Wirtschaft
31.01.2013

Ökostrom belastet die Haushalte

Die Privaten zahlen die Rechnung, die Energielieferanten machen satte Gewinne.

Je höher der Ökostrom-Anteil, desto teurer wird der Strom. Ein durchschnittlicher Haushalt in Österreich wird nach Berechnung der Arbeiterkammer heuer 64 Euro für den Ausbau von Ökostrom bezahlen. Das ist verglichen mit 2012 eine Anhebung um 43 Prozent.

In Deutschland zahlt jeder Haushalt jährlich über 150 Euro Ökostrom-Förderung. Daher wird beim Nachbarn heftig über eine Reform des Systems diskutiert.

Bemerkenswert sind die hohen Gewinne, die mit dem geförderten Ökostrom erzielt werden können. „Große Betreiber von Windparks kommen auf eine Rendite von 13 Prozent“, so Arbeiterkammer-Direktor Werner Muhm. Ein wesentlicher Grund für die fetten Erträge sind die garantierten Einspeistarife für die Ökostrom-Erzeuger. Außerdem muss erneuerbare Energie bei der Einspeisung ins Netz bevorzugt behandelt werden.

Unfair

Für Muhm ist es nicht akzeptabel, dass vor allem die Haushalte die Subventionen für die Energiewende bezahlen. „Die Kosten müssen fair verteilt werden.“ Im ersten Halbjahr 2012 lag der Strompreis für die heimische Industrie um 70 Cent je Kilowattstunde unter dem durchschnittlichen Industrie-Strompreis der EU-27. Die Haushalte haben hingegen um 1,17 Euro mehr bezahlt, als der Haushalts-Strompreis im EU-Schnitt.

Mit dem Energie-Effizienzgesetz, das derzeit in Begutachtung ist, könnten weitere finanzielle Belastungen auf die Haushalte zukommen. Die Energielieferanten werden verpflichtet, durch gezielte Maßnahmen die Konsumenten zum Stromsparen zu motivieren, oder Ausgleichszahlungen zu leisten. Die AK rechnet mit 300 Millionen Euro an Ausgleichszahlungen, die in einen Fonds für erneuerbare Energie fließen. Gut möglich, dass versucht wird, die Ausgleichszahlungen auf den Strompreis aufzuschlagen. Auch nicht ausgeschlossen, dass jene Energielieferanten, die in den Fonds einzahlen, sich das Geld als Förderung für erneuerbare Energie zurückzuholen.

Die Umweltorganisation Global 2000 kritisiert den Entwurf, weil es bei der vorgeschriebenen Stromverbrauchs-Reduktion Ausnahmen für Gebäude im Besitz des Bundes gibt.

Mehr Markt

Martin Graf, Vorstand bei der Aufsichtsbehörde E-Control, sieht bei der Energiewende, die eigentlich lediglich eine Ökostrom-Wende ist, ein grundsätzliches Problem: „Subventionen, die unabhängig von Marktpreisen stattfinden, führen zu Marktverzerrungen. Wir brauchen die stärkere Einbindung der erneuerbaren Energie in den Markt. Dann werden sich jene durchsetzen, die wirtschaftlicher sind.“

Graf hält es für notwendig, „das System nachzujustieren.“ Wobei Österreich weniger Handlungsbedarf habe als Deutschland. Hierzulande ist der Wasserkraft-Anteil deutlich höher. Weiters wurde in Österreich eine Obergrenze für die Ökostrom-Förderung festgelegt, die in Deutschland fehlt.

Keinen Handlungsbedarf sieht die E-Wirtschaft. Die Preise für Strom seien im vergangenen Jahrzehnt deutlich langsamer gestiegen als die Preise für andere Energieformen. Als „Preistreiber“ nennt Barbara Schmidt, Generalsekretärin der Interessensvertretung der E-Wirtschaft, Steuern und Abgaben.

Mitterlehner: AK-Kritik "übertrieben"

Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner weist die AK-Kritik zurück. Die Argumente der AK seien "unrichtig und übertrieben", sagte Mitterlehner am Donnerstag im Ö1-Morgenjournal. Die Industrie stärker zu belasten, gehe aus Wettbewerbsgründen nicht. Und: Die Endkunden seien durchaus bereit, für sauberen Strom mehr zu bezahlen.

In Österreich seien die Zuschläge für Grünstrom "wesentlich günstiger" als in Deutschland, nämlich 53 Euro in diesem Jahr im Vergleich zu 186 Euro im Nachbarland, rechnete Mitterlehner vor. Dies sei auch der Grund für die unterschiedliche Aufteilung der Belastung auf Haushalte und Industrie.

"Kann Industrie nicht belasten"

Die Industrie stehe in einem internationalen Wettbewerb. Deswegen "kann ich die Industrie nicht belasten, ansonsten würden Arbeitsplätze gefährdet", so Mitterlehner. Ob er sich da nicht von der Wirtschaft erpressen lasse? "Diese Formulierung ist weitaus übertrieben." Deutschland habe für die Industrie eine Deckelung der Stromkosten "in weitaus höherem Umfang", allein schon deshalb müsse die Belastung für Österreichs Industriebetriebe im Rahmen bleiben.

