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Wirtschaft Immobiz
03/20/2021

So beeindruckend sind diese begrünten Häuser

Immer mehr Häuser werden mit Kletterpflanzen oder Bäumen begrünt. Sie sollen das Gebäude kühlen und die Luft reinigen.

von Ulla Grünbacher

Grüne Fassaden, auf denen Pflanzen wuchern oder sogar blühen, sind nicht nur ein schöner Anblick, sondern können viele städtische Probleme lösen – sie sind daher auf dem Vormarsch. Das Projekt, das so etwas wie eine Initialzündung für grüne Gebäude darstellte, war der vertikale Wald am Bosco Verticale in Mailand mit seinen 900 Bäumen und 2000 Sträuchern. Die Bilder der Zwillingstürme mit den großen Bäumen, die die Fassade fast ganz verdecken, gingen um die Welt und verkündeten: Die Natur ist zurück in der Stadt.

Grüne Fassaden

Seither wurden und werden bei Bauprojekten immer öfter Pflanzen in die Fassade und in die Architektur integriert. Jüngstes Prestigeprojekt ist das Einkaufszentrum „Kö Bogen II“ in Düsseldorf, das Architekt Christoph Ingenhoven mit 30.000 jungen Hainbuchen, die in streng geometrischen Reihen angeordnet wurden, verkleidet hat – an den Fassaden und am Dach.

Wasserverdunstung

Grüne Fassaden, ob Kletterpflanzen oder Laubbäume, ob in Trögen oder mit Platten an der Fassade befestigt – sollen mehrere Zwecke erfüllen. Die Pflanzen beschatten die Fassade und sorgen durch Wasserverdunstung dafür, dass sich das Gebäude im Sommer nicht zu sehr erhitzt. Laut einem Versuch der Universität für Bodenkultur kann die Außentemperatur um bis zu 14 Grad gesenkt werden, wenn alle Straßenfassaden in einem Teil der Stadt begrünt werden.

Feinstaub-Belastung

Die Pflanzen nehmen Kohlendioxid auf und verwandeln es in Sauerstoff, sie reinigen die Luft von Schadstoffen und minimieren die Feinstaub-Belastung. Damit übernehmen sie eine wichtige Rolle in der Stadt. Da die Sommer im dicht verbauten Gebiet immer heißer werden, hat man erkannt, dass es wieder mehr Grün in den Städten braucht. So werden vermehrt Bäume in Straßen und Plätze integriert – oder eben an Fassaden in neuen oder sanierten Projekten.

Begrünung

Doch für welche Bauten eignet sich eine begrünte Fassade? „Für Gebäude, die thermisch nicht gut gedämmt sind, eignen sich Fassadenbegrünungen gut, weil die Begrünung eine zusätzliche Schutz-Schicht bildet“, sagt Azra Korjenic, Professorin an der TU Wien für ökologische Bautechnologie, die seit Jahren an verschiedenen Begrünungsprojekten in Wien mit Partnern forscht. „Das bringt thermisch viel – im Winter und auch im Sommer.“ Bei gut gedämmten Neubauten bestehe das Problem, dass man für die Montage der Fassadenbegrünung meist die Dämmung durchbohren müsse, die Folge sind Wärmebrücken, die Dämmung verschlechtert sich. Für gut gedämmte Bauten eignet sich daher eher die Variante, die Pflanzen in Trögen ebenerdig vor dem Gebäude oder auf Balkone und Terrassen aufzustellen – wie beim Projekt „Bosco Verticale“ in Mailand.

Kletterpflanzen

Es gibt also grundsätzlich zwei Arten von Fassadenbegrünungen: die bodengebundenen und die wandgebundenen. Letzterer sind auch statisch Grenzen gesetzt, sagt Azra Korjenic und erklärt: „Die Tragfähigkeit der Wand-Konstruktion muss mindestens 100 Kilogramm pro Quadratmeter ausmachen, um wandgebundene Systeme installieren zu können.“ Wer eine grüne Fassade möchte, muss auch entsprechende Kosten einkalkulieren. Die günstigste Variante ist die bodengebundene mit Trögen und Kletterpflanzen, so die Expertin. „Allerdings sind Kletterpflanzen von der Höhe her beschränkt. Sie wachsen höchstens 20 bis maximal 30 Meter in die Höhe.“

Neue Projekte

Der neue Ikea, der am Wiener Westbahnhof 36 Meter in die Höhe ragt, hat am Dach einen Park und die Fassade wird mit 160 Laubbäumen in Trögen begrünt. Das Pflanzkonzept macht rund ein Prozent der Gesamtkosten des Neubaus aus, beziffert Elisabeth Dal-Bianco, Communication Operations Manager von Ikea Österreich. Gesichert werden die Bäume gegen Wind mit einem umspannenden Stahlgerüst, so wird der Wurzelballen verankert aber auch die Bäume selbst gesichert. Die Bäume kommen aus Deutschland und werden seit einem Jahr in Steyr auf einer Wiese „an das sehr spezielle Mikroklima am Gebäude gewöhnt“, wie es der Wiener Landschaftsarchitekt Joachim Kräftner formuliert.

Wien

Wien ist, was grüne Fassaden betrifft, im internationalen Vergleich gut unterwegs, ist Azra Korjenic überzeugt. Ein aktuelles Ranking gibt ihr recht: Wien wurde bei „The World's 10 Greenest Cities 2020“ der kanadisch-amerikanischen Consulting-Agentur Resonance auf Platz 1 gewählt.

