© Ö. Hagelversicherung

Wirtschaft
06/25/2020

"Ich habe das Klimavolksbegehren schon unterschrieben"

Kurt Weinberger, Chef der Hagelversicherung, warnt davor, dass Österreich bei Lebensmitteln schon viel zu sehr vom Ausland abhängt

von Wolfgang Unterhuber, Andreas Anzenberger

Die Hagelversicherung bemüht sich nicht nur um mehr Sicherheit für die Bauern, sondern auch um  mehr Verständnis in der Öffentlichkeit für Themen wie den Klimaschutz. Vorstandsvorsitzender Kurt Weinberger engagiert sich seit 20 Jahren gegen die zunehmende Bodenversiegelung und für eine neue Raumordnung.

KURIER: Haben Sie schon das Klimavolksbegehren unterschrieben?

Kurt Weinberger: Ja. Wer, wenn nicht ich? Ich beschäftige mich seit über 20 Jahren mit dem Klimaschutz. Das ist so, als würde ein Feuerwehrmann ein brennendes Haus nicht löschen.

Was bedeutet der Klimawandel langfristig für die Landwirtschaft?

Klimawandel bedeutet die Zunahme von Wetterextremereignissen. Es wird heißer und es gibt auch durch die Verdampfung  mehr Niederschläge.

Was soll  der Waldbesitzer machen, wenn der Borkenkäfer das Holz frisst, oder was der Getreidebauer bei anhaltender Trockenheit?

Für die Forstwirte ist das ein finanzielles Desaster.  Die Schäden sind nicht abwendbar und auch nicht versicherbar. In der Landwirtschaft sind Maßnahmen nur sehr begrenzt möglich, bei Dürre zum Beispiel ein geänderter Anbau. Aber auch die Wissenschaft ist gefordert bei der Forschung hitzeresistenter Pflanzen, da Bewässerung nur sehr begrenzt möglich ist.

Und bei Hagel?

Hagelnetze sind bei Spezialkulturen eine sinnvolle Investition. Weil die Vegetationsperiode früher beginnt, ist die Anfälligkeit für Frostschäden deutlich größer. Das Problem ist aber nur teilweise durch die Landwirtschaft lösbar. Wenn wir uns nicht klar zur Aufrechterhaltung der Landwirtschaft bekennen und es sich für die Bauern nicht mehr rentiert, gefährden wir die Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln. Bei Getreide ist der Selbstversorgungsgrad nur mehr  80 Prozent, bei Obst und Gemüse sind es  50 Prozent und bei Soja und Futtermitteln  nur mehr 30 Prozent.

++ THEMENBILD ++ TROCKENHEIT / DÜRRE / LANDWIRTSCHAFT

Die Auszahlungen der Hagelversicherung sind in den vergangenen Jahren gestiegen. Steigt auch die Zahl der Bauern, die eine Versicherung abschließen?

Ja. Es gibt einen klaren Trend zu mehr Versicherungsschutz. Die Nachfrage ist deutlich gestiegen. Die Schäden werden mehr und die Eigenkapitaldecke der landwirtschaftlichen Betriebe immer dünner.  Die Dürreversicherung gibt es seit mehr als 10 Jahren. Wir sind dabei führend in Europa.  Aktuell sind im Ackerbau etwa 70 Prozent der Flächen gegen Dürre versichert. Beim Weinbau  sind   50 bis 60 Prozent der Flächen gegen  Frost versichert und  gegen  Hagelschäden sind 85  Prozent der Flächen versichert.

Wie hoch ist der Selbstbehalt bei den jeweiligen Versicherungen?

Im Schnitt sind es beim Hagel 10 Prozent, bei Dürre 30 bis 40 Prozent.

Werden Sie die Versicherungsprämien anheben müssen?

Unsere Strategie ist, die Prämien nicht zu erhöhen, sondern durch neue Versicherungsprodukte einen besseren Risikoausgleich zu bekommen. Wir sind heute, neben Österreich, auch in Ungarn, Slowakei, Tschechien, Slowenien und Rumänien tätig. Auch das sorgt für einen Risikoausgleich.

Derzeit beträgt der staatliche Zuschuss zur Versicherungsprämie 55 Prozent. Sind Änderungen geplant?

