Christoph Boschan

© Kurier/Juerg Christandl

Schmuckfarbe
10/29/2016

"Es gibt knallharte Vorteile hier an der Wiener Börse"

Seit 1. September lebt und arbeitet der Deutsche Christoph Boschan als neuer Börse-Vorstand in Wien. Warum er die Österreicher zu selbstkritisch findet und was den hiesigen Kapitalmarkt für heimische Unternehmen sowie für Anleger attraktiv macht.

von Martina Salomon

KURIER: Wie wichtig ist die Wiener Börse? Nach dem angekündigten RHI-Abgang wird wieder einmal diskutiert, ob wir nicht eigentlich eine Mickey-Mouse-Börse haben.

Christoph Boschan: Da sind die Österreicher zu selbstkritisch! Wenn man die Wiener Börse mit objektivem Blick einordnet, dann stellt man an einigen Kenngrößen fest: Ja, die sind auffällig.

Gut oder schlecht?

In beiderlei Hinsicht. Negativ auffällig, weil die Gesamtmarktkapitalisierung (Börsenwert aller Unternehmen, Anm.), gemessen an der gesamten Wirtschaftskraft deutlich unterdurchschnittlich ist. Eigentlich müsste man da die Devise ausrufen: Wir wollen Durchschnitt werden! Im EU-Schnitt liegt sie bei 60 Prozent, in Österreich bei 25 bis 30 Prozent, im angloamerikanischen Raum jenseits von 100 Prozent. Das zeigt das Potenzial des österreichischen Marktes.

Und wie geht’s den börsenotierten Firmen?

Wer hier in Österreich seinen Hauptsitz hat – plus die meisten Mitarbeiter, die wichtigsten Kunden und Investoren –, hat an der Wiener Börse die mit Abstand größte Sichtbarkeit, die größte Liquidität und den kostengünstigsten Handel.

Voest-Chef Wolfgang Eder meinte kürzlich im KURIER-Gespräch dennoch, dass die Wiener Börse überfordert wäre, würde die voestalpine jetzt eine Kapitalerhöhung benötigen.

Die Frage ist, ob sich der Voest-Chef auf die Infrastruktur der Börse bezieht. Meine Gespräche mit Unternehmen haben ergeben, dass es keine Kritik an der professionellen Dienstleistung des Wiener Börseplatzes gibt. Er meint offenbar die Aufnahmefähigkeit des österreichischen Kapitalmarkts.

Der Kapitalmarkt hat aber ganz sicher Luft nach oben.

Ja. Dennoch profitieren heimische Unternehmen von den vorhin beschriebenen Vorteilen der Wiener Börse.

Dennoch hat man das Gefühl, dass große Konzerne wie die voestalpine schleichend abziehen könnten – vielleicht auch von der Wiener Börse, weil man es in London leichter hat.

Ganz klares Nein dazu. Was passiert bei einer Notierung in London oder New York? Die heimischen Investoren hätten erstens über Nacht ein Fremdwährungsrisiko. Für eine kleinere Volkswirtschaft wie Österreich ist die Einbettung in den Euroraum von essenzieller Bedeutung. Zweitens hätten heimische Privatanleger bis zu drei Mal so hohe Orderkosten. Und im Falle Großbritanniens handelt es sich nach dem Brexit um einen Drittstaat. Es gibt knallharte Vorteile hier an der Wiener Börse.

Warum zieht die RHI dann ab?

Das müssen Sie das Unternehmen selbst fragen. Als Börsechef halte ich diese Verlagerung aus den genannten Punkten für grundfalsch. Hier haben sie die große Bühne, in London gehen sie im unteren Mittelfeld unter.

Was sagen Sie den vielen KURIER-Lesern, die speziell seit der Krise 2008 eine Wut auf den Finanzmarkt haben – und ihn für grundböse halten?

