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Wirtschaft
04/01/2019

Essensgutscheine: Zettelwirtschaft wegen unklarer Rechtslage

Sodexo und Edenred wollen in Österreich digitalisieren, können aber nicht. Gutscheinwert seit 1994 nicht inflationsangepasst.

von Hermann Sileitsch-Parzer

300.000 Arbeitnehmer in Österreich profitieren von einem „Zuckerl“. Sie erhalten von ihrem Betrieb Verpflegungsgutscheine, die steuerbefreit sind.

Konkret gibt es dabei zwei Varianten: Die in Österreich vielsagend als „Wurstsemmel-Erlass“ bekannten 1,10 Euro, die in Supermärkten eingelöst werden können. Oder Schecks über 4,40 Euro zum Einlösen in der Mittagspause in einem Restaurant oder Wirtshaus.

Beides darf nur einmal pro Arbeitstag ausgegeben werden. Der Betrieb muss also dafür Sorge tragen, dass Urlaubs-, Krankenstandstage oder Teilzeitarbeit zu keinem Missbrauch führen.

Beim Einlösen führt das zu einer nervigen Zettelwirtschaft, wenn der Supermarkt-Kassierer ein ganzes Bündel Bons abzählen muss.

Weltweit sei das kein Thema mehr, betonen die Marktführer. Bei Edenred werden 80 Prozent der Transaktionen digital abgewickelt, sagt Österreich-Geschäftsführerin Ursula Würzl.

98 Prozent via Papier

Bei Mitbewerber Sodexo laufen 71 Prozent der globalen Zahlvorgänge digital ab – in Österreich jedoch 98 Prozent über Papier, sagt Andreas Sticha, der Österreich-Chef des Gutscheinbereichs. Dabei ließen sich die Beträge über NFC-fähige Pre-Paid-Karten rasch abrechnen.

Woran scheitert es dann? An der Rechtsunsicherheit. „Soeben hat ein großer Geschäftspartner, der auf Karte umstellen wollte, angefragt: Bitte geben Sie uns schriftlich, dass wir bei der Steuerprüfung kein Problem haben werden“, so Würzl. „Diese Garantie können wir ohne rechtliche Klarstellung aber nicht geben.“

Einkommensteuergesetz und Lohnsteuerrichtlinien geben keine klare Auskunft, ob ein Kumulieren zulässig ist, wie es für eine Karte nötig wäre. Sodexo und Edenred schlagen vor, dass 25 Euro pro Tag eingelöst werden dürften. „Eine Hochzeitsfeier können sie so nicht finanzieren“, sagt Sticha.

Diese „unbefriedigende Restunsicherheit“ schrecke viele Unternehmen ab, bestätigt Steuerexperte Wolfgang Höfle von der Kanzlei TPA. Zwar gab es 2015 eine kleine Entschärfung: Davor hatte die Finanz darauf bestanden, dass die Bons nahe der Arbeitsstätte eingelöst werden. Bei den 1,10 Euro sieht Höfle jetzt „null Probleme“.

Anders bei den Restaurant-Schecks. Mit den 4,40 Euro könnten nämlich Zigaretten gekauft werden. Oder das Familienessen am Wochenende bezahlt. Das wäre nicht steuerbegünstigt – und würde mit einer Karte transparent. In der Praxis händigen die Betriebe ihren Mitarbeitern deshalb Anleitungen aus, wie sie die Bons einlösen dürfen und wie nicht.

Ein Wartungserlass der Finanz von Dezember 2018 erlaubt zwar eine App-Lösung statt der Zettel, die aber auch höchst umständlich ist.

Seit 1994 unverändert

Für weitere Kritik sorgt, dass die Beträge von 1,10 und 4,40 Euro seit 1994 nicht an die Teuerung angepasst wurden, was 35 Prozent realem Wertverlust entspricht. Sodexo und Edenred schlagen eine Anhebung auf 2 bzw. 8 Euro vor.

Laut einer IHS-Studie würde das die öffentliche Hand nichts kosten, sondern sogar 11,3 Mio. Euro Mehreinnahmen bringen. Darüber werde im Zuge der Steuerreform diskutiert, heißt es im Finanzministerium lapidar. Und zwar „ergebnisoffen“.

Gutschein-Geschäfte

Edenred

Das an der Börse Paris notierte Unternehmen ist in 45 Ländern mit 8500 Mitarbeitern vertreten und Weltmarktführer im Bereich Payment Solutions. 2018 wickelte der Konzern insgesamt 2,5 Milliarden Transkationen ab - vorrangig über mobile Anwendungen, Online-Plattformen und Bezahlkarten. Der damit erzielte operative Umsatz betrug 1,33 Mrd. Euro. In Österreich ist man seit 1993 vertreten. 19 Mitarbeiter betreuen 2500 Firmen, 225.000 Verbraucher und 20.000 Einlösestellen.