MA 48 Amtsgebäude

Als eines der ersten Gebäude wurde jenes der MA 48 in der Einsiedlergasse in Wien Margareten begrünt, es folgte die MA 31, das Amtsgebäude aus den 1960er Jahren wurde 2015 mit Trögen und Kletterpflanzen begrünt. Auch Schulen, mehrgeschoßiger Wohnbau, Gemeindebauten, Hotels und Büros werden grüner. In den vergangenen Jahren wurde viel Forschungsarbeit geleistet. „Man weiß jetzt, wie man Fassadenbegrünungen planen soll“, ist die TU–Professorin überzeugt. Außerdem gibt es in vielen Bundesländern Fördergeld für den Bau einer neuen Fassadenbegrünung, in Wien werden bis zu 5200 Euro pro Projekt gefördert.

Die richtigen Pflanzen

Die Auswahl der Pflanzen, die sich für die Begrünung der Fassade eignen, richtet sich nach der Himmelsrichtung, der Belichtung und der Beschattung. Bei den Bäumen eignen sich zum Beispiel Ahorn und Akazie, bei den Schlingpflanzen Knöterich und Wilder Wein und bei blühenden Pflanzen Bergenie, Elfenblume und Wurmfarn, um nur einige zu nennen.

Bäume und Sträucher

Doch so einfach ist es nicht immer: Denn die 800 Bäume und 20.000 Sträucher für den Bosco Verticale in Mailand mussten eigens gezüchtet und windkanalgetestet werden, damit sie dem Klima in der Stadt standhalten. Auch die Pflege ist aufwendig: So wird der Mailänder Zwillingsturm von drei Gärtnern gepflegt, die sich auf Balkone und Loggien abseilen. Die Kosten für die Pflege der Pflanzen bezahlen die Mieter über die Betriebskosten.

Fassaden beschädigen

Pflanzen vor dem eigenen Fenster sind nicht jedermanns Sache. Viele Bewohner befürchten, dass die Pflanzen die Fassade beschädigen. Diese Furcht ist bei professionellen Systemen und der richtigen Pflege unbegründet. Andere befürchten, durch die Pflanzen würden mehr Insekten ins Haus kommen. Zwar tummeln sich in der Begrünung Insekten, in die Wohnung verirren sie sich aber selten, so Experten. Anders ist das bei den begrünten Wohntürme der „Qiyi Garden City“ in Chengdu, China, die vor kurzem fertig sind. Die Wohnungen sind verkauft, doch nur wenige Käufer ziehen ein, weil die Begrünung aus dem Ruder gelaufen ist und es ein Gelsenproblem gibt.

Klimaverbesserung

Von diesem Negativbeispiel sollte man sich jedoch nicht abschrecken lassen. Denn begrünte Fassaden verbessern nachweislich das Klima in der Stadt, die sommerliche Überhitzung kann so reduziert werden, was wiederum die Lebensqualität erhöht.

Infos zum Thema gibt’s hier: Ökologieinstitut, Energieberatung und Gebietsbetreuung.

Singapur City 
Oasia Hotel Downtown. Der 193 Meter hohe Hotelturm  wurde  von WOHA Architects  entworfen und beherbergt 314 Zimmer.  An der Fassade des Gebäudes  ranken sich Kletterpflanzen, die rote Fassade schimmert je nach Lichteinfall durch die hängenden Gärten.  2018 wurde  der Turm mit dem Fiabci Prix d’ Excellence World in Gold ausgezeichnet. Das Innendesign stammt von Patricia Urquiola.         

Düsseldorf, Deutschland
Einkaufszentrum Kö Bogen 2. Das Einkaufszentrum mit Geschäften, Cafés und Restaurants wurde 2020 fertiggestellt. Das Dach der Markthalle wurde als Liegewiese gestaltet, die Fassade des Hauptgebäudes wurde steil terrassiert und mit 30.000 Hainbuchen, die  hier heimisch sind,  bepflanzt.  Designed wurde das Projekt von Ingenhoven Architekten, es gilt als die größte Grünfassade Europas.   

Shanghai, China
1.000 TreesWie ein bewaldeter Berg   grenzt das Gebäude an den Fluss Suzhou Creek und ist Teil von Shanghais Kunstviertel:  Der „1.000 Trees“-Komplex von Studio Heatherwick. Hunderte Stützen und Säulen, normalerweise im Gebäude verborgen, wurden als Pflanzbehälter konzipiert und tragen nun  25.000 Bäume. Das Gebäude beherbergt in seiner ersten Ausbaustufe Geschäfte, Restaurants, Büros, Veranstaltungsräume und Kunstgalerien.  

Mailand, Italien
Bosco Vertikale Bosco Verticale (zu deutsch: vertikaler Wald)  werden die begrünten Zwillingstürme des Hochhauskomplexes in Mailand genannt. Geplant wurden sie  vom italienischen Architekten Stefano Boeri. Die beiden Wohngebäude wurden  2014 fertiggestellt, sie sind 110 und 80 Meter hoch.   900 Bäume und 2000 Sträucher  wurden auf Balkone und Terrassen  an der Fassade gepflanzt.   

Singapur 
Kampung AdmiralityIm Norden Singapurs ist 2018 das  Wohnprojekt Kampung Admirality entstanden, geplant von DOHA Architects. Es beherbergt Gesundheitseinrichtungen, Gemeinschaftsräume und Wohnungen  und besteht architektonisch aus mehreren Lagen, wie ein Sandwich. Darum herum sind die Wohnungen angeordnet. Auf der untersten Ebene ist  ein Platz, darüber das medizinische Zentrum und oben ein Park. Eine  Fassadenseite ist  üppig begrünt und bewachsen.  

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