In Umfragen heißt es klar: Autos raus, öffentlicher Nahverkehr und Fußgänger rein. Noch wird die Stadt diesem Wunsch nicht gerecht

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Wirtschaft Immobiz
12/06/2020

Platzkampf: Warum Gehsteige in Wien oft zu schmal sind

Obwohl Wienerinnen und Wiener gerne zu Fuß gehen, stehen Gehwege in der Verkehrshierarchie weit ganz unten. Warum?

von Ornella Wächter

„Gehsteig-Ballett“ nannte Jane Jacobs 1961 das rege Treiben auf den Straßen New Yorks in ihrem Buch „Tod und Leben amerikanischer Städte.“ Die Stadtbeobachterin und Aktivistin Jacobs schrieb dies zu einer Zeit, in der die Stadtplanung zunehmend auf den Autoverkehr ausgerichtet wurde, auf Kosten der Fußgängerwege.

Diese zählten Jacobs Ansicht nach aber zu den „wichtigsten öffentlichen Räumen“ einer Stadt. Mit diesen Aussagen geriet sie damals in den Konflikt mit dem New Yorker Stadtplaner Robert Moses – heute sind ihre Ideen für Stadtplaner und Architekten selbstverständlich. Mit Corona und der Zeit des Abstandhaltens rücken die Gehsteige erneut in den Fokus.

Autos vor Fußgängern

„Die Menschen verbringen wieder mehr Zeit im öffentlichen Raum, Mängel in der Infrastruktur für Fußgänger fallen wieder vermehrt auf“, sagt Barbara Laa, Verkehrsplanerin an der Technischen Universität Wien und Sprecherin von Platz für Wien. Die Initiative setzt sich u. a. für mehr Platz zum Zu-Fuß-Gehen und Verweilen im öffentlichen Raum ein.

„Generell ist Wien im Vergleich mit anderen Städten schon sehr fußgängerfreundlich, die Datenlage aber lässt erkennen, dass der motorisierte Verkehr gegenüber Fußgängern Priorität hat.“

Zwei Drittel für Pkw

Obwohl die Bedeutung des öffentlichen Raums in der modernen Stadtplanung mittlerweile unumstritten ist, besetzen Autos den meisten Platz davon. Zwei Drittel des öffentlichen Raums in Wien dienen als Fahrbahn und Parkfläche für Pkw, ein Drittel der Fläche sind als Gehsteige für Fußgänger reserviert.

Zwar ist der Anteil für den motorisierten Verkehr leicht zurückgegangen, trotzdem entfallen nur rund 31 Prozent von insgesamt 35.428.980 Quadratmetern Straßenfläche auf Gehsteige und Fußgängerzonen. Laut der Wiener Straßenverkehrsordnung sollten Gehwege idealerweise zwei Meter breit sein.

Gehsteige oft zu schmal

Die Praxis schaue oft anders aus, sagt Heinz Högelsberger von der Abteilung Umwelt und Verkehr der Arbeiterkammer Wien. 38 Prozent der Wiener Gehsteige würden schmaler ausfallen, umgerechnet verfehlen damit rund 1.457 Kilometer der Gehsteige die vorgegebene Mindestbreite – was auch das empfohlene Abstandhalten erschwert. Zusätzlich sind Gehwegen oft mit Hindernissen verbaut.

Wie oft das vorkommt, zeigte ein Aufruf der Initiative „Geht doch Wien“ im Frühling 2020, bei dem auch Högelsberger beteiligt war. Wienerinnen und Wiener wurden gebeten, Fotos von Gehsteigen zu schicken, rund 230 Bilder kamen dabei zusammen.

Verteilungskonflikt

„Ursachen für zu schmale Gehsteige sind Parkstreifen, schrägparkende Autos, die über die Markierung hinaus den Gehsteig verengen, sowie Halteverbotstafeln, Schaltkästen und E-Tankstationen“, fasst Högelsberger die kleine, nicht repräsentative Stichprobe der häufigsten Probleme zusammen.

Dass Gehwege so einfach verknappt werden können, liegt nicht nur daran, dass die Richtlinien zur Mindestbreite nicht verbindlich sind, erklärt Verkehrsexpertin Laa. Ein weiterer Grund ist, dass immer mehr Verkehrsteilnehmer Anspruch auf den öffentlichen Raum erheben und dabei aneinander geraten: Anwohner und Touristen, Autofahrer und Fußgänger, Rad- und E-Scooter-Fahrer, Einzelhändler und Verleihfirmen, sogar Bäume und Blumenbeete.

Mobilitätsverhalten wird ignoriert

„Es kommt zu einem Verteilungskonflikt.“ Ein häufig geäußerter Kritikpunkt unter Verkehrsexperten ist zudem, dass die derzeitige Flächenverteilung das Mobilitätsverhalten ignoriere.

Mehr als die Hälfte der Wiener besitzt kein Auto, 2019 wurden nur rund 25 Prozent der Wege mit dem Pkw zurückgelegt, 27 Prozent hingegen zu Fuß. „Solche Strukturen sind ungerecht denjenigen gegenüber, die kein Auto besitzen, sie können einen Großteil des öffentlichen Raums nicht nutzen“, bemängelt Laa.

Wohin die Planung geht

Wie aber lässt sich eine Stadt planen, die allen zugutekommt? In den Strategiepapieren und Konzepten der Stadtentwicklung bis 2030 stehen jedenfalls vielversprechende Absichtserklärungen. Man strebt eine Stadt der kurzen Wege an, in der sich Fußgänger freier und sicherer bewegen können, der öffentliche Raum soll attraktiver gestaltet werden. Für die Umsetzung ist die Magistratsabteilung für Stadtplanung und Stadtentwicklung (MA18) zuständig.

Die stellvertretende Leiterin Angelika Winkler, ist sich der Herausforderung bewusst. „Wir versuchen, den öffentlichen Raum aufzuwerten, in dem wir Fußgängerinnen sichtbar machen, Bänke bereitstellen, Parkplätze zu Begrünungszonen machen und Flaniermeilen anbieten.“

In Begegnungszonen ist es auch Usus geworden, Gehsteinkanten wegzulassen, um eine gemischte Nutzung der Flächen zu ermöglichen. Der Verkehr der Zukunft nähert sich damit vielleicht wieder seinen historischen Anfängen, als Straßen vor allem von Fußgängern genutzt wurden.

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