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Wirtschaft
08/08/2021

Hagelschäden erreichen heuer einen Rekordwert

Bei der Hagelversicherung wurden bisher allein 110 Millionen Euro an Hagelschäden gemeldet. Gesamtschadenssumme bisher: 215 Millionen Euro.

von Anita Kiefer, Marlene Penz, Markus Grill, Wolfgang Atzenhofer

Starke Gewitter. Sturm. Hagel. Überschwemmungen. Dürre. Frost. Die Wetterkapriolen haben es in sich – und damit auch die Schäden, die Einzelpersonen sowie Landwirtinnen und Landwirte hinnehmen müssen.

2021 könnte man in Österreich auf ein neues Rekordhoch zuzusteuern. Allein bis zum 4. August verzeichnete die Österreichische Hagelversicherung eine Gesamtschadenssumme verursacht durch Dürre, Hagel, Frost, Sturm und Überschwemmung in Höhe von 215 Millionen Euro. In den schadensmäßig stärksten vergangenen Jahren – 2016 und 2018 – lag die Gesamt-Jahres-Schadenssumme bei jeweils 270 Millionen Euro.

Oberösterreich hauptbetroffen

Die Details für das bisherige Jahr 2021: Allein durch Hagel, Sturm und Überschwemmungen wurde heuer laut Hagelversicherung ein Schaden in Höhe von 110 Millionen Euro an landwirtschaftlichen Kulturen quer über alle Bundesländer hinweg verursacht. Von den schweren Hagelunwettern besonders betroffen waren die Bundesländer Oberösterreich (Gesamtschaden durch Hagel, Sturm und Überschwemmung: 51 Millionen Euro), Niederösterreich (26,6 Millionen Euro) und Steiermark (20,6 Millionen Euro).

Laut der Versicherung erreichen die Hagelschäden heuer „bereits jetzt einen Rekord“. Die Dürreschäden allein machen heuer 70 Millionen Euro aus, jene durch Frost 35 Millionen Euro.  Besonders betroffen war bei Letzterem die Steiermark: Allein in diesem Bundesland beträgt die Frost-Schadenssumme 23 Millionen Euro.

"Durchwachsene Erntebilanz"

Die Unwetterereignisse machen sich natürlich auch in den Erntebilanzen der landwirtschaftlichen Betriebe bemerkbar. Speziell in Oberösterreich – aber nicht nur dort – wurde eine vorerst „durchwachsene Erntebilanz“ gezogen, wie die dortige Landwirtschaftskammer erklärt. Auf einen trockenen Winter folgten ein kühles Frühjahr und ein nasser Sommer.

Etliche Anbauflächen mussten beispielsweise nach dem nasskalten Mai wieder neu angebaut werden. Und es heißt weiter zittern: Die Weizenernte ist in der Regel in wenigen Tagen im Juli abgeschlossen – heuer zieht sie sich über Wochen. Grund sind die Niederschläge, die die Ernte fast täglich unterbrechen.

Anstieg auch bei Allianz

Einen deutlichen Anstieg bei den Unwetterschäden verzeichnete etwa auch die Allianz Österreich. Hagel-, Sturm- und Überschwemmungsschäden wurden im ersten Halbjahr in Höhe von 70 Millionen Euro verzeichnet. Nach Angaben der Allianz Versicherung waren es im Vergleichszeitraum des Vorjahres 20,5 Millionen Euro.

Hallein: Aufbruchstimmung nach Sturzflut

Nach dem verheerenden Hochwasser putzt sich die Stadt Hallein weiter heraus. Überall sind Arbeiter am Werk, um die zerstörten Innenräume von Wohnungen und Geschäften neu herzurichten. In den Gassen der Altstadt, den Bars und Gastgärten herrscht wieder reges Treiben. Experten des Landes und der Stadt sind derweil mit der Erhebung der Schäden beschäftigt, damit endlich Geld aus dem Katastrophenfonds fließen kann. Der  Schaden geht in die Millionen.

Die Spuren des Starkregens sind in Hallein noch sichtbar. Bei vielen Gebäuden sind Türen und Fenster geöffnet, zum Durchlüften. Aus vielen Stiegenhäusern dröhnen die Geräusche der Trockenmaschinen, an den Fassaden und in den Wiesen sind die Schlammrückstände noch sichtbar. Und trotzdem: In Hallein herrscht weiter Aufbruchstimmung nach der großen Sturzflut. Auf Plakaten steht „Hallein hält zusammen“. Die Cafés und Gastgärten am  Bayrhamerplatz sind gut gefüllt. Um die Ecke, am Florianiplatz, scheint der Alltag wieder zurückgekehrt zu sein.

Zerstörte Geschäfte

Genau dort, wo die Wassermassen  an jenem Samstagabend des 17. Juli Autos gegen den örtlichen Brunnen drückten und Inneneinrichtungen aus Geschäftslokalen spülten. Die Videos davon gingen um die Welt.

