Wirtschaft
28.01.2013

Immofinanz-Prozess: "Sehe da eine große Untreue"

Turnauer-Erbin Christine de Castelbajac belastet die Angeklagten schwer.

Sie ist eine kunstsinnige Frau. Zeit ihres Lebens hatte sie mit Unternehmen oder gar Banken nichts am Hut: Dennoch nannte die heute 66-jährige Christine de Castelbajac ein Milliarden-Imperium ihr eigen: Ein Imperium, das sie nach dem Tod ihres Vaters, dem österreichischen Großindustriellen Herbert Turnauer, im Jahr 2000 erbte und dessen Niedergang sie als wichtige Zeugin in den Immofinanz-Prozess brachte.

Ihr Auftritt am fünften Prozesstag wurde mit Spannung erwartet. Und die kleine, zierliche Castelbajac, die seit 1999 im Aufsichtsrat der Constantia Privatbank saß, sparte nicht mit Vorwürfen gegen die Angeklagten – vor allem gegen Ex-Bank- und Immofinanz-Chef Karl Petrikovics und Aufsichtsrat Helmut Schwager.

"Keine Expertin"

„Ich bin keine Bank-Expertin. Ich habe mich auf die Vorstände und natürlich auf Dr. Schwager verlassen“, betonte Castelbajac, die als Beruf Hausfrau und Fotografin angab. Schwager war mehr als 40 Jahre engster Vertrauter der Familie Turnauer. Sogar sein Vater arbeitete für Turnauer.

„Wie sehen Sie das heute?“, fragte Richterin Claudia Moravec-Loidolt. „Ich sehe da eine große Untreue und Vertrauensverlust. Das ist unvorstellbar. Es wurde ja die Unwahrheit gesagt“, betonte Castelbajac. Sie bezog sich unter anderem auf die Aufsichtsratsitzung der Bank vom 29. Mai 2006. Damals hatte Aufsichtsrat Thomas Uher die Vorstände gefragt, woher ein Verlust von sieben Millionen Euro stamme. Diese antworteten sinngemäß, dass es sich um ein Geschäft für einen guten Kunden handle. Tatsächlich aber ging es um die Aktienoptionen der Ex-Bank-Vorstände Petrikovics und Norbert Gertner. „Hätte der Aufsichtsrat gewusst, dass das die Herren waren, hätten wir uns sehr gewundert. Absurd wäre das gewesen“, empörte sich die Turnauer-Erbin, die die Bank 2008 um einen Euro an die Auffanggesellschaft aus heimischen Finanzinstituten abgeben musste. Zudem verlor sie durch die Fast-Pleite der Bank einen Großteil ihrer Constantia Packaging, die über eine Holding mit der Bank verbunden war.

Falsche Angaben

Belastet wurden die Angeklagten am fünften Prozesstag auch von Experten der Bankenaufsicht. „Die Bankvorstände haben uns angelogen und nicht korrekte Antworten gegeben“, erklärte die als Zeugin geladene Vertreterin der Finanzmarktaufsicht. So habe der Vorstand behauptet, eine große Zahl Immoeast-Aktien sei 2008 an drei Liechtensteiner Gesellschaften verkauft worden. Das habe sich im Nachhinein als falsch herausgestellt. Auch die Angabe von Petrikovics, seine Tätigkeit für Immofinanz/Immoeast sei eine Nebentätigkeit, sei nicht richtig gewesen. Als Bankvorstand hätte er keine zweite Haupttätigkeit haben dürfen.

Ein Bankprüfer der Oesterreichischen Nationalbank betonte, dass mehrere Verstöße gegen das Bankwesengesetz festgestellt wurden. Die Prüfer hätten „stornierte Rechnungen gefunden“, die vor dem Jahresabschluss geschrieben und nachher zurückgezogen worden seien. Damit sei die Ertragslage der Bank falsch dargestellt worden. Fragen habe der Vorstand nicht beantwortet. „Wir wurden im Kreis geschickt“, sagte der Prüfer aus.

Die Immofinanz-Causa

Die Justiz nimmt im Immofinanz-Prozess geheime Aktienoptionsgeschäfte im Immofinanz-Constantia-Konzern unter die Lupe. Wegen des Vorwurfs der Untreue und der Bildung einer kriminellen Vereinigung müssen sich Ex-Immofinanz-Chef Karl Petrikovics, sein Vorstandskollege Christian Thornton, Ex-Constantia Privatbank-Vize-Aufsichtsratschef Helmut Schwager und der Treuhänder Ernst Hable vor Gericht verantworten. Der fünfte Angeklagte, Ex-Immofinanz-Vorstand Norbert Gertner, ist wegen Krankheit nicht bei der Hauptverhandlung im Wiener Straflandesgericht erschienen, das Verfahren gegen ihn wurde ausgeschieden.