An die habe ich eine einfache Botschaft: Investieren ist ein Marathon und kein Sprint. Die zwei erheblichen Krisen dürfen den Blick nicht aufs Wesentliche verstellen: Wir haben im ATX in den letzten 25 Jahren eine Durchschnittsrendite von sechs Prozent. Und jetzt sagen Sie mir eine andere Anlageform, die diese Rendite schlägt. Auch wenn ich manche Kritik für berechtigt halte: Den besten Nachweis für die Sinnhaftigkeit einer entwickelten Aktienkultur erbringen Sie mit erfolgreichen Anlagen. Ich glaube, dass das zeitweise viele Akteure aus dem Auge verloren haben – und da richte ich auch durchaus den Blick auf meine Branche.

Da wird und wurde viel Schindluder getrieben: von Hochfrequenzhandel bis zu undurchschaubaren Produkten.

Stimmt. Aber trotz aller Probleme ist diese Anlageform unschlagbar. Mit der ständigen Beschäftigung mit den Negativeffekten ist ein Problem verbunden: Es verstellt den weniger Gebildeten den Blick auf diesen attraktiven Markt. Wer ist auf dem Kapitalmarkt aktiv? Es sind in aller Regel die besser Ausgebildeten und die, die sich Risiko leisten können.

Alle anderen werden von der EZB abgezockt.

Genau, die anderen werden kalt enteignet durch ein Weginflationieren der europäischen Schuldenlast – sowohl auf Staats- als auch auch auf Unternehmensseite. Bildung ist der beste Anlegerschutz. Deswegen haben wir zahlreiche Informationsveranstaltungen zum Finanzwissen.

Da müssen Sie aber auch unsere Politiker überzeugen.

Es gibt natürlich ein fatales politisches Signal mit der höheren Kapitalertragssteuer auf jene Einlagen, die nicht Zinseinlagen sind.

Wie fühlt man sich als Deutscher in Österreich?Absolut gut. Was ich bis jetzt festgestellt habe: Sie können, wenn Sie mit Kapitalmarktvertretern reden, die Uhr danach stellen, ab wann ein heftiges FMA-Bashing und eine heftige Politikerschelte kommt.

Zu Recht. Die Finanzmarktaufsicht hat sich ja nicht gerade mit Ruhm bekleckert.

Ich kann aus eigener Erfahrung exakt das Gegenteil berichten: Ich habe sowohl bei der FMA als auch bei der Politik offene Ohren und schnelle Termine gehabt. Und ich habe in meiner Karriere selten so gut im Thema stehende Minister erlebt.

Was halten Sie vom versprochenen "New Deal" des österreichischen Bundeskanzlers Christian Kern?

Die Konzeption eines New Deals hat viele richtige Ansatzpunkte. Bisher bezieht sich das Konzept aber fast ausschließlich auf die Gründungsfinanzierung. Wo kommt der Kapitalmarkt vor – und zwar in seiner richtigen Funktion? Als Geldbeschaffung für die Eigenkapitalseite und mit Anleihen für die Fremdkapitalseite. Mein Rat an die Politik: Schaut, dass euch das Leitbild der börsenotierten Unternehmen nicht abhanden kommt. Wo soll es mit ihnen hingehen?

Was bringen börsenotierte Unternehmen dem Land?

Jeder in ein börsenotiertes Unternehmen investierte Euro multipliziert sich mit dem Faktor 2,5 für die gesamte Volkswirtschaft. Wir werden einen Faktencheck einrichten, wo man das alles nachlesen kann. Außerdem steht jedes börsenotierte österreichische Unternehmen für ein Zehntel unserer gesamten Arbeitsplätze. Märkte mit entwickelter Kapitalkultur haben das schnellere, nachhaltigere Wachstum und erholen sich auch schneller von Krisen. Der New Deal ist ja wertvoll. Man muss nur den Kapitalmarkt noch hineinnehmen.

ZUR PERSON: Christoph Boschan

Der 38-jährige Berliner war zuletzt Vorstand der Stuttgarter Börse. Heuer sind die Verträge des gesamten dreiköpfigen Wiener-Börse-Vorstandes ausgelaufen. Boschan ist der neue Vorsitzende. Die Börse ist mit einem durchschnittlichen Monatsumsatz von rund vier Milliarden Euro eine vergleichsweise kleine Börse der Eurozone.

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