Wirtschaft
26.01.2017

Gewinner und Verlierer: Wen die Globalisierung reich macht

Profitiert hat Asiens Mittelschicht, Niedrigverdiener in den USA und Europa hatten wenig davon.

Ist die Globalisierung gut oder böse? Oder präziser: Wem hat sie genützt? Der frühere Weltbank-Chefökonom Branko Milanovic kann das nicht nur beantworten, sondern hieb- und stichfest belegen. Seine Methode ist simpel, aber aufwendig: Er hat Einkommensdaten aus 120 Ländern gesammelt und geschaut, wer wie viel mehr verdient als vor 23 Jahren.

Das Ergebnis ist jene mittlerweile berühmte Kurve, die wegen ihrer Umrisse gerne als "Elefanten-Chart" bezeichnet wird (siehe Grafik). Sie zeigt diese Einkommenszuwächse, von den Ärmsten der Welt links bis zu den Superreichen ganz rechts.

Die Gewinner

Der große Buckel in der Mitte hängt mit Chinas rasantem Aufstieg zusammen. Am meisten profitiert hat von der Hochphase der Globalisierung zwischen 1988 und 2011 nämlich eine neue Mittelschicht in Asien: Ihre Einkommen haben um fast 120 Prozent zugelegt.

Die Überflieger

Ebenfalls auf die Butterseite gefallen sind die reichsten ein Prozent der Welt. Ihre Einkommen sind etwa um die Hälfte gewachsen (die Rüsselspitze). Und das ist noch untertrieben: Für die Superreichen gibt es nämlich schlechte Daten. Und ohne den Börsencrash 2008/’09 wäre das Einkommensplus noch deutlich größer.

Die Verlierer

Zu den Verlierern zählen zwei Gruppen: die ärmsten zehn Prozent der Weltbevölkerung. Sie stehen nur wenig besser da als vor drei Jahrzehnten (der Elefantenschwanz ganz links). Und nahezu stagniert haben die Einkommen der unteren Mittelschicht in den USA und Europa (der Rüsselansatz halbrechts). Zur Veranschaulichung: Dazu zählen etwa vierköpfige Familien mit ungefähr 1500 bis 3000 Dollar Haushaltseinkommen.

Warum aber waren die Gewinne so ungleich verteilt? "Es gibt drei Schuldige", sagte der serbisch-amerikanische Ökonom in der Arbeiterkammer Wien: "Die Globalisierung wegen der Verlagerung von Jobs. Den Technologiewandel, der die gut Ausgebildeten bevorzugt. Und die Politik, die die Steuern für Spitzenverdiener und auf Kapitaleinkünfte gesenkt hat." Er erinnert, dass Reagan 1981 mit der Forderung angetreten war, die Kapitalsteuern auf das Niveau der Lohnsteuern zu senken. Heute lägen sie in den USA bei einem Drittel der höchsten Lohnsteuersätze.

Trump agiert "chaotisch"

Das erklärt den Zorn vieler US-Arbeiter (und Trump-Wähler) über Freihandelsverträge, auf China und Mexiko: Ihren Geldbörsen hat die Globalisierung nichts gebracht. Den Polit-Eliten in Washington, den Filmstars in L.A. oder IT-Nerds im Silicon Valley schon. Aber kann Trump mit einer "America First"-Politik diese negativen Folgen ausgleichen?

Milanovic bezweifelt das: "Mein Eindruck ist, dass die Maßnahmen eher chaotisch als durchdacht sind", sagte er auf die KURIER-Frage. Mit Aktionen zur Abschottung gegen ausländische Importe sei immer nur einer kleinen Gruppe geholfen – nicht den US-Konsumenten oder der Volkswirtschaft als Ganzes. Und Strafaktionen gegen China kämen rasch als Bumerang zurück: "Der Druck auf Trump wird zunehmen, wenn darunter US-Firmen leiden, die dort viel Geld verdienen."

Gegen die wachsende Ungleichheit innerhalb der reichen Ländern könnte eine Erbschaftssteuer helfen, sagt Milanovic: So ließe sich verhindern, dass Armut vererbt wird. Vermögenssteuern dürften nur Spitzenverdiener treffen – bei der Besteuerung der Mittelschicht sei seinem Gefühl nach bereits die Grenze der Akzeptanz erreicht.

KURIER-Artikel "Das Ende extremer Armut wird greifbar"

Branko Milanović, geboren 1953, ist Wirtschaftswissenschaftler und zählt zu den weltweit angesehensten Experten auf dem Gebiet der Einkommensverteilung. Er war unter anderem leitender Ökonom der Forschungsabteilung der Weltbank. Zurzeit ist er Senior Scholar am Luxembourg Income Study Center und Visiting Presidential Professor an der City University of New York.

Buchtipp: Branko Milanovic: Die ungleiche Welt- Migration, das Eine Prozent und die Zukunft der Mittelschicht. Suhrkamp 2016, 312 Seiten, 25,70 Euro.

Branko Milanovic' Blog Globalinequality