Die Anklage hat aus der Causa Immofinanz das "Faktum Hable" herausgelöst und nun vor Gericht gebracht. Dabei geht es um Aktiengeschäfte innerhalb des weitverzweigten Konzerns mittels des Treuhänders Hable. Alle verbliebenen vier Angeklagten bekannten sich nicht schuldig.

Staatsanwalt Volkert Sackmann wirft den Angeklagten vor, sie hätten sich mittels geheim gehaltenen Aktienoptionsgeschäften auf Kosten der beteiligten Unternehmen bereichert, ohne selber irgendein Risiko eingegangen zu sein. Laut Anklageschrift entstand durch die Transaktionen ein Schaden von 32 Mio. Euro. Petrikovics, Gertner und Schwager hätten über Aktienoptionen, Aktienkäufe und -verkäufe, fremdfinanziert durch Kredite aus dem Konzern Millionen verdient. Die beteiligten Unternehmen seien geschädigt worden bzw. deren Eigentümer. Das Verlustrisiko sei lediglich bei den involvierten Unternehmen im Konzern gelegen.

Die Constantia Privatbank hatte über Managementverträge das Managment von Immofinanz und Immoeast inne. Die besondere Konstruktion des Immofinanz-Konzerns habe Petrikovics und Gertner für Gewinne der Bank entlohnt, die beiden hatten eine Gewinnbeteiligung. Laut Staatsanwalt Sackmann hatte Petrikovics etwa im Jahr 2007 bei einem Fixum von 2,5 Mio. Euro zusätzlich noch 9,3 Mio. Euro durch die Gewinnbeteiligung eingestreift. Dadurch wurden die Geschäfte unter anderem über die Leascon abgewickelt, die der CPB die Aktien unter dem Tageskurs verkaufen musste, woraufhin die Bank einen Gewinn machte und die Gewinnbeteiligung entsprechend stieg.

Die Verteidigung stellt die Geschäfte völlig anders dar: Die angeklagten Petrikovics und Gertner hätten lediglich eine durch Aufsichtsrat eingeräumte Aktienbeteiligung weitergeführt, weil der Aktienkauf nicht zustande gekommen sei, um der CPB aus einer "Short"-Situation heraus zu helfen. So hätten sie eben Aktienoptionen erhalten. Dass die Transaktionen unter anderen Namen bzw. über den Treuhänder Hable liefen, sei strafrechtlich nicht relevant. Sie hätten lediglich vermeiden wollen, dass diese in der Bank bekannt wurden. Der Verteidiger von Thornton argumentiert, dieser habe nur Anweisungen ausgeführt, selber aber keine Geschäfte für sich gemacht. Der Anwalt von Hable meint, dieser habe selber von dem Geschäft gar nicht profitiert, daher sei der Vorwurf "Beihilfe zur Untreue" gar nicht nachvollziehbar.

Der Prozess ist bis Ende Februar anberaumt.

Der tiefe Fall des Karl Petrikovics

Er war Österreichs erster richtiger Immobilien-Tycoon. Gegen den Sohn eines Sparkassendirektors und Bürgermeisters aus dem niederösterreichischen Eggenburg rangierten heutige Stars wie René Benko unter ferner liefen. Karl Petrikovics baute ein Imperium auf, das mit mehr als 3000 Immobilien zu den größten Europas gehörte. Dessen Börsewert zeitweise höher war als jener der voestalpine oder der OMV. So rasant und glanzvoll der Aufstieg verlief, so abrupt und tief endete die Karriere des 58-Jährigen allerdings auch. Ab Dienstag steht Petrikovics mit vier weiteren Angeklagten wegen Untreue und Bildung einer kriminellen Vereinigung vor dem Wiener Straflandesgericht.

Dabei geht es nur um eine Nebenfront in der Aufarbeitung der Immofinanz-Affäre, einem der spektakulärsten Wirtschaftskrimis der jüngeren Vergangenheit. In dessen Zentrum ein schwer durchschaubares Firmenkonglomerat aus der börsenotierten Immofinanz, ihrer ehemaligen Tochter Immoeast und der Constantia Privatbank steht. Dabei flog auch der BUWOG-Skandal um den Kauf der mehr als 60.000 Bundeswohnungen unter dem damaligen Finanzminister Karl-Heinz Grasser auf. Bei den Gerichten stapeln sich Tausende Klagen von Anlegern, die teilweise ihr gesamtes Erspartes verloren. Im Hauptverfahren ermittelt die Justiz immer noch, wegen Verdächtigungen in Zusammenhang mit Anlegerbetrug und -täuschung.

