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Wegen Hitze immer gefragter: Zu Besuch in der Fernkältezentrale

Fernkälte versorgt bereits Parlament, Spitäler und Unis. Der KURIER erhielt Zugang zur neuesten Anlage, in der auch „Wiens größter Eiswürfel“ steht.
Rohr mit Aufschrift Kaltwasser in einer Fernkältezentrale von Wien Energie.

Wenn man von 35 Grad Außentemperatur an einen wirklich kühlen Ort kommt, fühlt man sich sofort ein wenig wohler. Um Innenräume zu kühlen, kann man an manchen Orten auf so genannte Fernkälte zurückgreifen. Dabei wird an einem zentralen Ort Kälte erzeugt und an Gebäude in der Umgebung geliefert. Das Prinzip findet immer größere Verbreitung, ist aber noch an wenigen Orten in Österreich verfügbar. Wien Energie betreibt das bundesweit größte Fernkältenetz. Im 9. Wiener Gemeindebezirk steht die neueste von mehreren Fernkältezentralen im Stadtgebiet. Der KURIER durfte einen Blick darauf werfen.

10 Meter unter Straßenniveau

In der Mariannengasse entsteht ein neuer Campus der Medizinischen Universität Wien, der ab 2027 rund 750 Beschäftigte und 2.000 Studenten beherbergen soll. Darunter versteckt sich die Fernkältezentrale, die bereits seit vergangenem Jahr in Betrieb ist. Steigt man die Stiegen hinab, wird es bereits spürbar kühler. Das liege weniger an den Maschinen, sondern an der normalen Temperatur im Untergrund, sagt Thomas Prand, der Leiter des Projekts bei Wien Energie.

Weitwinkel-Aufnahme von der Fernkältezentrale MedUni Campus von Wien Energie.

Beton, viele Rohre, Ventile und große Maschinen: So sieht es in der Fernkältezentrale MedUni Campus von Wien Energie aus.

1.000 Mal so stark wie eine Klimaanlage

Durch eine Türe betritt man einen weitläufigen Raum, der von Sichtbeton und dicken schwarzen Rohren geprägt ist. Außerdem stehen große Maschinen darin. Sie entziehen Wasser auf verschiedene Arten Temperatur und kühlen es dadurch auf 7 Grad ab. Die leistungsstärkste ist eine so genannte Turbokältemaschine. Darin wird ein Kältemittel verdichtet, wodurch durchfließendes Wasser Wärme verliert - wie in einem Kühlschrank oder in einer Klimaanlage, nur 1.000 Mal so stark. 

Die Maschine wird mit Ökostrom betrieben. Ihr sollen künftig zwei weitere Modelle folgen. Der Platz dafür ist vorhanden, ebenso eine Deckenverkleidung, die bei Bedarf entfernt werden kann. Nur so bekommt man die tonnenschweren Teile an ihren Arbeitsplatz.

Die Absorptionskältemaschine wandelt Fernwärme in Fernkälte um.

Die Absorptionskältemaschine wandelt Fernwärme in Fernkälte um.

Fernwärme erzeugt Kälte

Bei einer weiteren klobigen Struktur wenige Meter weiter handelt es sich um eine Absorptionskältemaschine. Ihr Antrieb ist heißes Wasser, das von der Müllverbrennungsanlage Spittelau kommt. Das heiße Wasser fließt in Kammern mit sehr geringem Druck. Mit Hilfe des Salzes Lithiumbromid wird Wärme entzogen und der Kühlwasserkreislauf auf tiefere Temperaturen gebracht. Dabei entsteht auch Abwärme, die zum Heizen des Campus genutzt wird.

Eisspeicher wird auf minus 6 Grad abgekühlt

In einem zweiten großen Bereich des Kellers steht etwas, das Projektleiter Prand als die eigentliche Besonderheit dieser spezifischen Fernkältezentrale bezeichnet. Es ist eine riesige Wärmepumpe, die prinzipiell ebenfalls eine Kompressionskältemaschine ist. Sie wird allerdings dafür eingesetzt, den „größten Eiswürfel Wiens“ zu erzeugen. Gegenüber der Maschine befindet sich der erste Eisspeicher von Wien Energie, ein großes Wasserbecken, dessen Temperatur auf bis zu minus 6 Grad Celsius abgesenkt wird. Bei Bedarf kann die Kälte wieder an den Kühlkreislauf abgegeben werden.

