Wirtschaft
19.07.2018

IWF zeigt sich „sehr besorgt“ über Brexit-Stillstand

Experten warnen: Ein Austritt ohne Vertrag würde die EU-Wirtschaftsleistung 1,5 Prozent kosten - die Briten noch mehr.

Die Risiken des EU-Austrittes der Briten werden unterschätzt. „Wir sind sehr besorgt“, sagte Mahmood Pradhan, Europa-Experte beim Internationalen Währungsfonds (IWF), am Donnerstag bei einer Telefonkonferenz: „Es ist noch immer keine Klarheit erkennbar – dabei ist es schon recht spät im Verhandlungsprozess, und es nähern sich kritische Deadlines.“ Der IWF hat durchgerechnet, was die Auswirkungen eines „harten“ Brexit wären – falls die Briten also ganz ohne Handelsvertrag aus dem Binnenmarkt ausschieden.

Dadurch fielen für Warenlieferungen statt des Nulltarifs schlagartig die WTO-Zölle von durchschnittlich 4,4 Prozent bzw. 3,3 Prozent (für britische Im- oder Exporte) an. Vereinzelt, etwa bei Textilien und Leder, betrügen die Aufschläge fast 10 Prozent. Der Schaden wäre beträchtlich.

Schaden für Rest-EU

Der IWF schätzt, dass das langfristig (über fünf bis zehn Jahre) die Wirtschaftsleistung der EU um 1,5 Prozent und die Beschäftigung um 0,7 Prozent schmälern würde. Die Auswirkungen wären je nach Land unterschiedlich: Am heftigsten würde es Irland treffen, das die engsten Beziehungen zur britischen Insel unterhält. Auch offene Wirtschaften wie Niederlande, Dänemark, Belgien und Tschechien wären überdurchschnittlich betroffen. Österreichs Einbußen liegen EU-weit im Mittelfeld.

Am größten wäre der Schaden freilich für die Briten selbst – die Detail-Zahlen will der IWF dazu erst im September veröffentlichen. Mit einem Handelsvertrag, Zollvereinbarungen oder gar Verbleib im Europäischen Wirtschaftsraum ließen sich die Folgen deutlich mildern.

Ausgleichstopf nötig

Wie viele Experten drängt der IWF in seiner „Zeugnisvergabe“ darauf, die Reform der Eurozone rasch voranzutreiben. Die Staaten sollten die üppig sprudelnden Einnahmen zum Schuldenabbau nützen. „Wir haben die Befürchtung, dass einige Länder kaum Spielraum haben, wenn es mit der Wirtschaft wieder bergab geht“, warnte Pradhan.

Ihm sei bewusst, dass es darüber keine Einigkeit gibt, aber: Ein Ausgleichsbudget wäre aus IWF-Sicht nötig, um „Schocks“ für einzelne Mitglieder der Eurozone abzufedern.

Den Konjunktur-Höhepunkt sehen die Experten bereits überschritten. Nach einem Plus von 2,4 Prozent im Vorjahr schwächt sich das Wachstum in der Eurozone heuer auf 2,2 Prozent und nächstes Jahr (2019) auf 1,9 Prozent ab, erwartet der IWF. Und das basiere bereits auf einem Szenario, bei dem die Europäische Zentralbank ihren lockeren Kurs in der Geldpolitik noch länger aufrecht erhält. Danach soll sich der Zuwachs in der Währungsunion weiter reduzieren und 2023 bei eher flauen 1,4 Prozent einpendeln.