Die neue Drehleiter elektrisiert: Feuerwehren fahren künftig elektrisch
Die Elektromobilität soll nun auch in der DNA der Feuerwehren ankommen. Nachdem der Weltmarktführer Rosenbauer aus Leonding bereits ein Elektro-Lösch- und Kommunalfahrzeug auf den Markt gebracht hat, folgte jetzt in Zusammenarbeit mit dem Münchner Lkw-Hersteller MAN die erste Elektro-Drehleiter, ein wichtiges Einsatz- und Rettungsfahrzeug.
KURIER: Herr Vlaskamp, Herr Ottel, seit wann kooperieren Sie beim Bau von Feuerwehrfahrzeugen? Und seit wann bauen Sie gemeinsam Elektrofeuerautos?
Alexander Vlaskamp (MAN-Chef): Wir kooperieren seit über 50 Jahren bei Feuerwehrfahrzeugen. Das zeigt sich auch am gemeinsamen Marktanteil. Rosenbauer ist Weltmarktführer im Feuerwehrbereich, wir sind Marktführer in Europa. Nahezu 40 Prozent aller Feuerwehrfahrzeuge in Europa haben ein MAN-Chassis. In Österreich liegt unser Marktanteil bei der Feuerwehr sogar bei 50 Prozent.
Seit wann tüfteln Sie am elektrischen Drehleiter-Fahrzeug?
Vlaskamp: Vor zwei Jahren haben wir gemeinsam beschlossen, ein batterieelektrisches Drehleiter-Fahrzeug zu entwickeln – auch aufgrund des großen Interesses unserer Kunden. Die Drehleiter ist wichtig für Rettungseinsätze, nicht nur bei Bränden. Der elektrische Antrieb bietet viele Vorteile: Beim Einsatz zählt jede Minute, die man schneller am Einsatzort ist. Das kann Leben retten. Durch die gute Beschleunigung ist das Fahrzeug schneller, und es ist zudem leiser. So können die Einsatzkräfte besser miteinander kommunizieren. Und das Fahrzeug wiegt maximal 16 Tonnen.
Warum muss ein Drehleiterfahrzeug weniger als 16 Tonnen wiegen?
Robert Ottel (Rosenbauer-CEO): Das ist eine deutsche Norm. Die Feuerwehraufstellflächen nahe bei Gebäuden sind mit 16 Tonnen Gesamtgewicht beschränkt. Eine Drehleiter muss im Einsatz nah ans Gebäude heranfahren können, daher ist diese Gewichtsbeschränkung im urbanen Raum in Deutschland zwingend notwendig.
Wie lange hat die Entwicklung gedauert?
Ottel: Rosenbauer hatte bereits 2022 das elektrische Lösch- und Kommunalfahrzeug RT im Angebot, die Entwicklung begann drei bis vier Jahre vorher. Vergangenes Jahr haben wir den Panther electric vorgestellt, ein Flughafenlöschfahrzeug. Die Elektro-Drehleiter wurde vor zwei Jahren gemeinsam mit MAN entwickelt und Anfang Juni die erste E-Drehleiter dem Institut der Feuerwehr Nordrhein-Westfalen offiziell übergeben. Das ist eine extrem kurze Entwicklungszeit, die nur durch diese Kooperation möglich war.
Welchen Anteil haben Elektro-Fahrzeuge bei Ihnen am Umsatz?
Ottel: Unter fünf Prozent. Rosenbauer exportiert 92 Prozent außerhalb Österreichs, 53 Prozent außerhalb Europas. Der Elektro-Antrieb ist noch nicht überall akzeptiert, auch wegen der fehlenden Infrastruktur. In hoch entwickelten Städten wie zum Beispiel Tokio, Los Angeles oder Berlin ist die Nachfrage nach Elektro-Fahrzeugen aber sehr hoch.
Ist die Elektromobilität im österreichischen Feuerwehralltag schon angekommen?
Ottel: Noch nicht wirklich. Ein typisches Feuerwehrfahrzeug ist über 20 Jahre im Einsatz. Bis die gesamte Flotte elektrifiziert ist, wird es noch dauern.
Vlaskamp: Wir geben jetzt den Startschuss für die Elektrifizierung dieses Segments.
Welche technischen Limits haben Elektrofeuerwehrautos gegenüber Dieselfahrzeugen?
Vlaskamp: Es gibt keine Limitierungen, eher Vorteile: bessere Beschleunigung, mehr Aufbaufreiheit für Einsatzgeräte. Wir haben zwei Batteriepakete mit zusammen 178 Kilowattstunden an Bord. Damit kann man normalerweise zehn Einsätze hintereinander fahren, ohne zu laden – aber das ist selten nötig. Die normale Fahrdistanz bei einem Einsatz liegt bei etwa acht Kilometern. Man kann zehnmal ausrücken, die Drehleiter aufstellen, den Einsatz durchführen und zurückfahren. Das Fahrzeug lässt sich in 33 Minuten von fünf auf 80 Prozent laden, mit 250 Kilowatt Ladeleistung.