Außerdem, so Mitterlehner, seien 70 Prozent der Kunden in Österreich gewillt, einen höheren Beitrag für Ökostrom zu leisten, wie eine Umfrage ergeben habe.

Nach AK-Rechnung müssen die Haushalte 40 bis 50 Prozent der Ökostromkosten tragen, obwohl sie nur ein Viertel des Stroms verbrauchen. AK-Direktor Werner Muhm hatte daher gestern gefordert, dass sich die Belastung der Haushalte halbieren sollte.

Wie eine Windfront den Strommarkt verrückt macht

Die Windräder im Norden Deutschlands laufen dieser Tage dank starken Winds auf Hochtouren: 24.000 Megawatt Windkraftleistung ist im Einsatz – so viel wie 20 Atomkraftwerke. Was die Ökostrom-Betreiber freut, sorgt in Europas Energiebranche für regelrechtes Chaos und legt die Probleme der rasanten Energiewende schonungslos offen:

Börsen-Strompreise Windenergie kostet in der laufenden Produktion fast nichts, da Wind keinen Preis hat. Daher drückt aktuell der viele Windstrom den Strompreis im Großhandel. Stundenweise sind die Preise sogar negativ : Produzenten zahlen also, damit ihnen der Strom abgekauft wird. Diese niedrigen Großhandelspreise liegen den großen Stromversorgern wie etwa dem Verbund schwer im Magen. Denn ihre Gewinne schrumpfen.

Kunden-Strompreise Die privaten Stromkunden merken nichts von diesem Preisverfall im Großhandel. Im Gegenteil: Die Endkundenpreise bleiben hoch. Begründet wird dies von den Konzernen mit den hohen Ökostrom-Förderaufschlägen. In Deutschland kostet der Ökostromausbau die Kunden 20 Milliarden Euro im Jahr, in Österreich sind es fast 400 Millionen Euro.

Stromleitungen Der Großteil der Windenergie wird im Norden Deutschlands erzeugt, die Verbraucherzentren sind im Süden. Die Leitungsverbindungen sind aber zu schwach, um den Windstrom in den Süden transportieren zu können. Süddeutschland befürchtet Blackouts.

Österreichs Stromhilfe Die deutsche Bundesnetzgesellschaft hat daher österreichische Versorger um Unterstützung gebeten. Die EVN hat ihre Gaskraftwerke Theiß bei Krems und in Korneuburg extra für Stromlieferungen nach Deutschland hochgefahren. Der Verbund liefert aus seinem alten Ölkraftwerk Neudorf-Werndorf bei Graz. Die Deutschen zahlen für diese Notlieferungen den vierfachen Börse-Strompreis.

Keine neuen Kraftwerke Bei den tiefen Großhandelsstrompreisen investiert kein Energiekonzern in Gas- oder Pumpspeicherkraftwerke. Dafür müsste der Börsen-Strompreis bei rund 70 Euro je Megawattstunde liegen. Am Mittwoch notierte Strom an der Börse in Leipzig bei 26 Euro. Diese Kraftwerke wären aber nötig für jene Zeiten, in denen kein Wind bläst.

Vorrang für Ökostrom Strom aus Wind, Sonne oder Biomasse wird nicht nur stark gefördert, er hat auch Vorrang bei der Einspeisung ins Netz. Bei starkem Wind müssen daher z. B. Gaskraftwerke abgeschalten werden.

Braunkohle Braunkohle ist billiger als Steinkohle oder Gas. Daher laufen Braunkohlekraftwerke in Deutschland auf Hochtouren. Ihr enormer CO2-Ausstoß macht den Klima-Vorteil des Ökostroms nahezu wett.

Verbrauch von Benzin, Diesel und Heizöl sinkt

Rund 9,3 Milliarden Liter Kraftstoff, davon 2,2 Mrd. Liter Benzin und 7,1 Mrd. Liter Diesel, haben die Österreicher im Vorjahr verbraucht. Seit Jahren sinkt der Mineralölverbrauch, im Jahr 2011 waren es noch 9,5 Mrd. Liter. „Ein Grund dafür ist die immer bessere Effizienz moderner Pkw-Motoren und das bewusstere Nutzungs- und Fahrverhalten vieler Österreicher“, sagt der Geschäftsführer des Fachverbandes der Mineralölindustrie, Christoph Capek.

Auch der Absatz an Heizöl Extra Leicht ist um 3,6 Prozent auf 1,4 Milliarden Liter zurückgegangen. Einerseits sinkt die Zahl der Haushalte, die mit Heizöl heizt. Andererseits nimmt die Zahl effizienter Öl-Brennwertgeräte zu. Die modernen Geräte verbrauchen weniger Öl.