Italienische Sägewerke können die Sturmschäden nicht bewältigen. Daher vergaben sie Lizenzen an österreichische Unternehmen.

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Wirtschaft
04/30/2019

Italiener fürchten sich im Wald vor Österreichern

Trentiner Waldbesitzer riefen nach den Stürmen im Herbst 2018 Österreichs Holzindustrie zu Hilfe. Nun regt sich Widerstand.

von Thomas Pressberger

Die Italiener stehlen den Österreichern die Schwammerln, die Österreicher den Italienern gleich den ganzen Wald, könnten sich verärgerte Bürger in Norditalien denken.

Der Grund: Österreichische Unternehmen würden im großen Stil Holz in den Wäldern des Trentino ernten, in Österreich verarbeiten und in Italien wieder teurer verkaufen, klagen Vertreter der italienischen Waldarbeiter.

Kommentatoren in Österreichs südlichem Nachbarland bezeichnen das als „einen Witz“. Lokale Unternehmer und Arbeitnehmer sind laut der italienischen Lokalzeitung Trentino über das Ausmaß der österreichischen „Holz-Invasion“ gar nicht begeistert.

Der Hintergrund: Die trientinischen Wälder sind voll mit Holz – nicht zuletzt, weil die Unwetter im Alpenraum im Herbst 2018, vor allem das Sturmtief Vaia, zahlreiche Bäume entwurzelt haben. Es fehlt den Italienern jedoch an Arbeitskräften, um dieses zu ernten, schreibt der Trentino.

Heillos überfordert

Außerdem können die dortigen Sägewerke pro Jahr nur 600.000 bis 700.000 Kubikmeter Holz schneiden, alleine schon der Sturm hat drei Millionen Kubikmeter umgeworfen. Es würde fünf Jahre dauern, bis alles geschnitten wäre, doch so lang will man das wertvolle Gut nicht im Wald liegen lassen. Deshalb wurde die potente österreichische Holzindustrie um Hilfe gerufen und Lizenzen für die Ernte vergeben.

 

Die österreichischen Unternehmen sind mit eigenen Arbeitskräften im Trentino angerückt, um das Holz einzusammeln und zu verarbeiten. Die Hilfe artete nach dem Geschmack mancher Italiener jedoch aus. „In den vergangenen Tagen kaufte ein österreichisches Unternehmen 40.000 Kubikmeter Holz. Das Gleiche passiert in anderen Gegenden im Trentino“, sagt Paolo Sandri, Präsident des regionalen Waldarbeiterverbands dem Trentino.

Ruf nach Kontrolle

Das sei nicht in Ordnung, es brauche Kontrolle, wie viel Holz die Region verlasse. Viele Gemeinden und Private würden leider das Holz rasch loswerden wollen und den Österreichern die Lizenzen nur so nachschmeißen. Wichtig wäre, dass der Markteintritt der Unternehmen durch die öffentliche Verwaltung reguliert werde, sagt Sandri. Jene, die das Holz aus den Wäldern holen, sollten sich in das Register der trientinischen Unternehmen eintragen und nur für eine bestimmte Periode in der Region bleiben dürfen.

Außerdem sollten sie nur jene Mengen mitnehmen, die die italienischen Unternehmen nicht verarbeiten könnten, fordert Sandri. Ein anderes Problem sei, dass die meisten ansässigen Unternehmen hohe Investitionen getätigt hätten, um der Holzmassen Herr zu werden. Aber wenn die Österreicher im Land bleiben, werde das Holz in drei bis vier Jahren eingesammelt sein, befürchtet Sandri. Die Arbeit sei dann weg, aber die Kredite noch da. Man müsse die Regeln ändern und mehr Bäume in nicht betroffenen Teilen der Provinz fällen. Das Trentino habe ohnedies immer zu wenig Bäume eingeschlagen.

Mangelnde Kapazitäten

Rainer Handl, Experte für Rohstofffragen im Fachverband der Holzindustrie Österreich, zeigt sich verwundert über die Kritik aus Italien. „Österreichische Unternehmen holten vergangenes Jahr 181.000 Festmeter aus Italien. Das liegt im langjährigen Schnitt“, sagt Handl. Von den österreichischen Waldbesitzern wurde sogar mehr Holz nach Italien exportiert, da auch hohe Mengen an Schadholz in Österreich angefallen seien.

Die Italiener müssten eigentlich froh sein, dass ihnen jemand ihr Holz abnehme. Der Sturm habe ihnen über Nacht einen Einschlag von zwei bis drei Jahren beschert, Kapazitäten seien vor Ort fast nicht vorhanden. „Die österreichische Holzindustrie schneidet pro Jahr bis zu 18 Millionen Festmeter Rundholz ein, in ganz Italien sind es rund drei Millionen“, sagt Handl.

Akt der Solidarität

Man müsse auch die Gesamtsituation in Mitteleuropa betrachten. Derzeit liege in Tschechien und Deutschland viel Schadholz im Wald, was die Preise zusätzliche drücke. Logistisch sei es für österreichische Unternehmen eine Herausforderung, das Holz über den Brenner zu bekommen, nach Abzug aller Kosten bleibe da nicht viel über. Aus seiner Sicht handle es sich dabei eher um einen Solidaritätsakt als um eine Invasion.