© Jack Hobhouse/Out of the Woods/Gestalten 2020

Wirtschaft Immobiz
11/01/2020

Auf Holz gebaut - vom Boom über den nachhaltigen Baustoff

Einer der ältesten Baustoffe erobert die moderne Architekturszene: Bauten aus Holz boomen

von Claudia Elmer

Natürlich, nachhaltig, nachwachsend: Seit Tausenden von Jahren bauen Menschen Häuser aus Holz. Heute wird der Baustoff immer mehr zu einer gefragten Alternative zu Stahl und Beton – nicht nur hierzulande, sondern in ganz Europa.

Etwa in Norwegen: Ebendort entstand in der Hafenstadt Stavanger das Generationenhaus „Vindmøllebakken“. Der Entwurf stammt vom norwegischen Architekturbüro Helen & Hard. Mit dem Bau wurde die Firma Saurer aus Höfen in Tirol beauftragt. Es beherbergt 40 Wohneinheiten sowie Gemeinschaftsflächen – und ist komplett aus Holz gebaut. Dafür wurde es dieser Tage mit dem norwegischen Staatspreises für Architektur belohnt.

Faszinierende Bauten aus Holz präsentiert auch der neue Bildband „Out of the Woods “ (Gestalten Verlag). Mithilfe von großformatigen Fotos, Zeichnungen und Essays werden mehr als 30 internationale Beispiele für moderne Holzarchitektur präsentiert. Sie geben Einblick in die Konzepte und Projekte von Architekten wie Norm Architects oder BIG und zeigen, wie das Ausgangsmaterial in verschiedenen Kulturen verwendet wird.

Auch die Vorarlberger Architekten Markus Innauer und Sven Matt sind vertreten: Haus Eller und Haus Höller zeigen, welch Möglichkeiten der ökologische Werkstoff bietet. Für die Architekten, die nachhaltig arbeiten wollen, ist die Herkunft der Rohstoffe und das Wissen, wie man damit baut, wichtig.

Haus Eller

Um die kleine Wohnfläche von 100 Quadratmetern zu erweitern, wurde der Außenraum des dreigeschoßigen „Berghaus Eller“ mit einer vorgehängten Balkonzone erweitert. Die Massivholzwände des kompakt organisierten Einfamilienhauses wurden traditionell über Schwalbenschwanzverbindungen zusammengefügt.

Haus Höller

Die steile Hanglage von "Haus Höller" führte dazu, dass das Untergeschoß mit Garage komplett ins Erdreich integriert wurde. Die Terrassenbereiche sind so organisiert, dass sie Teil des Hauses sind - so konnte der Wunsch nach Außenraum trotz der Lage am Steilhang realisiert werden. Der Wohnraum ist als Holzbau ausgeführt und befindet sich im Dachgeschoß: Er ist bis zum Giebel offen und von Dachbalken umspannt.   

„Unsere Arbeit zeichnet sich durch die intensive Auseinandersetzung mit der Landschaft, dem Ort und den  Bewohnern aus“, sagt  Sven Matt. „Ziel ist es, eine atmosphärische Qualität  zu schaffen, die über den reinen Nutzen hinaus geht.“

Holzbau boomt

Der moderne Holzbau hat in den vergangenen 20 Jahren europaweit rasant an Boden gewonnen. Neue Technologien und Werkstoffe sorgen für ein kontinuierliches Anwachsen des Trends in allen Bausektoren, ob Wohnbau, öffentlicher oder gewerblicher Bau. Bäume sind aktive Klimaschützer und selbst verbautes Holz dient weiter als Kohlenstoffspeicher. Doch nicht nur ökologische Aspekte sprechen für den Baustoff, sondern auch bautechnische Vorteile.

Matt: „In Vorfertigungsmethoden steckt viel Potenzial. Man muss zwar in die Planungsphase mehr Zeit investieren, da die Vorfertigung mitgeplant werden muss. Aber dann kann schnell gebaut und hohe Qualität gewährleistet werden. Moderne Techniken lassen zudem traditionelle Zimmermannsverbindungen wieder aufleben. Was früher aufwändig in Handarbeit gemacht wurde, kann heute mit der CNC-Fräse hergestellt werden.“

„Freebooter“

„Freebooter“  ist ein Wohnbau von  GG-Loop  in Amsterdam.

„Freebooter“

Jedes Appartement verfügt über zwei Ebenen, Ausschnitte in den mit Kiefernholz verkleideten Wänden sollen an  das Innere einer Schiffskabine erinnern 

„The Rye Apartments“

„The Rye Apartments“ umfasst zehn Einheiten über zwei Gebäude und wurden vom Architekturbüro Tikari Works geplant.

„The Rye Apartments“

Es wurde mit minimalem Einsatz von Material, Energie und Kosten im Süden Londons errichtet 

Unter Einbezug aller Faktoren kostet ein Holzbau etwa genauso viel wie ein vergleichbares gemauertes oder betoniertes Haus. Matt: „Durch den hohen Grad der Vorfertigung wird der Arbeitseinsatz auf der Baustelle stark reduziert – das senkt die Kosten.“

Holz hat auch für die Bewohner viele positive Eigenschaften: Es riecht gut und fühlt sich gut an. Die ausgleichende Wirkung des Materials sorgt für eine besondere Raumatmosphäre. Es nimmt Schadstoffe aus der Raumluft auf, verfügt über gute feuchteregulierende Eigenschaften und kann Temperaturschwankungen mühelos ausgleichen. Nicht zuletzt lässt die Behaglichkeit des Holzes rasch zur Ruhe kommen.