Genau dort steht auch Evelyn Moltinger vor ihrem Stoff-Geschäft „Fadenkunst“. „Die Ware blieb zum Glück verschont, aber das Geschäft wurde völlig zerstört“, erinnert sie sich. „Das“, so sagt sie, „haben wir nicht kommen sehen. Alles war auf die Salzach fixiert.“ Aber: „Ende September wollen wir wieder aufsperren“, bleibt sie zuversichtlich, versucht den Umsatz mit ihrem Onlineshop zu überbrücken. Und wartet wie gut 400 weitere Betroffene auf Geld aus dem Katastrophenfonds oder der Versicherung.

Langes Warten auf ein Dach

„Bevor das Dach nicht dicht ist, brauchen wir drinnen sowieso nicht anfangen“, erzählt Ewald Zeilinger am Freitag in Allensteig in Niederösterreich. Am 24. Juni wurde sein Haus in Allentsteig (Bezirk Zwettl) bei einem Hagelunwetter zerstört. Die Gemeinde wurde daraufhin –  ebenso wie Schrattenberg (Bezirk Mistelbach) – zum Katastrophengebiet erklärt, nachdem Ausläufer des Tornados in Tschechien auch hier durch teils tennisballgroße Hagelgeschosse schwere Schäden angerichtet haben.

Die Hälfte aller Dächer in der Waldviertler Gemeinde wurde beschädigt bzw. zerstört, viele sind noch immer lediglich provisorisch verschlossen. So auch das von Ewald Zeilinger: „Wir haben eine Folie am Dach. Jedes Mal, wenn es seitdem geregnet hat, sind wir im Dachboden gestanden und haben versucht, das Wasser einzufangen.“ Erst jetzt konnte mit der Sanierung angefangen werden.

Zu wenig Dachdecker

„Die Dachdecker aus der Region kommen einfach nicht nach“, bedauert Feuerwehrkommandant Franz Loidolt. Etwa 300 Dächer wurden bei dem Unwetter beschädigt. Loidolts Mannschaft müsse pro Woche fünf- bis sechsmal ausrücken, um Planen wieder zu richten.

Bei vielen Bewohnerinnen und Bewohnern lösen jedes Gewitter, stärkerer Wind  oder Regen erneut ein Zittern aus. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch im Weinviertel: Auch hier sind Fachkräfte und Ziegel Mangelware.

Aber selbst wenn das Dach bei Ewald und Erika Zeilinger repariert ist, kommt noch einiges auf das Ehepaar zu: „Dann müssen die Decke   und die Böden gemacht werden – hier ist alles kaputt“, sagt der  Pensionist. Mit dem Hagel kam auch ein starker Regenguss, bei Familie Zeilinger  schoss das Wasser  aus Deckenspots und  Steckdosen. Wie hoch die Schadenssumme ist, wissen sie noch nicht, man warte noch auf das Schreiben der Versicherung, erklärt Zeilinger erschöpft.

Angst vor jedem Gewitterregen

„Das wird uns noch das ganze Jahr beschäftigen.“ Bürgermeister Michael Hülmbauer aus Ferschnitz (NÖ) rechnet, dass die Arbeit der Schadenskommissionen in seiner Gemeinde erst in zwei Wochen abgeschlossen sein werden. „Dann kann man eine Schadenssumme nennen. Fest steht, dass es so etwas bei uns noch nicht gegeben hat“, sagt Hülmbauer.

An dem denkwürdigen Wochenende um den 18. Juli sind in Ferschnitz und in den beiden Nachbargemeinden Euratsfeld und Neuhofen/Ybbs innerhalb von 26 Stunden bis zu  300 Liter Regen pro Quadratmeter niedergegangen. Die Auswirkungen waren katastrophal, sagt der Ortschef. Harmlose Gerinne, wie der Ochsenbach oder der Ferschnitzbach erreichten die Dimension von reißenden Flüssen und richteten verheerende Schäden an. Für alle drei Kommunen wurde Katastrophenalarm ausgelöst. „Es werden bei uns wohl an die 200 Häuser betroffen sein, 40 bis 50 davon massiv“, schätzt  Hülmbauer vor dem Ende der Schadenserhebung. Zwei Familien können derzeit nicht in ihren Häusern leben. „Allgemein kommt jetzt die Angst bei jedem Gewitterregen“ erzählt der Bürgermeister. In der Landgemeinde ist man froh, dass trotz dramatischer Situationen nicht auch noch Menschen zu Schaden gekommen sind. Die Leute zeigen auch Geduld bis Katastrophenhilfsmittel fließen.

Große Baustellen

„Land und Gebietsbauamt haben wirklich rasch Experten für die Schadensaufnahme geschickt“, sagt Hülmbauer. Dort, wo es bei Straßen und Brücken Gefahrenstellen gab,  hat die Straßenmeisterei schon Reparaturen vorgenommen. Eine Großbaustelle hat sich bei Knötzling aufgetan, wo ein regelrechter Krater aufgerissen und eine Brücke weggeschwemmt wurde. An einer Nebenstraße nach Euratsfeld, die auf einem Abschnitt komplett weg ist, wird noch gar nicht gearbeitet.
 

 

 

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