Wie tickt jener Mann, dessen Persönlichkeitsmuster Staatsanwalt Volkert Sackmann in der Anklageschrift als ziemlich auffällig darstellt. Ein „Alleinherrscher“ sei er gewesen, ein „Diktator“, der alle wichtigen Entscheidungen alleine traf. Seinen Mitarbeitern habe er „unbedingten Gehorsam und größtmöglichen Einsatz“ abverlangt, Maßstab dafür war er selbst. „In der Branche hieß er , Karl der Große‘. Ein absoluter Herrscher, der 26 Stunden am Tag gearbeitet hat“, beschreibt ihn ein ehemaliger Geschäftspartner. „Das Rad, an dem er drehte, wurde zu groß. Aber das Ringelspiel musste immer größer werden, um Nachfrage zu erzeugen und das Ganze am Laufen zu halten“, meint ein Insider. Kritikfähigkeit war nicht die Stärke des Selfmade-Mannes, „daher hatte er in seiner Umgebung nur Jasager. Er hielt sich seinen Vorstand und den Aufsichtsrat. Doch in solchen Höhen ist es sehr einsam und manche Persönlichkeiten neigen dann zu einem gewissen Cäsarenwahn“.

Nicht nur sehr autoritär, auch extrem detailverliebt war er, sagen ehemalige Mitarbeiter, „fast schon so, dass man jeden Bleistift absegnen musste“. Trotz seines stark ausgeprägten Selbstvertrauens haftete ihm nach außen „das Odium eines biederen Buchhalters an“, erinnert sich ein Branchenkollege. Ein Biedermann freilich war Petrikovics keineswegs. Selbst Konkurrenten attestieren ihm höchste fachliche Kompetenz und einen unglaublichen Riecher fürs Geschäft.

Das Sprungbrett in die Welt der großen Immobilien-Deals bot dem Absolventen eines Jus- und Betriebswirtschaftsstudiums der öffentlichkeitsscheue Industrielle Herbert Turnauer (), der ihn 2000 als Vorstand seiner Constantia Privatbank anheuerte. Das Institut hatte eine kleine Tochter, die Vorgängergesellschaft der Immofinanz. Der Markt begann zu boomen und Petrikovics hatte bald ein beachtliches Immo-Portfolio zusammengekauft. 2003 ging die Immofinanz an die Wiener Börse, später folgte die Immoeast. Über sieben Kapitalerhöhungen wurden Anleger-Gelder eingesammelt. Großteils über die Keilertruppen des AWD, die ahnungslosen Sparern die Aktien als mündelsicheres Investment andrehten. Mehr als 100.000 Kleinanleger griffen zu.

Die Investoren hatten keine Ahnung, dass ab 2006 über Töchter der Constantia in die eigenen Aktien investiert wurde. Teilweise mit Krediten. Als das Ringelspiel mit der Finanzkrise 2008 ins Stottern kam, war die Bank fällig. Das Privatinstitut für Superreiche musste von fünf Großbanken aufgefangen werden und Turnauer-Tochter Christine de Castelbajac verlor den Großteil ihres Vermögens. Heute versuchen der Sanierer Erhard Grossnigg und Strabag-Chef Hans Peter Haselsteiner als neue Eigentümer, die Bank wieder in die Höhe zu bringen.

Die Anleger flüchteten in Scharen aus der Immofinanz. Die Atomisierung des Aktienkurses von 12,54 Euro auf den Tiefststand von 28 Cent erklärt sich nicht allein mit der Lehman-Pleite. Das Vertrauen in die Aktie war grundlegend erschüttert, die Justiz begann zu ermitteln. Und fand quasi als Nebenprodukt die Rechnung von 9,9 Millionen Euro an den Ex-Lobbyisten Peter Hochegger für den entscheidenden Tipp beim BUWOG-Deal.

Am Dienstag geht es um Aktienoptionen, über die sich Petrokovics und Konsorten ohne Genehmigung des Aufsichtsrates ein Körberlgeld von rund 32 Millionen zugeschanzt haben sollen. Alle Angeklagten bestreiten.

Petrikovics dürfte wohl noch öfter vor Gericht stehen. Derzeit laufen ein Finanzstrafverfahren sowie ein Untreue-Verfahren wegen der BUWOG-Provision. Zivilrechtlich ist eine Klage der Privatstiftung Niedermeyer anhängig. Weiters ein Feststellungsverfahren der Constantia Privatbank und Schadenersatzforderungen der Immofinanz wegen der BUWOG-Provision und der Optionsgeschichte.

Im Immo-Business mischt Petrikovics im kleineren Stil nach wie vor mit, als Privatmann mit seinen beiden Söhnen. Branchengerüchte, er habe während seiner Immofinanz-Zeit zu Sonderkonditionen ein ansehnliches Schnäppchen-Portfolio aus Zinshäusern und Vorsorgewohnungen angesammelt, will er nicht kommentieren.

Buchtipp

Rechtzeitig zum Auftakt des Prozessreigens arbeitete der Journalist Rainer Himmelfreundpointner (Format, profil, trend) den Immofinanz-Skandal auf. Der Autor geht sehr ins Detail, doch dank der verständlichen und stilistisch flotten Aufbereitung ist das Buch auch für Nicht-Insider spannend. Ibera Verlag, 206 Seiten,19,90 Euro

Der Immofinanz-Strafprozess