Die großen Mineralölkonzerne reagieren unterschiedlich auf die Marktverwerfungen durch die Corona-Krise.

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Wirtschaft
10/12/2020

Die Ölbranche sucht einen Nebenjob

Die Corona-Pandemie könnte die Energiewende in Europa beschleunigen.

von Martin Meyrath

Die Corona-Pandemie hat die Ölbranche hart getroffen. Die Nachfrage brach im Frühling dermaßen schlagartig ein, dass die Unternehmen nicht mehr wussten, wo sie den sonst so gefragten Rohstoff lagern sollten. Die Preise verfielen und erreichten im April sogar kurz einen negativen Wert. Das heißt, der Verkäufer schenkt dem Käufer das Öl und legt sogar noch etwas drauf. Entsprechend setzte es im ersten Halbjahr deutliche Verluste für die Branche.

Die Organisation erdölexportierender Länder und ihre Verbündeten (OPEC+) reagierten mit einer Reduktion der Fördermenge um etwa 10 Prozent. Über den Sommer pendelte sich der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent bei etwa 40 US-Dollar ein. Im Jahresvergleich ist er noch immer um mehr als 20 Prozent niedriger. Aufwändige Verfahren wie Fracking rentieren sich in diesem Marktumfeld nicht.

Strukturwandel

Viele der großen Ölkonzerne setzen daher den Sparstift an: BP baut 10.000 seiner 70.000 Mitarbeiter ab, bei Shell sind es 9.000 bis zum Jahr 2022. Der US-Konzern Exxon kündigte an, 1.600 seiner 14.000 Stellen in Europa zu streichen. Beim amerikanischen Branchendienstleister Schlumberger soll die Reduktion mit 21.000 Mitarbeitern etwa einem Viertel des Personals betreffen.

Das Schrumpfen ist aber nur eine Seite der Medaille. EU-weit setzen Staaten auf die Energiewende und fördern den Ausstieg aus fossilen Kraftstoffen. Ein Teil der Konzerne sieht darin eine Chance zur Diversifizierung. BP und Total haben angekündigt, Milliarden in Offshore-Windparks zu investieren, Shell will sich neben grünem Strom auf Wasserstoff spezialisieren.

„Die OMV bereitet sich darauf vor, dass sie weniger Kraftstoffe herstellt – da werden wir schrumpfen“, erklärte Konzernchef Rainer Seele. Der Konzern baut im Weinviertel zusammen mit dem Verbund derzeit an der bislang größten Fotovoltaikanlage des Landes. Im Gegensatz zu ihren Mitbewerbern will die OMV aber nicht in erneuerbare Energien einsteigen, sondern lediglich damit einen Teil ihres eigenen Strombedarfs decken. Die Wertschöpfungskette soll in der chemischen Industrie verlängert werden, etwa durch die Übernahme von Borealis.

Die Neuausrichtung der Branche hat schon vor der Corona-Krise begonnen. Die Pandemie scheint sie aber zu beschleunigen. Sie zwinge die Mineralölindustrie, „besser und innovativer zu werden“, erklärt Hedwig Doloszeski, Geschäftsführerin des Fachverbands Mineralölindustrie in der Wirtschaftskammer. Geforscht werde zum Beispiel an Bio- und synthetischen Kraftstoffen sowie an ReOil-Verfahren, bei denen Altkunststoff zu Rohöl recycelt wird.

War man bisher weitgehend einhellig von einem Anstieg des weltweiten Ölbedarfs über das Jahr 2035 hinaus ausgegangen, mehren sich die Einschätzungen, dass das globale Ölfördermaximum („Peak Oil“) bereits erreicht wurde. So erwartet etwa Shell-Vorstand Huibert Vigenevo einen weltweiten Bedeutungsverlust von Öl und Gas.

Ungleiche Bedingungen

Die OPEC geht im aktuellen „World Oil Outlook“ hingegen davon aus, dass der weltweite Verbrauch von Öl bis 2045 anteilig zwar leicht an Bedeutung verlieren, in absoluten Zahlen aber weiter ansteigen wird. Grund für diesen Optimismus ist das prognostizierte Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum, insbesondere in China und Indien. Allerdings ist naheliegend, dass die OPEC-Staaten keine Negativprognosen über ihre Haupteinnahmequelle veröffentlichen würden. Selbst, wenn der weltweite Bedarf abnehmen sollte, sind sie auf die Einnahmen angewiesen.

Während in Nordamerika die Frackingunternehmen pleite gehen und die europäischen Konzerne mit der Energiewende hadern, sieht man in Riad dazu bislang keinen Grund. Die Aktienkurse von Shell, BP und OMV verzeichnen im Vergleich zum Vorjahr Einbußen von mehr als 50 Prozent, der des saudischen Aramco-Konzerns hat sich bereits wieder erholt (siehe Grafik).

Das mag auch an den ungleichen Voraussetzungen liegen: Aramco sitzt auf schätzungsweise 20 Prozent der weltweiten Vorkommen, die er bislang vergleichsweise billig fördern kann. Dementsprechend liefert das Unternehmen auch bei einem niedrigen Ölpreis noch Geld in die Staatskasse. Selbst im ersten Halbjahr 2020, während Andere Milliardenverluste verdauen mussten, kam Aramco mit einem, wenn auch relativ moderaten, Gewinn davon.

Auf die Konsumenten wirken sich die Marktverwerfungen nur bedingt aus. Sprit- und Ölpreis korrelieren zwar prinzipiell, erklärt Doloszeski, die Kosten für Raffinerie, Logistik und Steuern stabilisieren den Preis an der Zapfsäule aber. Eine -Abgabe, wie sie ab dem kommenden Jahr in Deutschland gilt, könnte größere Auswirkungen auf den Endverbraucherpreis haben.

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