Sieht wie ein riesiger Container aus, aber drinnen ist es bitter kalt: Der Eisspeicher der Fernkältezentrale MedUni Campus von Wien Energie.

Sieht wie ein riesiger Container aus, aber drinnen ist es bitter kalt: Der Eisspeicher der Fernkältezentrale MedUni Campus von Wien Energie.

Kühlen im Ronacher auch im Winter notwendig

Im Sommer ist es üblicherweise die Zeit zwischen 11 und 16 Uhr, in der der größte Leistungsbedarf herrscht. Fernkältekunden benötigen die Versorgung mit kaltem Wasser aber laut Wien Energie nicht nur im Sommer, sondern das ganze Jahr über. Gewerbe, Krankenhäuser und große öffentliche Gebäude sind die Hauptabnehmer. In Wien werden etwa das Parlament, das Rathaus oder die Hauptuniversität am Ring beliefert. Aber auch große neue oder kernsanierte Wohngebäude erhalten Fernkälte, etwa im Nordbahnviertel. 

Auch das Theater Ronacher wird mit Fernkälte gekühlt. Aber wie sieht es im Winter aus? Tagsüber werde dann freilich hauptsächlich geheizt, erklärt Prand. Aber wenn sich bei Vorstellungen an die 1.000 Besucher im Saal befinden, werde auch Kühlung gebraucht. „So viele Personen mit 36 Grad Körpertemperatur erzeugen enorm viel Wärme.“

Private Nutzer, etwa Einfamilienhausbesitzer, können noch keinen Anschluss an das Fernkältenetz erhalten. Das Fernwärmenetz wird separat dazu betrieben.

Thomas Prand, Projektleiter der Fernkältezentrale MedUni Campus von Wien Energie.

Thomas Prand, Projektleiter der Fernkältezentrale MedUni Campus von Wien Energie.

Inseln könnten zusammenwachsen

Das Wiener Fernkältenetz sieht derzeit noch sehr zerstückelt aus. Im Zentrum der Stadt entstehe ein immer größer werdendes „Spinnennetz“, sagt Prand. Acht Fernkältezentralen bedienen ein gemeinsames Rohrsystem. Daneben existieren innerhalb Wiens aber noch 17 Fernkältesysteme in Insellagen. Eine große existiert etwa um den Hauptbahnhof. Alle werden von der Betriebsführungszentrale in der Spittelau gesteuert. Es sei möglich, dass die Inseln mit dem innerstädtischen Netz zusammenwachsen, die Verbindungen werden aber nur erweitert, wenn es Abnehmer für das kalte Wasser gibt.

Verrechnet wird die Fernkälte ähnlich wie Fernwärme, mittels Zählern bei Kunden. Laut Wien Energie seien die Betriebskosten vergleichbar mit herkömmlichen Klimatisierungslösungen. Das Interesse, an das Netz angeschlossen zu werden, sei groß. Die Vorteile: Man erspart sich dadurch die Anschaffung und den Betrieb eigener Kältemaschinen. Man benötigt aber ein Verteilsystem im Gebäude, weshalb viele ältere Gebäude erst nach umfassender Sanierung versorgt werden könnten.

Fernkältenetze entstehen österreichweit

Das Wiener Netz besteht derzeit aus rund 33 Kilometer Rohrleitungen, das sind ungefähr drei Viertel aller heimischen Fernkältenetze. In Linz und St. Pölten gibt es ebenfalls Fernkältenetze. Auch darüber hinaus gibt es Fernkältezentralen, die Nachbarn versorgen, etwa in Graz, Mödling, Baden oder Mistelbach. Oft sind es Krankenhäuser, die dabei den Ausgangspunkt bilden. Der Klimawandel helfe dem Fernkältegeschäft, sagt Prand. „Bei hohen Temperaturen, Tropennächten und Hitzeinseln in Städten steigt der Bedarf.“

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