnerung“, erklärt Penninger. „Die Zelle weiß, wie alt sie ist und welche Krankheiten ihr Körper hatte. Deshalb werden Klone schneller alt und erkranken häufiger.“ Star Wars und all die anderen Science-Fiction-Filme, in denen es vor menschlichen Klonen nur so wimmelt, bleiben also Fantasie.

"Ich muss die Welt retten"

Das Licht der Welt erblickt Penninger 1964 im oberösterreichischen Gurten. Seine Eltern sind Nebenerwerbsbauern. Der Vater arbeitet im Hauptberuf bei der örtlichen Straßenmeisterei. „Ein schweres Leben“, sagt Penninger. Josef muss mithelfen. Kühe melken und das Heu einbringen. Genauso wie seine beiden Brüder. Der eine landet später bei der Eisenbahn, der andere wird technischer Zeichner.

Ab dem zehnten Lebensjahr besucht Josef das humanistische Gymnasium in Ried. Weil die Eltern jetzt auch noch einen Gasthof betreiben, bleibt ihnen für Kindererziehung keine Zeit mehr. Josef kommt auf ein Internat, was ihn betrübt.

Nur die Mathematik, die macht ihn glücklich. Er interessiert sich auch für Biologie. Aber von der DNA hört er in seiner Schulzeit nur einmal. Dafür jede Menge altes Griechenland und Platon.

Penninger ist ein mittelmäßiger Schüler. Und er ist aufsässig. Es droht ihm der Schulverweis, als er etwa in einem Aufsatz die russischen Anarchisten des 19. Jahrhunderts verherrlicht. „Das war natürlich unreflektiert“, weiß Penninger. In diesem Fall rettet ihn sein Mathematiklehrer vor dem Rausschmiss. Solche Erinnerungen stimmen Penninger sehr nachdenklich: „Es sind oft nur Kleinigkeiten, die das Leben entscheiden. Ohne meinen Mathe-Lehrer würde ich heute sicher nicht diesen Job machen.“

Kurz vor der Matura sitzt Penninger eines Tages im Rieder Stadtpark. Weil er  die hübschen vorbeiflanierenden Mädchen ohnedies nicht anzusprechen wagt, hat er eine plötzliche Erleuchtung: „Ich muss die Welt retten.“

Also geht er nach Innsbruck und studiert Medizin. Durch Zufall kommt er zur Wissenschaft. Der Pathologe und Altersforscher Georg Wick sucht einen Studenten für ein Projekt. Penninger meldet sich. „Er hat nur gesagt, dass ich am nächsten Montag anfangen soll. So hat es begonnen.“ Jetzt kann er endlich seine ganzen Leidenschaften ausleben: Medizin, Mathematik, Biologie. „Es war mir völlig egal, ob ich damit jemals Geld verdiene oder nicht.“ Vor lauter Leidenschaft vergisst er sogar auf Weihnachten und steht im Labor statt unter dem Christbaum. „Meine Eltern waren da ziemlich sauer.“

Abstecher nach Übersee

Was Wissenschaft wirklich bedeutet, lernt er aber erst in Kanada kennen. Wieder spielt der Zufall die Hauptrolle. Er besucht regelmäßig einen Freund in Paris, Guido Kroemer.

An einer Bushaltestation lernt Penninger eines Tages ein Mädchen kennen. Die studiert in Toronto. „Also dachte ich mir: Gehst halt auch nach Toronto.“ Dort heuert er erfolgreich in einem Labor an. Die Beziehung mit dem Mädchen kühlt dafür rasch ab.

„Die hat einen Anwalt geheiratet. Geschieht ihr recht“, schmunzelt Penninger. „Aber ohne sie wäre ich nie nach Kanada gegangen.“ Später lernt Penninger in Toronto seine aus China stammende Frau kennen, mit der er drei Kinder hat.