Das ist eine politische Frage. Der Fördersatz mit 55 Prozent ist aber vertretbar. Österreich ist auch damit führend in Europa.

Wird der Versicherungsschutz ausgebaut?

Es gibt immer wieder neue Produkte. Wir bieten heute bereits über 10 unterschiedliche Risiko-Versicherungen an. Vom Hagel bis zum Schädlingsbefall. Wir haben die umfassendste Produktpalette Europas.

Warum weiß die Hagelversicherung schon drei Stunden nach einem Unwetter, wie hoch der Schaden ist?

Durch einen Vergleich der Daten. Die Landwirte melden das Unwetter unmittelbar. Wir können dann anhand der Wetterdaten, der Größe der betroffenen Fläche, der Versicherungshöhe und dem Wachstumsgrad der Pflanzen, den Schaden mittels eines entwickelten IT-Programms rasch beziffern.

Wir treffsicher sind diese Angaben?

Diese Erst-Schätzungen weichen nur fünf bis zehn Prozent von der endgültigen Schadenssumme ab.

Sie warnen seit Jahren davor, dass unser Land zubetoniert und zu-asphaltiert wird. Das regt dann die Wirtschaft auf. Aber eigentlich müssten Sie doch die Bürgermeister kritisieren, oder?

Der Bodenverbrauch ist für mich das brennendste Problem, das wir im Land haben. Täglich werden 13 Hektar neu versiegelt. Obwohl die Politik schon seit dem Regierungsprogramm von 2002 die tägliche Versiegelung auf 2,5 Hektar begrenzen wollte.

Die Bürgermeister….?

Die Gemeinden stehen untereinander im Standortwettbewerb. Das fördert das Kirchturmdenken, weil jede Gemeinde ihr eigenes Einkaufszentrum am Stadtrand haben will.  Ich sehe das so: Wir werden die wertvolle Ressource Boden jeden Tag weiterhin in diesem Ausmaß zerstören, wenn wir nicht den Mut haben, die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu ändern. Da muss man nichts Neues erfinden. Blicken Sie nur nach Bayern.

Warum Bayern?

Man kann mit freiem Auge erkennen, dass es dort keine Zersiedelung gibt. Warum? Weil in Bayern die Raumordnung keine Sache der Gemeinden, sondern der sogenannten Kreisebene ist, was in etwa unseren Bezirken entspricht.

Also den Gemeinden die Raumordnung wegnehmen?

 Ich sage es so: Wir müssen von der Raum-Unordnung zu einer tatsächlichen Raumordnung kommen. Konkret: Die Genehmigung von Flächenwidmungsabänderungen muss viel stärker und strenger auf Landesebene vollzogen werden. Dazu wäre aber eine stärkere Koordinierungskompetenz des Bundes gegenüber der Länder und Gemeinden notwendig.

Die Bundespolitik ist also gefragt?

Ja.

 

Aber ohne Einkaufszentren und Gewerbeparks am Stadtrand würden viele Gemeinden bei der Kommunalsteuer durch die Finger schauen.

Das ist ein weiterer Aspekt der Zersiedelung und des Bodenverbrauchs. Die Kommunalsteuer steuert völlig falsch. Sie gehört auf Landesebene und sollte im Zuge des Finanzausgleichs nach den entsprechenden Parametern auf die Gemeinden verteilt werden.

Da würden die Bürgermeister aber eine Freud’ haben. Glauben Sie also ernsthaft, dass die Politik da jemals etwas ändern wird?

Schauen Sie: Ich zeige das Problem nur auf. Wenn wir beim Bodenverbrauch nicht radikal umdenken, gefährden wir die Zukunft der nächsten Generationen. Ein Land mit immer weniger Boden ist wie ein Mensch mit immer weniger Haut – also nicht überlebensfähig.

Haben Sie Verbündete?

Maßgebliche Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft unterstützen uns. Und jede Umfrage zeigt: vier von fünf Österreicher lehnen den Bodenverbrauch und die Zersiedelung ab.

Jetzt bräuchten Sie nur noch die Regierung.

Das Ziel, den täglichen Bodenverbrauch auf 2,5 Hektar zu minimieren, steht ja auch im jetzigen Regierungsprogramm.

Letzte Frage: Wo machen Sie heuer Urlaub?

Bei mir zu Hause in Oberösterreich.

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