„Casa X“

 Branch Studio Architects  verliehen  dem Retreat „Casa X“ (Melbourne) mit verschiedenen Holzarten ein stimmungsvolles Interieur.

„Casa X“

Die Fassade  ist mit geflecktem Eukalyptusholz verkleidet und soll natürlich altern 

Somit trägt ein Holzhaus mehrfach zum Klimaschutz bei: Der Baustoff ist in Österreich ausreichend vorhanden, wächst im Wald nach und ersetzt endliche Rohstoffe. Am Ende produziert es keinen Abfall, weil es wiederverwertet oder -neutral verbrannt werden kann.

KURIER: Holz ist der bedeutendste Rohstoff Österreichs, jährlich wachsen rund 30 Millionen Kubikmeter nach. Wieviel wird davon verbaut? 
Georg Binder: „Wir ernten derzeit rund 26 Millionen Kubikmeter des jährlichen Zuwachses. Das heißt, es wachsen 4 Millionen Kubikmeter mehr Holz nach, als wir nutzen. Würden wir alle 30 Millionen Kubikmeter verbauen, ergäbe das rund 750.000 Einfamilienhäuser im Jahr bzw. über 2000 Häuser pro Tag.“

Der Holzbauanteil liegt aktuell bei 24 Prozent  der  gesamt errichteten Nutzfläche. Auf welche Gebäudesektoren verteilt sich das?  
„53 Prozent werden im Wohnbau, im privaten wie im geförderten, realisiert. Im öffentlichen Bau beträgt der Nutzflächenanteil 7 Prozent. 11 Prozent sind  Gewerbebauten, 29 Prozent landwirtschaftliche Zweckbauten.“

In welchen Bereichen kann der Anteil noch gesteigert werden? 
„Im öffentlichen Bau beobachten wir eine sehr positive Entwicklung. Im städtischen Bereich, vor allem in Wien, könnte der Anteil gesteigert werden. Im Verdichten, also dem Aus-, Um-, und Aufbau bestehender Gebäude, liegt das größte Potenzial. Einerseits wegen der Bodenversiegelung: Pro Tag werden 13 Hektar Bodenfläche versiegelt. Das können wir uns auf Dauer nicht leisten. Andererseits wegen der bauphysikalischen Eigenschaften. Das geringe Gewicht von Holz bringt statische Vorteile. Der hohe Vorfertigungsgrad verlagert das Bauen von der Baustelle in die Werkstatt und ermöglicht so ein schnelles und störungsarmes Bauen – ein wichtiger Faktor bei Arbeiten an bereits bewohnten Gebäuden in dicht besiedelten Gebieten.“

Welche Rolle spielt die Wirtschaftlichkeit? 
„Man hört nach wie vor oft, dass der Holzbau teurer ist. Aber wenn man von Anfang an in Holz plant und mit den richtigen Fachleuten zusammenarbeitet, ist die Holzbauweise voll wettbewerbsfähig mit anderen Bauweisen. Teuer wird es, wenn zuerst in Beton geplant und dann umgeschwenkt wird.“

Holz ist ein brennbares Material. Wie steht es um den Feuerschutz?
„Ausschlaggebend ist nicht die Brennbarkeit, sondern  das Brandverhalten. Es besagt, wie lange ein Bauteil bei Feuer standfest bleibt bzw. wie lange es dauert, bis Feuer und Rauch durchdringen. Bei Holz beträgt der Abbrand pro Minute 0,7 Millimeter. So kann exakt berechnet werden, wie dick ein Holzbauteil dimensioniert sein muss, um bestimmten Feuerwiderstandsklassen zu entsprechen. Zudem ist die Todesursache bei Brandfällen das giftige Rauchgas, welches vor allem durch den Abbrand von nicht natürlichen Materialien in Böden, Vorhängen, Teppichen, Möbeln und Lampen entsteht.“ 

Inwiefern trägt ein Haus aus Holz zum Klimaschutz bei?
„Ein Einfamilienhaus, in dem 40 Kubikmeter Holz stecken, bindet 40 Tonnen. Das entspricht einem Co2-Ausstoß eines Pkw in 26 Jahren. Den größten Beitrag zum Klimaschutz leistet Holz, indem es endliche Rohstoffe sowie daraus erzeugte Materialien wie Beton, Ziegel oder Stahl ersetzt. Die „CareforParis“-Studie von BOKU Wien und Umweltbundesamt zeigte: Die Menge des aktuell stofflich genutzten heimischen Holzes in Österreich vermeidet durch den Substitutionseffekt 8 Millionen Tonnen. Das entspricht 10 Prozent der gesamten jährlichen Treibhausgasemissionen Österreichs oder in etwa dem jährlichen Co2-Ausstoß aller zugelassenen Pkw in Österreich.“ 

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