Ottel: Die Drehleiter verbraucht im Einsatz relativ wenig Leistung: hinfahren, aufstellen, fertig. Bei Kommunalfahrzeugen läuft zusätzlich die Pumpe, da ist der Verbrauch höher. Beim elektrischen Kommunalfahrzeug gibt es ein Energy-Backup-System, das gegebenenfalls die Batterie speist.
Sind die Betriebskosten höher oder niedriger? Ottel: Bei den aktuellen Preisen für Diesel und Strom ist es deutlich günstiger. Dazu kommt: Elektrische Fahrzeuge haben deutlich weniger Wartungsaufwand.
Vlaskamp: In der Anschaffung ist das Fahrzeug teurer, aber über die Laufzeit von 20 bis 30 Jahren amortisiert sich das. Dazu kommen die Vorteile: bessere Beschleunigung, weniger Lärm, keine Abgasemissionen am Einsatzort, wo viele Menschen arbeiten oder gerettet werden.
Ein Elektro-Lkw ist zweieinhalbmal so teuer wie ein Diesel-Lkw. Gilt das auch für Feuerwehrfahrzeuge?
Vlaskamp: Beim Chassis ja, es hängt aber auch von der verbauten Batteriekapazität ab. Je weniger Batteriepakete der Fahrzeugeinsatz erfordert, desto näher liegt der Preis des Elektro-Chassis an der vergleichbaren Diesel-Variante. Hinzu kommt der Aufbau, der einen signifikanten Anteil zum Gesamtpreis beiträgt.
Ottel: Der Aufbau ist im Wesentlichen gleich teuer, nur das Chassis ist teurer.
Was passiert, wenn die Batterie während eines Großbrands leer ist?
Ottel: Bei Lösch- und Kommunalfahrzeugen gibt es einen Verbrennungsmotor als Backup, der die Batterien auflädt. Bei der Drehleiter ist das nicht notwendig.
Vlaskamp: Der größte Energieverbrauch entsteht beim Hinfahren. Das Hochstellen der Drehleiter braucht Energie, aber wenn sie steht, ist der Verbrauch sehr gering. Beim Bremsen wird Energie zurückgewonnen. Die Batterie hält sehr lange.
Wie reagieren die Feuerwehrleute auf die Umstellung?
Ottel: Die Bedienung ist völlig identisch zum konventionellen Dieselfahrzeug, es ist keine neue Einschulung nötig. Es fährt sich leiser, besser, hat bessere Beschleunigungswerte. Die Kommunikation im Fahrzeug ist deutlich verbessert, weil die Geräuschkulisse niedriger ist. Die Einsatzkräfte können normal sprechen, alle wissen schon bei der Anfahrt, was zu tun ist. Das reduziert die Einsatzzeit. Nutzer von unserem elektrischen Kommunalfahrzeug RT sind durchweg begeistert. Aber es gibt auch konservative Einstellungen.
Vlaskamp: Deshalb sind wir in Vorleistung gegangen. Wir zeigen, dass E-Mobilität auch in diesem Bereich sehr gut funktioniert und das Fahrzeug allen Anforderungen entspricht. Der Zuspruch auf der Interschutz-Messe Anfang Juni war sehr gut.
Die Absatzzahlen sind aber noch gering?
Ottel: Für die Drehleiter haben wir aus der Schweiz, Benelux und Skandinavien schon erste Anfragen, obwohl wir sie erst im Juni vorgestellt haben.
Vlaskamp: Wir bieten jetzt von fünf bis 50 Tonnen batterieelektrische Nutzfahrzeuge an. Aber es wird einige Jahre dauern, bis wir signifikante Größenordnungen auf den Straßen sehen. Vor sieben, acht Jahren lag der E-Anteil bei Stadtbussen bei drei, vier Prozent. Heute sind wir bei den Ausschreibungen für elektrische Stadtbusse bei 70 bis 80 Prozent. Diese Entwicklung erwarten wir auch bei Feuerwehrfahrzeugen.
Eignet sich der Elektroantrieb für alle Feuerwehrfahrzeuge?
Ottel: Mir fällt kein Anwendungsfall ein, wo es nicht möglich wäre. Kommunalfahrzeuge, Flughafenlöschfahrzeuge, Drehleitern – Rosenbauer bietet diese gängigen Feuerwehrfahrzeuge bereits mit elektrischem Antrieb an.
Wie sieht Ihre Vision für 2030 aus?
Ottel: 2030 wird es einen deutlich höheren Anteil elektrischer Feuerwehrfahrzeuge geben. Als größter Hersteller weltweit sehen wir die Notwendigkeit, diese Innovation voranzutreiben. Die Entscheidung trifft aber der Kunde, in entwickelten Ländern wird der Anteil deutlich steigen.
Vlaskamp: Die Fahrzeuge werden stärker automatisiert sein. Digitalisierung und autonomes Fahren kommen mehr und mehr. Der Fahrer bleibt an Bord, aber das Fahrzeug übernimmt viele Fahraktivitäten. So können sich die Einsatzkräfte auf den Einsatz konzentrieren.
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