Wirtschaft
26.06.2018

Erdogan muss nach Wahlsieg Zwiebelpreise in den Griff bekommen

Experten warnen vor großen Herausforderungen für die türkische Wirtschaft: Hohe Arbeitslosigkeit, die Lira schwächelt, das Wachstum kommt nicht bei der Bevölkerung an.

Für viele ärmere Türken ist es zum Weinen: Der Preis für ein Kilo Zwiebel hat sich innerhalb eines Jahres mehr als vervierfacht. Im Juni 2017 kostete ein Kilo Zwiebeln in der Türkei im Schnitt 1,5 Lira, damals umgerechnet rund 40 Eurocent. Ein Jahr später müssen Türken im Schnitt 6,5 Lira bezahlen, nach dem aktuellen Wechselkurs rund 1,40 Euro bzw. 1,63 Dollar, rechnete das "Handelsblatt" am Wochenende vor. Auch bei anderen Grundnahrungsmitteln wie Kartoffeln sind die Preissteigerungen enorm. "Ein großes Problem für die Wirtschaft", sagte Muharrem Ince, Präsidentschaftskandidat der kemalistischen CHP, kurz vor der Wahl. Einen Wahlsieg fuhr der Erdogan-Herausforderer für seine Warnrufe nicht ein.

Die regierende AKP sackte bei den türkischen Parlamentswahlen am Sonntag zwar ab und die Opposition spricht von groben Unregelmäßigkeiten, dennoch: Präsident Recep Tayyip Erdoğan kann zumindest für die kommenden fünf Jahre im Amt bleiben, hat mit der geänderten Verfassung eine ungeheure Machtfülle.

Die Wahlen waren eigentlich erst für den November 2019 geplant. Warum es Erdogan eilig hatte und die Wahlen vorziehen ließ, war vielen Beobachtern klar: Die türkische Wirtschaft gerät in immer schwereres Fahrwasser, Erdogan hat sich bessere Chancen bei einem früheren Urnengang ausgerechnet - mit Erfolg.

Künstliches Wachstum

Die türkische Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen (siehe Grafik unten), sogar schneller als Chinas Wirtschaft. Doch das Wachstum fußt auf billigen Krediten und hohen Staatsausgaben - Erdogan hat die Wirtschaft künstlich aufgebläht.

In Wahrheit ist die wirtschaftliche Lage prekär, die Arbeitslosigkeit im zweistelligen Bereich, die Inflation hoch - und die türkische Lira verliert an Wert. Zunächst hatte der eindeutige Ausgang der Wahlen am Sonntag die Lira noch gestützt. Die Stimmung drehte jedoch rasch wieder. Schließlich ist die türkische Wirtschaft unter Erdogan in eine Krise gerutscht. Ökonomen sehen jetzt vor allem seine teuren Wahlversprechen mit großer Skepsis.

Türkische Unternehmen haben sich vor allem mit Kapital aus dem Ausland finanziert (Euro- und Dollar-Kredite). Fällt die türkische Währung gegenüber dem US-Dollar weiter, steigen auch die Schulden. Bleibt Erdogan bei seiner Billigzins-Politik, kann das für viele verheerend sein.

Experten: "Brüchiges Fundament"

Das Wirtschaftswachstum der Türkei beruhe auf einem brüchigen Fundament, sagte Axel Angermann, Chefvolkswirt vom Vermögensverwalter Feri. Die Inflation liege derzeit bei mehr als zwölf Prozent und ein Anstieg auf bis zu 14 Prozent in den kommenden Monaten sei bereits abzusehen.

Türkei-Experte Paul Greer (Fondsmanager für Schwellenländer beim Fondsanbieter Fidelity International) warnt vor den nach wie vor großen Herausforderungen für das Land. "Die Türkei hat weiterhin mit zahlreichen makroökonomischen Schwachstellen zu kämpfen, darunter einer anhaltenden zweistelligen Inflation, einem hohen Leistungsbilanzdefizit, einer niedrigen Sparquote, einer Lockerung der Fiskalpolitik und einem großen externen Finanzierungsbedarf."

Im Fokus stünden nun die Namen der neuen Minister, die sich um Wirtschafts- und Finanzfragen kümmern sollen. Kommende Woche will Erdogan sein Team präsentieren.