Sodexo

Das Unternehmen wurde 1966 in Marseille gegründet und notiert auch an der Pariser Börse (Index CAC 40). 460.000 Mitarbeiter in 72 Ländern erzielten 20,4 Mrd.  Euro Umsatz. In Österreich arbeiten 3.700 Personen vorrangig in den Feldern Kantinen und Facility-Management, zum wesentlich kleineren Teil im Bereich Essens- und Geschenksgutscheine.

 

Nachgefragt

KURIER: Österreich will gerade zum Vorreiter in Sachen Digitalisierung werden. Warum ist das bei den Essensgutscheinen nicht möglich?

Ursula Würzl (Edenred):  Wir wickeln weltweit 80 Prozent unserer Transaktionen digital ab, das würde ich mir für Österreich auch wünschen. Jeder kennt die Schlange an der Supermarkt-Kasse, wenn ein Kunde ein Bündel von 1,10 Euro-Gutscheinen abzählt. Das ließe sich mit unserer NFC-fähigen Pre-Paid-Karte einfach vermeiden. Unser Vorschlag wäre, dass 25 Euro Guthaben pro Tag eingelöst werden dürften. Das wäre praxisnahe und zugleich wäre die widmungsgemäße Verwendung für das Essen in der täglichen Mittagspause sichergestellt.

Andreas Sticha: Ein Missbrauch wäre ausgeschlossen, denn eine Hochzeitsfeier können sie mit 25 Euro nicht finanzieren.

Woran scheitert es da rechtlich konkret?

Sticha: Derzeit herrscht Rechtsunsicherheit, wie die tägliche Begrenzung zu verstehen ist: Ob der Arbeitgeber nur einen Gutschein pro Tag ausgeben darf -  was so ohnehin gehandhabt und kontrolliert wird. Oder ob die Verwendung durch den Arbeitnehmer im Supermarkt oder im Restaurant gemeint ist. Da ist es jetzt schon gelebte und tolerierte Praxis, dass Gutscheine kumuliert werden. Das Einkommensteuergesetz und die Lohnsteuerrichtlinien geben hier leider keine klare Auskunft. Eine digitale Lösung würde die Transparenz erhöhen.

In anderen Ländern ist das bereits Usus?

Sticha: Bei Sodexo erfolgen weltweit 71 Prozent der Transaktionen digital bzw. über Karte. In Österreich werden hingegen noch 98 Prozent mit Papier abgewickelt. Wir werden oft von Politikern gefragt, warum in Österreich nicht mehr über digitale Medien abgewickelt wird. Da können wir den Ball nur zurückspielen. Wir wären bereit.

Ursula Würzl: Soeben hat bei uns ein großer Geschäftspartner, der auf Karte umstellen wollte, angefragt: Bitte geben Sie uns schriftlich, dass wir bei der Steuerprüfung mit der Karte kein Problem haben werden. Diese Garantie können wir ohne rechtliche Klarstellung aber nicht geben.

 

Sie kritisieren, dass der Steuerfreibetrag seit 1994 nicht mehr valorisiert, also an die Inflation angepasst, wurde. Was schwebt Ihnen hier vor?

Sticha: Beim Steuerfreibetrag hat es in Österreich seit mehr als einem Vierteljahrhundert keine Wertanpassung gegeben. Der Wunsch unserer Geschäftspartner und der Verwender ist groß, dass es hier eine faire Anpassung gibt. Wir kennen auch niemanden, der sich dagegen aussprechen würde. Es ist allerdings nicht das dringlichste politische Thema, weil es ‚nur‘ 300.000 Arbeitnehmer betrifft.

Ursula Würzl: Zum Vergleich: In Ländern wie Belgien, Frankreich oder Italien liegen die Steuerfreibetrag-Werte bei sieben bis elf Euro pro Tag, dort hat der Zuschuss eine ungleich höhere Attraktivität. Unser Vorschlag wäre, die Lebensmittelgutscheine zunächst von 1,10 auf 2 Euro aufzustocken und die Restaurant-Gutscheine von 4,40 auf 8 Euro  anzuheben.

Warum war das hierzulande bisher kein Thema?

Sticha: Wir haben häufig das Argument gehört: ‘ Das verstehen wir, aber es kostet zuviel.‘ Eine IHS-Studie bestätigt jetzt, dass die Inflationsanpassung der Steuerfreibeträge der öffentlichen Hand unterm Strich 11,3 Millionen Euro Mehreinnahmen bringen und 300 Arbeitsplätze sichern würde. Das mögen im Vergleich zum geplanten Steuerreformvolumen nicht die allergrößten Beträge sein, aber es verursacht auch keine Kosten.

Würzl: Die Essensgutscheine sind eine steuerfreie Sozialleistung, von der Arbeitgeber und Arbeitnehmer profitieren. Gerade in einem Land der Klein- und Mittelbetriebe, wie es Österreich ist. Es stärkt die Kaufkraft, kommt direkt der lokalen Wirtschaft zugute, weil die Gutscheine nicht angespart werden können. Und es ist ein Tool der Mitarbeiterbindung, das die Attraktivität des Arbeitgebers erhöht.

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