Seine Aktivitäten in Kanada bringen ihm viel Ruhm und Ehre ein. Er wird „Young leader in medicine in Canada“. Zweimal wird er unter die „Top 10“ der modernsten Wissenschaftler des Jahres aufgenommen und unter die „Top 40 under 40“ Kanadas gewählt. Das Magazin „Esquire“ kürt ihm zum „greatest scientist of our time.“

2003 wird Penninger in Wien Direktor des Instituts für Molekulare Biotechnologie (IMBA). Penninger kann das Institut selber aufbauen. „Ich war der erste Angestellte. Das war wie ein Unternehmen gründen. Mit meiner Philosophie und meinen Leuten.“

Nach 13 Jahren Kanada, „wo die Leute sehr direkt sind“, muss Penninger jedoch erst wieder die Feinheiten der österreichischen Seele studieren. „Der Rechnungshof hat sofort geprüft und wollte wissen, wozu wir das da überhaupt brauchen. Und dann musste ich mich daran gewöhnen, dass die Österreicher einen gerne mit Zucker umbringen. Alle haben freundlich lächelnd gehofft, dass ich eine Bauchlandung mache. Und da hätten dann alle applaudiert.“

Nicht nur Wissenschaftler, sondern Unternehmensgründer

Wenn wir uns schon mit einem berühmten Gentech-Experten unterhalten, wollen wir natürlich wissen, ob gefährliche Viren in einem Labor gezüchtet werden, wie das Verschwörungstheoretiker immer wieder behaupten. „Die Natur ist innovativ genug. Dazu braucht man kein Labor.“

Penninger ist nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Unternehmensgründer. Sein erstes Baby kommt 2003 auf die Welt: die Biotechfirma Apeiron, die derzeit in aller Munde ist.

Dafür nimmt er viel Risiko in Kauf und hat ein paar schlaflose Monate. „Aber ich habe mir gedacht, wenn ich schon hierherkomme und der Direktor eines öffentlichen Instituts für molekulare Biotechnologie bin, dann brauche ich nicht nur groß reden. Sondern dann nehme ich auch mein Geld in die Hand und gründe eine Firma.“

Ein Wissenschaftler, der sein eigenes Unternehmen hat? Hierzulande eine eher ungewöhnliche, ja verdächtige Kombination. „In Kanada habe ich gelernt, dass Wissenschaft nicht nur hehren Ansprüchen genügen muss, sondern auch gut mit der Industrie zusammenarbeiten kann. Denn am Ende wollen wir alle dasselbe: ein neues Medikament, um Krankheiten zu bekämpfen.“

Penninger lernt als Unternehmer, wie man Macht abgibt, um mächtig zu sein. „Dazu umgebe ich mich mit einer erlesenen Handvoll von Leuten, denen ich völlig vertraue und an die ich Dinge wie Budgeterstellung und Human Resources delegieren kann. So bin ich frei und kann das tun, was mir Spaß macht.“

"Waren kurz vorm Sterben"

Penninger gibt offen zu, dass die ersten Jahre äußerst mühsam waren. „Wir waren oft kurz vor dem Sterben.“ Aber mit der Zeit begann es zu laufen. 2010 erfolgt dann der Durchbruch. In Form eines riesigen Deals mit dem Pharmagiganten GlaxoSmithKline (GSK).

Glaxo lizensiert von Apeiron ein Mittel zur Behandlung gegen akutes Lungenversagen. 2011 wird Apeiron deshalb zur zweitbesten europäischen Biotechfirma gewählt.

Apeiron (der Name bedeutet im Altgriechischen „das Unbegrenzte“, „das Unendliche“) arbeitet natürlich an mehreren spannenden Projekten. Das Geschäftsfeld bezeichnet Penninger als „biotechnologische Krebstherapien“. So etwa forscht man an einem Medikament gegen Hirntumor bei Kindern.

Seit 2018 ist Penninger hauptberuflich wieder in Kanada/Toronto tätig. Das ist nicht weit vom US-Bundesstaat Oregon entfernt. Dort an einem einsamen Strand den Walen zuschauen und am Abend dann im eiskalten Wasser schwimmen: Das ist einer von Penningers Träumen.

Denn bei aller Wissenschaft ist für Penninger Entspannung wichtig. „Das ist ganz wichtig für mein Seelenheil.“ Apropos Seele: Glaubt Penninger an Gott?

„Wissenschaft ist eine Methode des Erkenntnisgewinns und keine Ersatzreligion und Religion hat nichts in der Wissenschaft verloren. Deswegen finde ich die Diskussion über Science/Religion als eher öde. Jeder soll und darf glauben, woran er will, solange man die Meinungen und Würde anderer respektiert. Ich selber bin aggressiver Buddhist. Wenn das Ohm und Ah nicht mehr helfen, dann muss halt mein punching bag herhalten.“

 

Anmerkungen: Die vorliegende Porträt stammt zum Teil aus dem Buch „Zwischen Stahl und Schokolade – inspirierende Erfolgsgeschichten aus Österreich“. Styria Verlag 2013. Von Wolfgang Unterhuber und Selma Prodanovic.