IHS-Chef Martin Kocher

© Kurier/Juerg Christandl

Wirtschaft
11/22/2020

IHS-Chef sieht "politischen Verteilungskonflikt" nach Pandemie

Ökonom Martin Kocher fürchtet Deflation mehr als Inflation. Sein Nachkrisen-Rezept: Sparen und "Herauswachsen" aus den Schulden.

von Michael Bachner

Der KURIER sprach mit Wirtschaftsforscher und IHS-Chef Martin Kocher über "richtige" Schulden, nötige Reformen und die Angst vor der Hyperinflation.

KURIER: Deutschlands Finanzminister Scholz sagt, er könne sich vorstellen, noch viel mehr Schulden zu machen. Entscheidend sei, das Geld für Zukunftsinvestitionen, für neues Wachstum auszugeben. Richtig?

Martin Kocher: Aufgrund der geringen Zinsen, die wir auf die Staatsschuld zahlen, haben wir viel mehr Spielraum als vor 20 Jahren. Und es stimmt, wenn diese Verschuldung aufgenommen wird, um langfristige Investitionen in die Zukunft, in die Infrastruktur, in die Digitalisierung, in die Bekämpfung des Klimawandels zu tätigen, dann hat man möglicherweise auch mit höheren Schulden kein Problem.

Österreichs Schuldenstand steigt 2021 in Richtung 350 Milliarden Euro. Ist das nicht eine bedrohliche Entwicklung?

Das ist kurzfristig für Österreich nicht bedrohlich, weil wir ein guter Schuldner sind. Wir können uns zu günstigen Zinsen verschulden. Die Schuldpapiere Österreichs werden auch gerne gekauft. Das Problem ist die langfristige Komponente. Die Schulden, die wir jetzt machen, um die Krise zu bekämpfen: Dieses Geld kann nicht noch einmal ausgegeben werden für Zukunftsinvestitionen. Die Balance zu finden, zwischen der Notwendigkeit die Wirtschaft zu retten und gleichzeitig die Zukunftsfähigkeit des Landes zu stärken, das ist die schwierige Aufgabe, vor der die Politik jetzt steht.

Es gibt zwei Szenarien: Mit hohem Wachstum und Nulldefiziten jedes Jahr dauert es bis 2027, bis wir wieder auf einem Schuldenstand von 70 Prozent sind. Mit Defiziten von drei Prozent dauert es bis 2047.

Aus der Finanzkrise wissen wir, dass es ungefähr zehn Jahre dauert, bis man wieder vom Schuldenberg herunten ist. Das wird auch für die Pandemie ein gutes Maß sein, nachdem was wir jetzt wissen. Aber das ist nicht so entscheidend. Entscheidend wird sein, dass wir die Wachstumskräfte neu entfalten können. Und das wir eben ’automatisch’ durch höheres Wachstum von den Schulden runter kommen können. Wir machen das ja nicht aus Selbstzweck, sondern um für die nächste Krise gerüstet zu sein. Sie kommt bestimmt, wir wissen nur noch nicht wo und wann.

In der Finanzkrise hat es bei Ländern wie Griechenland immer geheißen, ab 80, 90 Prozent Schuldenstand wird es für ein Land gefährlich. Da fallen die Ratings, die Staatsanleihen sind nur noch zu horrend hohen Zinsen zu verkaufen etc. Österreich ist jetzt auch schon dort ...

Das Umfeld ist jetzt ein anderes. Wir haben jetzt viel niedrigere Zinsen als damals, als die Finanzkrise zugeschlagen hat. Aber ja, es gibt einen schleichenden Prozess und da muss man aufpassen. Ein Staat kann relativ rasch in eine gefährliche Situation kommen. Das haben wir seinerzeit bei Griechenland gesehen. Solange die Zinsen niedrig sind, gibt es keine Probleme. Aber wenn wir über sehr lange Zeiträume reden, 2030, 2040 oder länger, bis dahin können die Zinsen steigen und wir müssen uns darauf vorbereiten, dass es möglicherweise Veränderungen im Makro-Umfeld gibt.

Welche Reformen, die auch Geld bringen, würden Sie der Politik jetzt empfehlen?

Da gibt es einen Kanon an Dingen, die wir immer wieder einmahnen. Letztlich müssen wir die Bereiche in den Griff bekommen, in denen die Kosten besonders dynamisch steigen. Das betrifft vor allem die Ausgaben im Zusammenhang mit der Alterung der Gesellschaft, also Gesundheit, Pflege, Pensionen. Aber auch bei den Förderungen und im Föderalismus gibt es etliche teure Ineffizienzen. Das wird ein politischer Verteilungskonflikt werden, weil viele verschiedene Interessen berührt sind.

Das klingt nach ein paar heftigen Sparpaketen in den nächsten Jahren.

Nicht heftig im Sinne, dass das alles in ganz kurzer Zeit passieren muss. Aber es braucht wichtige, heftige Entscheidungen, um mittelfristig Klarheit für diese dynamischen Ausgabenbereiche zu bekommen, sagen wir bis 2030. Dann kann man sich daran anhalten und dann sind die politischen Herausforderungen auch nicht allzu groß.

Was sagen sie zu Ängsten, dass wir wieder Hyperinflation bekommen könnten? Also eine Geldentwertung wie zwischen den Weltkriegen ...

Unsicherheiten führen zu Ängsten und oft sind diese Ängste irrational. Tatsächlich sehe ich im Moment keine Inflationsgefahr für die nächsten Jahre und man muss wissen, dass es für die Geldpolitik auch viel leichter ist, Inflation zu verhindern als Deflation. Ich halte Deflation für gefährlicher als Inflation.

Unter Deflation versteht man sinkende Preise aufgrund massiver Nachfrageschwäche. Die Wirtschaft käme über einen langen Zeitraum nicht vom Fleck, die Arbeitslosigkeit bliebe hoch.

Ja, genau. Ich glaube nicht, dass diese Gefahr derzeit allzu groß ist, wir gehen ja von einer kräftigen wirtschaftlichen Erholung nach der Corona-Pandemie aus. Aber eine mögliche Phase der Deflation ist doch wahrscheinlicher als die Hyperinflation. Historisch haben wir in Japan so eine Deflationsphase erlebt. Da war vom verlorenen japanischen Jahrzehnt die Rede.

Wird es Staatspleiten in Europa geben?

In Europa können in einer Krise immer auch Dinge beschlossen werden, die man davor ausgeschlossen hat. Wenn Länder wie Frankreich oder Italien in Schwierigkeiten kämen, würde man sicher Lösungen finden. Es wäre freilich viel besser, sich schon vorher strukturelle Lösungen zu überlegen. Schließlich sind wir alle gemeinsam in einer Währungsunion. miba

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